Tag 3: Nördlich des Polarkreises

Wieder habe ich die Nacht im Sitzen verbracht, was dem Tiefschlaf nicht gerade förderlich war. Der Blick nach draußen lässt mein Herz höher schlagen. In der Morgendämmerung fahren wir durch einen unendlich wirkenden nordischen Wald - alles ist tief verschneit. Man sieht fast gar nicht anderes mehr außer Schnee, Schnee und nochmals Schnee. An der Heizung im Zug habe ich mich in der Nacht verbrannt, dennoch sind es gerade einmal 18°C hier drinnen. An den Türen ist in der feiner Schnee eingedrungen und überall um sie herum klebt der Schnee an der Wänden und auf dem Boden. Während ich noch schlief, wurde der Bistro-Waggon abgekuppelt und durch einen Panoramawaggon ersetzt. Was für ein Service! Ich frühstücke dort gemütlich mit den Berlinern und genieße das Panorama mit der am Horizont stehenden Sonne.
Die drei scheinen nicht mehr hellauf davon begeistert zu sein, dass sie ab Abisko eine fünftägige Tour mit Skiern und Pulkas unternehmen wollten. Das typische Zögern vor dem Aufbruch. Ich jedenfalls beneide sie um ihre Tour. Durch ihre Tipps habe ich mich nun dazu entschlossen, dass ich heute doch nicht mehr ganz bis Narvik fahren möchte, sondern in einem kleinen Dorf namens Katterjåkk - was noch auf der schwedischen Seite liegt - aussteigen möchte. Dort soll es im Gegensatz zu Norwegens Küste reichlich Schnee geben und dazu eine tolle Landschaft. Außerdem gäbe es dort auch einen Kiosk und eine kostengünstige Unterkunft. Mehr brauche ich doch gar nicht.

Dia-Show

Doch so einfach läuft das alles dann doch nicht. Noch beim Frühstück kommt der Schaffner vorbei und fragt uns nach unserem Ziel. Wenn wir nämlich weiter als nach Kiruna möchten, dann müssten wir dort in den Bus umsteigen, da die Strecke nach Narvik geschlossen ist. Hastig packen wir unsere Sachen, packen uns in unsere dicke Kleidung ein, und verlassen schließlich in Kiruna den Zug. Den Polarkreis haben wir längst hinter uns gelassen und dementsprechend kalt ist es hier. Ich muss erst einmal viel husten, da ich an diese Luft noch gar nicht gewöhnt bin. Alles ist kniehoch mit Schnee bedeckt, nur die Straßen und Gehwege sind so gut es geht geräumt. Die meisten Autos sind höhergelegt und haben zusätzliche Scheinwerfer an ihrer Stoßstangen montiert. Die Gehhilfen alter Frauen sind mit Kufen anstatt mir Rädern ausgestattet.
Ich verabschiede mich von den Berlinern und bleibe noch ein wenig in Kiruna, da ich mich spontan entschlossen habe, mir eine Skiausrüstung zuzulegen. Dieser Sinneswandel kam aus folgenden Gründen: Das Ausleihen eine Skiausrüstung soll sauteuer sein. Warum also nicht gleich eine eigene Ausrüstung kaufen, die ich auch in Zukunft benutzen kann? Und vielleicht noch ein viel wichtigerer Grund: Da Skifahren hier in Schweden Volkssport ist, bekommt man die Teile viel günstiger. Hinzu kommt, dass man die 22% Mehrwertsteuer an der Grenze erstattet bekommt!
Dumm ist allerdings, dass heute Sonntag ist und im Gegensatz zu Stockholm hier fast kein einziges Geschäft geöffnet hat. Ich frage viele Leute nach einer Möglichkeit zum Kaufen von Ski-Equipment, doch entweder schütteln sie den Kopf oder nennen mir Läden, die geschlossen haben. Nach stundenlanger Suche mit dem schweren Rucksack auf den Schultern muss ich aufgeben. So ein Mist! Geschlagen mache ich mich wieder auf den Rückweg zum Bahnhof.
Dabei komme ich an vielen Eisskulpturen vorbei. In den letzten Tagen hat hier das so genannte "Kiruna Snow Festival" stattgefunden und Künstler aus aller Welt haben hier ihre Skulpturen aus Schnee erschaffen. Bei diesen Temperaturen werden die sicherlich noch eine ganze Weile lang halten.
Am Bahnhofskiosk kaufe ich mir eine Telefonkarte und erfahre dabei von der Verkäuferin, warum die weitere Strecke nicht vom Zug befahrbar ist. Irgendwo in den Bergen zwischen Kiruna und Abisko ist ein Zug im Schnee entgleist und versperrt nun den ganzen Abschnitt. Danach habe ich es gar nicht so leicht, mit der Telefonkarte zu Hause anzurufen. Die Scheiben der Telefonzelle sind mit dickem Eis bedeckt und am Boden ist überall der feine Pulverschnee in der Zelle. Um die Tasten besser drücken zu können, muss ich den Handschuh ausziehen, was im Endeffekt nicht sonderlich schlau war. Mein Finger friert beim Wählen fast an den Tasten aus Metall fest. Dabei hat man mich vor dem Aussteigen aus dem Zug ausdrücklich davor gewarnt, metallene Gegenstände mit der bloßen Hand zu berühren oder Gesichtscremes zu benutzen, da das zu starken Erfrierungen bzw. Festfrierungen führen kann. Die Elektronik des Telefons hat in den tiefen Minusgraden stark zu kämpfen. Das Nummerndisplay baut sich nur sehr langsam neu auf und ich schaffe es erst beim vierten Versuch nach Deutschland durchzukommen...
Nach längerer Wartezeit im Bahnhof geht es mit dem Bus weiter nach Abisko. Es ist erst 15 Uhr und die Dämmerung bricht über uns herein. Im Bus bemerke ich erst, wie fertig ich durch den fehlenden Schlaf der letzten beiden Nächte bin. Ich nicke immer wieder ein und die verschneite Landschaft rauscht in Episoden an mir vorbei. Als ich nach kurzem Schlaf die Augen wieder öffne, nähert sich der Bus dem riesigen See Torneträsk. Er liegt unter einer dicken Eis- und Schneeschicht, hinter der sich wundervolle weiße Berge erheben.
In Abisko steigen wir wieder in den Zug um. Für mich ist es sehr schwer die schwedischen Ansagen zu verstehen und ich frage den Schaffner ob er auch Englisch spricht. Darauf seine saloppe Antwort: "Not today." Vielen Dank auch! Noch schlimmer scheint er es allerdings zu finden, dass ich in Katterjåkk aussteigen möchte. Das Ganze läuft hier übrigens etwas anders als in Deutschland. Auch wenn ein Dorf wie dieses im Fahrplan angegeben ist, heißt das noch lange nicht, dass der Zug auch dort hält. Dies passiert erst, wenn der Schaffner von jemandem weiß, der dort aussteigen will, oder wenn jemand mit winkenden Armen auf dem Bahnsteig steht. Schließlich kommt der Moment, in dem ich in Katterjåkk abgesetzt werde.
Etwas ungläubig sehe ich mich um. Das ganze Dorf besteht nur aus der "Turiststation". Der unfreundliche Schaffner blickt mich erwartungsvoll an. Ohne Worte gehe ich zum nächsten Häuschen mit brennendem Licht. Eine Klingel gibt es nicht, dafür sorgt schon der bellende Hund hinter der Tür. Ein Mann mit grauem Bart öffnet die Tür und sieht mich etwas ungläubig an. Ich wäre nur eine Person? Ok, das ließe sich machen.
Erst in diesem Moment lässt der Schaffner den Zug wieder abfahren.
Von dem Besitzer der Turiststation erfahre ich dann auch, dass die Saison noch gar nicht begonnen hat, er könne mir aber trotzdem ein Zimmer geben. Die Saison fängt eigentlich erst in zwei Wochen an und er hätte jetzt auch mit niemandem gerechnet. Momentan lieben hier nur er, sein Hund und die zwei Leute von der Wetterstation. Wahnsinn! Ich habe die Einwohnerzahl dieses Dörfchens schlagartig um 25% ansteigen lassen!
In der Dunkelheit unternehme ich noch eine kleine Fototour in der näheren Umgebung der Hütte. Irgendwie finde ich es hier unheimlich. Ich kann dieses Gefühl nicht so wirklich auf den Punkt bringen. Es liegt wohl an der unglaublichen Stille. Bei jedem verdächtigen Geräusch schrecke ich zusammen, um dann festzustellen, dass dieses Geräusch nur von mir stammen kann. So etwas habe ich für üblich nie.
Stille. Keine Menschen. Keine Vögel. Kein Geräusch. Nur die sich in dunklen Silouhetten abzeichnende Landschaft. Stille.

Fahrplan heute
Ab Uhrzeit An Uhrzeit
Stockholm C 17:00 Kiruna C 09:48
Kiruna C (Schienenersatzverkehr) 14:33 Katterjåkk 16:25

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