Tag 2: Stockholm

Die Nacht war nicht gerade geruhsam. Irgendwann um 4 Uhr sind auch noch so möchtegern-Besoffene Jugendliche mit Abba-Frisuren in das Abteil gekommen und beginnen zu labern und zu kichern was das Zeug hält. Hier hätte ich wieder einen Grund mehr gehabt, eine Wodka-Flasche mitzunehmen: Um sie ruhig zu stellen!
Nach 6 Uhr morgens kommt der Zug im Stockholmer Hauptbahnhof an. Es ist noch dunkel. Schlaftrunken quäle ich mich aus dem Schlafsack und packe schnell meine Sachen. Ich fühle mich hier am frühen Morgen. Ich setze mich erst einmal auf eine Holzbank in der beheizten Haupthalle und frühstücke ein wenig. Dabei kann ich schon einmal das Geschehen hier ein wenig betrachten und mir somit ein wenig ein Bild von den Schweden machen. Seltsamerweise sind viel der "Schweden" hier schwarze, was nicht gerade in das typische Schweden-Bild passt.
Gleich nach dem ersten Foto, was ich draußen auf der Straße mache, beäugt mich einer von ihnen misstrauisch und ruft mir etwas hinterher, was wohl soviel heißen soll wie: "Scheiß Tourist!"
Willkommen in Stockholm!
Ich will sie ja nicht alle über einen Kamm scheren, aber die Schwarzafrikaner scheinen mir am Hamburger Hauptbahnhof, wie auch am Stockholmer Hauptbahnhof gleich "liebenswürdig" zu sein.

Dia-Show

Um 7 Uhr geht die Sonne langsam auf, dennoch sieht man nur sehr weniger verloren wirkende Menschen und Autos auf den Straßen in der Stockholmer Innenstadt. Kein Vergleich zu den Massen, die sich am späten Nachmittag hier bewegen werden. Es sind sagenhafte -10°C und im Laufe des Tages wird die Temperatur sogar auf -7°C ansteigen. Man merkt schnell, dass Stockholm in einer Schärenlandschaft erbaut wurde. Fast überall trifft man auf Wasser, was jedoch zu großen Teilen gefroren ist. Während die Sonne aufgeht, laufe ich zufällig auch am Königspalast vorbei. Zwei Soldaten, die kaum älter als ich sein könne, beachten mich misstrauisch, während sie in der Kälte Wache schieben. Als sie merken, dass ich näher komme, werden ihre lockeren Bewegungen wieder steifer. Der Platz von ihrem Wachtposten auf die Stadt ist einfach toll. Ich bin einfach so "dreist" und mache von hier oben ein paar Fotos. Immer, wenn ich mich schnell umdrehe, haften ihre Blicke auf mir und schnell richten sie ihre Augen wieder geradeaus. Ein schönes Spiel! Es ist fast, als wenn die beiden riechen würden, dass ich Zivildienstleistender bin...
Zufällig bekomme ich noch die Wachablösung mit - als einziger Tourist weit und breit. Ok, ich lasse ihnen schließlich ihre Ruhe. Wer weiß, was ich so alles in meinem dicken Rucksack drin haben könnte...
So langsam wird mir mein schwerer Rucksack zuviel. Zurück am Bahnhof überwinde ich mich dann doch meinen Geiz und stopfe alles außer meinem Fotoapparat in kleines Schließfach, wofür ich 25 Kronen bezahlen muss. Nach einem heißen Kakao bei 7eleven gehe ich dann tatsächlich shoppen. Jawohl! Shoppen! Ganz fasziniert bin ich von dem selbstwaschenden Klo, was das Kaufhaus "Ahléns City" bietet, für dessen Benutzung ich aber auch eine Krone bezahlen muss. Sehr gut ist auch die Auswahl an englischsprachigen Büchern insbesondere Reiseführern und Karten. So gibt es zum Beispiel gleich gegenüber vom Hauptbahnhof einen großen Kartenshop im Stil von "Land&Karte" in Hamburg.
Zu Fuß und ohne das schwere Gepäck gehe ich weiter auf die Halbinsel Skeppsholmen. Hier liegen viele liebevoll hergerichtete Hausboote am Kai. Weg von hier können sie momentan sowieso nicht, da sie allesamt im dicken Eis festgefroren sind. Die meisten Boote scheinen auch jetzt im Winter bewohnt zu sein. Hinter mir hüpft ein kleines Mädchen von einem der Boote auf den Steg, rennt an mir vorbei zum nächsten Boot und fragt offensichtlich, ob ihre Freundin zum Spielen rauskommen darf. Im Hintergrund fährt gerade eine Fähre durch das geräuschvoll unter ihrem Bug brechende Eis. Ich gehe weiter zur nächsten Halbinsel namens Kastellholmen. Der Wind auf dem Burgfelsen der Insel ist schneidend kalt, doch von hier bietet sich ein toller Blick über die vielen Gewässer.
Während ich auf dem Rückweg bin, hält ein Auto neben mir. Die Schweden darin fragen ausgerechnet mich nach dem Weg. Wie sie merken, dass ich kein Schwedisch spreche, versuchen sie es auf Englisch: "We are searching the hostage." Wie Bitte?! Die Geisel? Was habe ich denn mit einer Geisel zu tun? Ziemlich verdutzt lasse ich sie wissen, dass ich ihnen leider nicht weiterhelfen kann, drücke ihnen aber meine Stadtkarte in die Hand. Auch wenn ich nicht glaube, dass ausgerechnet auf der touristischen Stadtkarte von Stockholm Geiseln verzeichnet sind...
Kurze Zeit später treffe ich sie dann in der Jugendherberge wieder, während ich mich gerade mit Informationsmaterial eindecke. Achso! Hostage = Hostel! Geisel = Jugendherberge! Kann man ja auch nicht wissen.
Gegen Mittag mache ich mich wieder auf den Rückweg zum Bahnhof, da ich um 17 Uhr meine Bahn in aller Ruhe erreichen will. Der Bahnhof ist scheinbar auch mittags ein Hort seltsamer Gestalten. Neben mir sitzt jemand, der die ganze Zeit mit "uninteressierten" Augen auf meine Ausrüstung stiert (und dem es scheinbar gar nicht passt, dass ich sie mir zur Sicherheit wieder umlege). Gegenüber schmatzt ein Obdachloser gerade auf seinem Sandwich herum und daneben sitzt ein verwahrlostes Pärchen, das sich die ganze Zeit befummelt. An anderer Stelle fragt mich ein seriös aussehender Geschäftsmann, wie er denn eine bestimmte Nummer aus seinem Notizbuch anrufen könne. Ich werde aus seiner Frage nicht so richtig schlau. Neben der Nummer sehe ich irgendwelches arabisches Gekritzel. Vielleicht sehen mir die Leute inzwischen einfach an, dass ich tagtäglich mit dummen Fragen und Forderungen beschwatzt werden kann.
Aber so ganz schlau werde auch ich aus den Telefonen hier nicht. So wird z.B. meine Visa-Karte an keinem der Telefone akzeptiert, obwohl sie eindeutig als Zahlungsmittel angegeben wird.
Vor der Abfahrt decke ich mich noch schnell mit einigen Lebensmitteln ein. Ein gar nicht so einfaches Unterfangen. Käse und Schokolage sind saumäßig teuer, während man sich mit den vielen verschiedenen Sorten von Knäckebrot, die es hier gibt, totschlagen könnte.
Dann geht es endlich in den Zug. Hier scheinen die Schweden fast in der Minderheit zu sein. Neben mir sitzt ein russisches Mütterchen und irgendein Angehöriger macht mir in verkrampftem Englisch klar, dass ich sie doch bitte morgen um 8.30 Uhr wecken möchte, da sie sonst den Bahnhof von Gällivare verpasst. Auf den drei Sitzen mir gegenüber steigen zu meiner Verwunderung drei Berliner ein, mit denen ich mich den ganzen Abend wunderbar unterhalte. Und es kommt noch extremer. Dahinter sitzen Franzosen und der Rest vom Abteil ist mir einer Pfadfindergruppe aus Mecklenburg-Vorpommern besetzt. Ohne, dass ich es gewusst habe, haben in einigen deutschen Bundesländern heute die Winterferien begonnen und die Welle der deutschen Touris scheint mich nach meinem "freien" Tag in Stockholm so langsam einzuholen...

Fahrplan heute
Ab Uhrzeit An Uhrzeit
Malmö 23:10 Stockholm C 06:10
Stockholm C 17:00 Narvik (12:36)

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