Tag 9: Saalfeld - Berg

In aller Ruhe geht das Dia-Festival zu Ende. Die meisten Leute sind bereits gestern schon abgereist und nur wenige sind heute Morgen noch auf der Zeltwiese. Felix und ich haben uns den Wecker gestellt, damit wir rechtzeitig nach Sonnenaufgang wach werden. Felix schafft es im Halbschlaf einen Arm aus dem Schlafsack zu strecken, um den nervtötenden Wecker auszustellen. Ich döse seelenruhig weiter und wach sind wir dann erst um halb zehn. Scheiße!
Ausgerechnet heute, wo wir uns eine recht lange Etappe vorgenommen hatten, haben wir zwei Stunden vom Tageslicht nur mit Schlafen vernichtet. Schnell bauen wir unsere Zelte ab und verzichten auf das Frühstück. Die meisten der gestern übrig gebliebenen Camper sind schon abgereist oder schwingen sich gerade auf ihre bereits bepackten Räder.

Nach einer Weile schaffen auch wir es dann aufzubrechen. Über den Saaleradweg geht es raus aus Saalfeld. Ausgerechnet hier beginnt der schwierigste, soll heißen gebirgigste Teil dieses Radweges. Immer wieder geht es auf und wieder ab, doch dafür werden wir auch mit einer einigermaßen guten Aussicht belohnt. Die Sonne scheint heute leider nicht und die Wolken liegen tief über der Landschaft. Meine Bremsen wirken bei den vielen Abfahrten fast gar nicht mehr. Sie sind in den letzten Tagen viel zu sehr abgenutzt worden und bis jetzt habe ich mich nicht dazu bequemt, die neuen Bremsklötze einzubauen. Felix kann das Ganze irgendwann nicht mehr ansehen. In einem Dorf halten wir an einer Bushaltestelle, nehmen mein Hinterrad raus und bauen erst einmal die neuen Bremsklötze ein. Ist wohl auch besser so. Danach bin ich erstaunt, wie gut mein Rad doch bremsen kann. Hatte ich ganz vergessen.
Zum Frühstück kommen wir erst an einem Lidl-Supermarkt in Kaulsdorf. Ich kaufe uns zwei schöne Kaffeekränzchen und ein wenig zu knabbern. Danach kaufen wir uns noch die aktuelle Ausgabe der "OTZ", der lokalen Zeitung. Und tatsächlich steht da sogar was über mich drin - wenn auch ohne Foto. Beim Wohnort wird "Ueterse" erwähnt, obwohl ich dem Reporter gestern ganz genau U-e-t-e-r-s-e-N buchstabiert habe. Nie, wenn ich wusste was dahinter steht, habe ich in meinem Leben einen fehlerfreien, geschweige denn wahrheitsgetreuen, Artikel gelesen. Wenigstens wurden hier im Wahrheitsgehalt meines Wissens keine Abstriche gemacht, was diese Zeitung immerhin auszeichnet.


Blick von der Talsperre Hohenwarte

Über Kopfsteinpflaster fahren wir weiter zur Talsperre Hohenwarte. Von nun an geht es mehrere Kilometer an dem sich durch die gebirgige Landschaft schnörkelnden See entlang. Doch größtenteils führt der Saaleradweg hier abseits der Saale, da es in dem unebenen Terrain kaum eine Straße am See oder der Saale entlang gibt. Bei der Auffahrt vom See in das Hinterland wählen wir eine Abkürzung von der Karte und werden dafür mit einem umso steileren und langen Anstieg belohnt. Es ist bewundernswert, wie schnell Felix mit seinem vielen Gepäck nach oben radeln kann, während ich wie immer in meiner gewohnten Schrittgeschwindigkeit bergauf schleiche.
Von oben bietet sich dann ein schöner Ausblick auf die umgebende Landschaft. Man meint, sich auf halber Höhe zwischen Erde und Wolken zu befinden. In einem Dorf namens Liebschütz entschließen wir uns wieder einmal dazu abzukürzen, da der Weg an der Saale entlang einen riesigen Schlenker macht, nicht asphaltiert ist und somit sicher sehr unangenehm matschig zu fahren ist. Auf und ab geht es durch Feld- und Wiesenlandschaft nach Ebersdorf.


Blair Witch...

Dort möchten wir durch den Wald weiter um bei Saaldorf wieder zurück an die Saale zu gelangen. Kaum studieren wir die Karte für die richtige Abzweigung, öffnet sich im Haus neben uns ein Fenster und ein Mann fragt, ob er uns helfen kann. Er ist sehr hilfsbereit. Man möchte sagen, vielleicht sogar zu hilfsbereit. Er weist uns mehrmals die Richtung und sagt uns auch mehrmals, wie wir hinter dem Wald weiterfahren sollen. Durch den Wald müssen wir nur den Schildern des Wanderweges folgen. So eines, wie an seinem Haus eins befestigt ist.


...und ihr Wald

Machen wir uns also auf den Weg. Der Forstweg ist in annehmbarer Qualität; wenn man mal davon absieht, dass er stellenweise mit dickem Eis bedeckt ist. Immer wieder rutschen wir aus. Absteigen hilft auch nicht viel, da meine Schuhsolen auf dem Eis viel schneller wegrutschen als mein Fahrrad. Wir geben dabei gegenseitig ein so tolles Bild ab, dass wir uns vor kichern kaum noch halten können und erst recht ausrutschen.
Der Spaß hat ein Ende, als wir den richtigen Weg nicht mehr finden. Ratlos stehen wir an einer Stelle am Saale-Stausee, die wir mit unserer Karte überhaupt nicht in Vereinbarung bringen können. Die Sonne geht nicht da unter, wo sie es sollte, das Wasser fließt nicht in die richtige Richtung und überhaupt: Nichts passt! Ratlos fahren wir weiter und versuchen uns noch ein wenig an die Wandermarkierungen zu halten. Nach einem langen Anstieg über schlechte Piste meine ich plötzlich wieder Ebersdorf vor mir in der Ferne liegen zu sehen. So ein verdammter Mist! Sch...! Dreck! Das darf doch nicht wahr sein! Wir fahren an anderer Stelle noch mal in den Wald und versuchen es auf ein Neues, bis wir schließlich an eine Kreuzung treffen, die wir schon kennen. Sind wir denn eine "Acht" gefahren? Das hätten wir doch merken müssen. Ich werde stinksauer. Felix plädiert nur noch für die Lösung "raus aus dem Wald", was im Nachhinein gesehen sicherlich auch vernünftiger war. Wir wollten den Wald eigentlich nach Süden durchqueren und kommen an einer total ungünstigen Stelle im Dorf Zoppoten wieder raus. Inzwischen ist es stockdunkel und wir müssen erst mal eine Pause machen. Ich kann es immer noch nicht fassen, wie man sich in einem Wald so sehr verirren kann, dass man nicht einmal in der angepeilten Richtung wieder herauskommt. Unheimlich...


Eislanglauf

Nun müssen wir von Zoppoten wieder zurück nach Ebersdorf fahren und nehmen von dort die Hauptstraße nach Lobenstein. Von Lobenstein geht es dann endlich nur noch bergab und zurück zur Saale - und das auf einer wunderbar ausgebauten Straße, die kaum Verkehr hat. Im an der Saale gelegenen Industriegebiet von Harra beginnen dann wieder die Steigungen. Um die vielen Industrieanlagen zu umfahren, geht es immer wieder auf, ab, auf, ab, auf, ab, auf, ab... und das oftmals mit 15 % Steigung und Gefälle in der Dunkelheit.
Und dann kommt es: Ein kleines unscheinbares Schild kündigt uns den Grenzübertritt in den Freistaat Bayern an. Entschuldigung. Franken, wie mich Felix immer wieder korrigiert. Bayreuth gehöre schließlich nicht zu Bayern. Und kaum sind wir in Bay... äh, Franken, werden die Schilder für den Saaleradweg so kompliziert, dass wir uns gleich verfahren. Felix fragt einen Landwirt, der gerade seinen Traktor in der Garage repariert. Wir wären wieder fast in die falsche Richtung gefahren und ich wollte auch noch darauf bestehen. Irgendwie scheine ich mit der Orientierung heute kein Glück zu haben.
Vor Hirschberg kürzen wir wieder ab und trampeln aus dem Saaletal wieder rauf ins Hochland. Das erste Mal auf dieser Tour schiebe ich mein Rad eine Steigung bergauf. Dort oben erfasst uns wieder der stetige Wind und wir geraten in Wolken, die die Kälte um uns noch unangenehmer machen. Ich habe als Tagesziel immer noch Hof im Kopf, während Felix diese Vorstellung scheinbar längst aufgegeben hat. Im Kopf überschlage ich, dass wir in Hof noch gegen 22 Uhr ankommen könnten, um gerade noch rechtzeitig in der Jugendherberge einchecken zu können. Meine Fahrautomatik hat sich wieder eingeschaltet und ich denke nur noch ans Vorwärtskommen - oder an gar nichts. Dieser Zustand ist schwierig zu beschreiben. Ich habe keinen Hunger, obwohl mein Körper ziemlich ausgezehrt ist und pausieren will ich auch nicht, da erst dann die Muskeln anfangen zu schmerzen. Landschaften und Menschen interessieren mich in dieser Phase nicht mehr. Felix sieht das Ganze etwas "entspannter". Er würde heute nur sehr ungern bis Hof durchpowern und er muss mich zu einer Zwangspause überreden, da er sonst mangels Essen umzukippen drohe. In so einer Phase bauen sich natürlich untergründige Spannungen auf, die es so gut wie möglich auszuhalten gilt. Bei der Pause werde auch ich langsam müde. Und dabei sitzen wir gerade in einer so gemütlichen Bushaltestelle in einem Dorf namens Schnarchenreuth. Ein Auto fährt mit Abblendlicht auf unsere Bushaltestelle zu. Am liebsten würde ich diesem Spinner in diesem Moment die Leviten lesen. Er schwenkt ein und hält vor uns. Es ist ein Polizeiauto. Hinter dunklen Scheiben blickt uns ein Polizeibeamter an, der wohl nicht so recht weiß, was er von uns Landstreichern halten soll. Dann fährt er ohne auszusteigen oder ein Wort zu sagen weiter. Felix sagt nur irgendetwas von "Typisch Bayern..."

Wenige Kilometer weiter reicht es uns dann beiden für heute. In Berg, was übrigens wirklich recht hoch liegt, fahren wir die erstbeste Pension an. 47 Euro will man für eine Übernachtung für zwei Personen haben. Ok, hier gibt es sicher weit und breit keine Alternativen und wir stimmen zu. Das Zimmer ist sogar sehr komfortabel. Das Schönste ist, dass es ein großes Bad gibt, wo wir unser nasses Gepäck abstellen und duschen können. Purer Luxus...

Heute gefahren:
84,21 km
Gesamt:
561,40 km


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