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Tag 1: HH-Harburg - Hösseringen
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Und wieder einmal beginnt eine Radreise mit der für mich schon fast obligatorischen Einfahrt in den Harburger S-Bahnhof. Der Weg aus dem Bahnhof raus ist wieder einmal schnell gefunden - der Weg vom Bahnhof weg wieder einmal weniger schnell. Inzwischen hasse ich Harburg fast dafür, dass es mich zu Beginn meiner Radreisen immer auf eine stressige Probe stellt. Andererseits bringe ich diese Stadt inzwischen nur noch mit einem in Verbindung: Aufbruch. Eigentlich müssten mir die Leute hier doch schon mit einem freundschaftlichen Gruß zuwinken. Sture Norddeutsche!
Es geht los
Auf kleinen Wegen fahre ich schließlich quer durch das riesige Horster Autobahndreieck und bin danach endlich raus aus der Stadt.
Die letzten Tage waren wir hier im Norden durchgehend mit einem kräftigen Nordostwind gesegnet, der mich täglich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause "geschoben" hat. Da denkt man sich natürlich...Hmm... dieser Wind wäre doch für meine Tour in den Südosten ideal! Pustekuchen! Heute bläst mir den ganzen Tag über ein steifer eisiger Wind ins Gesicht! Entnervt quäle ich mich auf nicht enden wollenden Landstraßen vorwärts und könnte mich selbst für meine dumme Idee von einer winterlichen Radtour ohrfeigen. Nun, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen und ich muss wieder einmal meine Tagträumerei ausbaden. Aber verdammt noch mal! DREI Wochen!? Drei Wochen habe ich mir dafür vorgekommen? Im Winter? Ich muss verrückt sein...
Zur Motivation habe ich mir ein paar Zwischenziele gesetzt: Erst einmal Karsten Bley in Braunschweig und Felix Lonicer, die ich beide aus dem Internet kenne, aber noch nie persönlich gesehen habe. Mit Felix möchte ich mich auf dem wahrscheinlichen Höhepunkt dieser Radreise treffen: Dem Thüringer Dia-Festival in Saalfeld. Wir werden sehen...
Wegen dem Wind versuche ich nun vermehrt Forstwege durch den Wald zu fahren. Doch schon mein erster Versuch verläuft nicht gerade glücklich. Als ich zwei Spaziergänger nach dem Weg frage, wirft der eine nur einen kritischen Blick auf meine Reifen. "So dick sind die aber nich, oder?"
Nun ja, auf dem darauffolgenden Wegstück habe ich mit tiefem Sand und Gegenverkehr in Form von Pferden zu kämpfen. Hinzu kommt noch, dass es scheint, dass ich mir den "gebirgigsten" Teil der Heide ausgesucht habe. Ächtz!

Durch den malerischen Ort Salzhausen und weiter über Betzendorf erreiche ich mitten im Wald nach langer Fahrt endlich den Radfernweg Lüneburg-Braunschweig. Hier habe ich kaum noch mit Sand zu kämpfen, dafür aber umso mehr mit Matsch. Meistens verläuft zwar ein besser ausgebauter schmaler Radweg neben dem Forstweg, doch der ist an vielen Stellen von umgeknickten Bäumen und Sträuchern bedeckt. Der letzte Sturm hat ganze Arbeit geleistet.
In Ebsdorf halte ich noch kurz an der Tankstelle um einen Liter Milch und Wasser zu kaufen. Die folgenden Orte auf meiner Karte werden wohl alle ohne Supermärkte sein. Inzwischen habe ich einen recht geschulten Blick, um Einkaufsmöglichkeiten auf einer Karte auszumachen, selbst wenn sie nicht eingezeichnet sind. Die Milch brauche ich für das Frühstück und den Liter Wasser zum Kochen heute Abend und zum Waschen danach.
Doch es geht noch um einiges weiter heute. Und Ebsdorf war tatsächlich der Ort mit der letzten Einkaufsmöglichkeit für heute. Wieder trete ich auf den Landstraßen gegen den kräftigen Gegenwind an. Von der versteiften Haltung habe ich inzwischen ein so schmerzhaftes Gefühl im Nacken als wenn mir gleich ein Horn aus dem Nacken wachsen würde. Unangenehm.

Während ich langsam über einen Waldweg bei Dreilingen holpere, beginnt bereits die Dämmerung. Der Schmerz im Nacken ist derart stark, dass ich - obwohl keine Steigung vorhanden ist - absteige und ein paar hundert Meter schiebe, nur um den Körper zu entspannen. Bis ich endlich die Lichter von Dreilingen zwischen den Bäumen auftauchen sehe.
Und es geht noch weiter. Ich muss heute noch einiges mehr an Kilometern schaffen. Im schwachen Schein der Fahrradlampe mache ich mich auf zur nächsten Walddurchquerung. Es scheint heute kein Mond am Himmel und ich sehe den Weg nur schemenhaft in der Dunkelheit. Die Schlaglöcher kann ich im schwachen Licht nur selten von simplen Laubhaufen unterscheiden und auch die im Weg liegenden Bäume erkenne ich erst im letzten Moment. Steigungen bemerke ich nur dadurch, dass sich die Reifen schwerfälliger bewegen. Allerdings kann das aber auch ein Zeichen dafür sein, dass ich jeden Moment wieder in dem lehmigen Boden stecken bleiben oder wegrutschen werde. Was oft genug vorkommt. Meine Sinne sind aufs äußerste angespannt. In diesem Stress vergesse ich sogar den stechenden Schmerz in meinem Nacken. Denn Anhalten und ganz ohne Licht stehen möchte ich hier nur ungern. Irgendwann tauchen dann endlich die ersehnten Lichter von Hösseringen auf und nachdem ich lange durchgeschüttelt wurde, spüre ich endlich wieder unglaublich angenehmen Asphalt unter meinen Reifen.
Hösseringen wird zwar von der ICE-Fernstrecke Hamburg-Hannover durchschnitten, dennoch liegt es mitten im Nirgendwo zwischen großen Wäldern. Es gibt nur eine befestigte Straße nach Norden und mein Handy hat hier natürlich - wie auch sonst - keinen Empfang. Es ist wieder einmal Zeit meine Mutter anzurufen und siehe da: Es gibt sogar eine Telefonzelle in diesem Kaff. Meine Mutter ist gar nicht so begeistert davon, dass ich im Zelt übernachten möchte und plädiert dafür, dass ich doch lieber in der 30 Meter von mir entfernten Pension Einzug nehmen solle. Ich beantworte das nur mit einem flüchtigen "Jaja", was soviel heißt wie "Na, vielleicht".
Nach langem Überlegen entschließe ich mich dann doch dazu wild zu campen. Ich folge noch ein wenig dem holperigen Radwanderweg in den nächsten Wald und finde mit Hilfe der Taschenlampe direkt daneben ein nettes Plätzchen auf einer Wiese. Jetzt ist mir alles egal und ich baue das Zelt auch in Sichtweite des Weges hinter ein paar Strohballen auf, die zufällig die gleiche Farbe haben wie mein Zelt. Wer mich hier sieht, muss auch erst einmal so verrückt sein, um diese Jahrszeit diesen Weg zu fahren. Seltsamerweise kommen bis zum nächsten Morgen dann doch einige Autos vorbei. Ausgerechnet dieser Weg ist nämlich die kürzeste Strecke zur nächsten Bundesstraße.
Aber was jetzt viel wichtiger ist: Entgegen meinen erfolglosen Versuchen von gestern Abend funktioniert mein neuer Benzinkocher heute auf Anhieb. Der Abend ist gerettet.
| Heute gefahren: |
96,75 km |
| Gesamt: |
96,75 km |
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