Tag 5: Heldrungen - Saalfeld

Eigentlich wollte ich erst morgen in Saalfeld ankommen. Gestern habe ich mich noch absichtlich durch das Fahren über viele Feldwege abbremsen wollen und bin trotzdem weiter gekommen, als eigentlich geplant war. Nun sieht es so aus, als ob Saalfeld nur noch etwas über 100 km entfernt ist, was natürlich ganz gut in einer Tagestour zu schaffen sein sollte. Also, packe ich es an...
Vor der Abfahrt muss ich noch meine Schutzbleche und Bremsen von den dicken Lehmklumpen befreien, die sonst am Fortkommen ziemlich hindern würden. So dreckig war mein Fahrrad noch nie. Und kaum habe ich die großen Klumpen ab bekommen, da fängt es auch schon an zu regnen. Na toll! Passend! So wird dies heute ein Tag der langen Straßen, ohne jeglichen Feldweg.
Erst geht es durch die sogenannte Thüringer Pforte, ein Engpass, an der die Unstrut durch die Höhenzüge Schmücke und Hainleite fließt. Von der Brücke, die bei Sachsenburg die Unstrut überspannt hat, liegen nur noch Trümmer im Flusslauf. Die letzte Überschwemmung scheint ganze Arbeit geleistet zu haben.


Zerstörte Brücke bei Sachsenburg

Für mich geht es weiter auf der B85. Immer weiter, weiter, weiter, weiter...
Die Straße spannt sich wie ein langes Band über eine weitläufige hügelige Landschaft mit nur wenigen Bäumen und sich weit ausstreckenden Feldern. Auf der rund 40 Kilometer langen Strecke von der Thüringer Pforte bis nach Weimar komme ich nur durch acht Dörfer und einen größeren Ort namens Kölleda. Diese Gegend ist also für deutsche Verhältnisse ziemlich dünn besiedelt. Ein Glück, dass der Wind heute nicht allzu kräftig ist, alleine der Regen vertreibt einem schon den Spaß. In den ersten Stunden dachte ich noch an den Spruch: Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung und habe dem innerlich bedenkenlos zugestimmt. Ich kam gut vorwärts und meine Klamotten haben den Regen abgehalten - für ein paar Stunden zumindest. Ein paar Stunden später bin ich kurz davor mich für diesen höchst dämlichen Gedankengang selbst zu ohrfeigen. Bei Weimar beginnt meine Stimmung dann rapide zu sinken. Der Regen kommt längst durch die Jacke und die Handschuhe sind nur noch nasse Klumpen, die die Kälte von knapp über 0°C direkt an meine Hände übertragen. Nur meine kleine, aber sauteure, Windstopper-Mütze gibt nicht auf. Während der Kopf den ganzen Tag warm bleibt, kühlen alle anderen Körperteile im Laufe des Tages immer mehr aus und versteifen.
Weimar versuche ich dabei nur möglichst schnell hinter mich zu bringen. Die Stadt mag zwar ganz nett sein, das trifft aber kaum auf einen solch verregneten Tag zu. Ich habe nur Augen für die engen Straßen mit ihrem dichten Verkehr und bin froh, als ich die Stadt nach abenteuerlichen Wegen endlich hinter mich gebracht habe. Nun hat die weitläufige Wiesenlandschaft ein Ende und die ersten Erhebungen des Thüringer Waldes machen sich bemerkbar. Es geht wieder weiter auf der B85 und ich kann mich nicht erinnern, an dieser Straße auch nur einmal einen längeren Radweg gesehen zu haben. Von nun an achte ich nur noch auf die deftigen Steigungen, die wenigstens die Körpertemperatur in die Höhe treiben. Die eigentlich so schöne Landschaft ist in ein graues Licht gehüllt und ich kann mich an ihr kaum noch begeistern. Der Nackenschmerz hat schon längst wieder begonnen und ich kann meinen Körper, abgesehen von den Beinen, aufgrund der kalten Gelenke nur noch langsam bewegen. Erst freue ich mich noch auf die kilometerlange Abfahrt von Teichel nach Rudolstadt. Rudolstadt ist nur noch wenige Kilometer von Saalfeld entfernt. Doch diese Abfahrt hat es in sich. Die Kälte geht jetzt erst so richtig durch die durchnässten Klamotten. Als die Abfahrt endlich seichter wird, kann ich auch kaum noch meine Beine bewegen und bin nur noch fähig zu grobmotorischen Bewegungen. In Teichröde reicht es mir dann. Ich bin zwar nur noch wenige Kilometer von meinem Ziel entfernt, doch es geht einfach kaum noch weiter. Ich brauche Entspannung und muss mich in meinen nassen Klamotten dringend mal aufwärmen. Ich fahre die erstbeste Kneipe an und bestelle einen heißen Kakao, während ich meine tropfenden Klamotten an die Garderobe des staunenden Wirtes hänge. Er ist ziemlich wortkarg und hält mich wohl für eine Art Landstreicher. Das kann ich ihm auch nicht verdenken, so wie ich aussehen muss.


Pisswetter!

Doch als ich später in Rudolstadt ankomme, ist alles wieder kalt. Eigentlich bin ich einen Tag zu früh und ich weiß nicht, wo ich in Saalfeld übernachten soll. Da machen mir auch diese paar Kilometer zum Ziel nichts mehr aus. Ich meine davon zu wissen, dass es in Rudolstadt eine Jugendherberge gäbe. Leider sehen das die Einwohner dort nicht so, was wohl auch stimmt. Also mache ich mich doch auf den Weg nach Saalfeld. Für diese paar Kilometer folge ich noch dem ziemlich gut ausgebauten Saaleradweg. Und siehe da, die Motivation, in Kürze am Ziel anzukommen, aktiviert doch noch ein paar letzte Reserven. Bei meiner Ankunft in Saalfeld ist mir wenigstens nicht mehr kalt.
In der Dunkelheit mache ich mich erfolglos auf die Suche nach den Saalewiesen. Auf den Saalewiesen soll für die Zeit des Dia-Festivals ein Lager stattfinden, wo von außerhalb angereiste Besucher ihre Zelte aufschlagen dürfen. Doch alleine dort übernachten? Ich glaube nicht, dass das so toll wäre und heute ist dort bestimmt noch niemand. Ganz zu schweigen von meinen total nassen Klamotten, die ich bei diesen Temperaturen sicher nicht trocken bekommen werde.
Also erkundige ich mich bei der Touristeninformation nach der billigsten Übernachtungsmöglichkeit sowie dem Weg zu den Saalewiesen als Alternative. Ich habe Glück, dass ich einen Tag zu früh komme. Am Wochenende wäre wegen des Dia-Festivals alles ausgebucht, lässt man mich wissen. Zumindest werfe ich noch einmal einen Blick auf die Saalewiesen, die einsam und ohne eine Menschenseele in der Dunkelheit liegen. Nein, hier möchte ich echt ungern alleine übernachten. Ich suche mir den Weg zu dem Privatzimmer, das man mir genannt hat.



Heimelig...

Kaum habe ich vor der Tür des Hauses gehalten, geht auch schon fix die Tür auf und eine stämmige alte Dame begrüßt mich, während sie ständig mit einem Stock in ihren Händen klopft. Schluck! Was ist denn jetzt los? Sie hat mich nach dem Anruf aus der Touristeninformation erwartet.
Jetzt geht alles ganz fix. Die Irritation über den Stock in der Hand ist schnell verschwunden. Mein Fahrrad wird im Schuppen verschlossen, meine vermatschten Packtaschen werden im Zimmer auf eine Plane gestellt, meine Schuhe kommen mit Zeitung darin in den Heizungskeller zum trocknen, die klatschnassen Socken werden dort ebenfalls aufgehangen und überhaupt brauche ich mich um nichts mehr Sorgen zu machen. Und das Zimmer ist das luxuriöseste, was ich jemals auf einer Fahrradtour gehabt habe. Jede Wand ist mit irgendetwas vollgestellt. Und das tollste an allem: Es gibt sogar einen Herd, auf dem ich mir für den Abend eine Portion Spaghetti kochen kann. Die Möblierung wirkt in Teilen typisch ostdeutsch, was auch seinen Reiz hat, und um mangelnde Fürsorge brauche ich mir hier sicher keine Gedanken zu machen.

Heute gefahren:
107,01 km
Gesamt:
467,19 km


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