Tag 33: Zell am See - Scheffau am Wilden Kaiser

Wie ich aufstehe, sind die Kieler bereits weg. Nach dem Zusammenpacken mache ich mich auf den Weg in Richtung Norden. Dabei folge ich einem Radwanderweg nördlich des Zeller Sees. Im Norden sind die gigantisch wirkenden Gipfel des Steinernen Meeres nicht zu übersehen. Der Radweg in Richtung Inntal ist sehr gut ausgebaut und ausgeschildert. Ich genieße das angenehm frische Wetter. Die Steigungen sind nur gering, bringen mich aber dennoch auf Höhen über 1.000 Meter.

Das Steinerne Meer
Das Steinerne Meer

Mein letztes Bargeld habe ich heute Morgen ausgegeben und die Trinkflaschen sind leer. Also fahre ich im Dorf Rosenegg die Raifeisenbank an um vorerst Geld nachzutanken. Zu meiner Verwunderung kommt kein Geld aus dem Automaten. Nichts zu machen. Ich frage in der Bank nach. Der sehr freundliche Angestellte geht mit mir zum Automaten und lässt sich von mir die Problematik erläutern. Bisher konnte ich überall in Österreich Geld abheben. Er kann sich das auch nicht so richtig erklären und empfiehlt mir, es bei der Hauptstelle in Fieberbrunn zu versuchen. Also fahre ich diese Kilometer noch einmal zurück und versuche es dort auch einmal. Auch keine Möglichkeit. Obwohl mir meine Eltern bereits vor drei Tagen 100 Mark auf mein Konto überwiesen haben. Ich fahre zurück nach Rosenegg und frage den Angestellten noch mal, wie ich hier an Geld kommen könnte. Er lässt nichts unversucht mir zu helfen. Ich habe schon ein schlechtes Gewissen, während er bei der Telefonauskunft die Nummer meiner Bank nachfragt. Gleich danach ruft er bei ihr an und fragt, wo dort das Problem liegen könnte. Er kommt mit dem Angestellten meiner Bank zu keinem Ergebnis und übergibt mir den Hörer. Der Mensch am anderen Ende der Leitung ist nicht gerade der freundlichste. Schlicht und einfach; das Geld wäre nicht auf meinem Konto und da wäre auch nichts zu holen. Erst hat er noch gesagt, dass 80,- DM auf meinem Konto wären, kommt aber erst spät darauf, dass da schon eine Verfügung einer von Trieste drüber besteht. (Wie ich Wochen später wieder zu Hause bin schiebt es eine Filiale meiner Bank (Volksbank) auf die andere. Eine komplizierte Geschichte...)
Doch nun stehe ich hier in Österreich und mit den paar Groschen im Portemonnaie komme ich nicht weiter - habe nicht einmal Geld um meine Trinkflasche aufzufüllen. Der Bankangestellte möchte seine Beziehungen spielen lassen und sagt mir, dass er den Besitzer des nächsten Campingplatzes gut kennt und ich dort sicherlich kostenlos übernachten könnte. Er hat schon so viel für mich getan. Ich lehne dankend ab, da ich heute gerne noch weiter kommen würde. Es ist gerade erst Mittagszeit. Für den Rest der Fahrt bekomme ich das Problem nicht aus meinem Kopf. Meine Eltern sind inzwischen in München und können von dort aus keine Überweisungen mehr an mich durchführen.
Dennoch versuche ich den Streckenverlauf zu genießen. Ich mache einen kurzen Zwischenstopp am Flugplatz von St. Johann (das zweite St. Johann in Österreich) und fahre am Abend den Campingplatz in Scheffau an.

Die Besitzerin ist eine stark geschminkte Frau, deren deutlich älterer Mann die ganze Zeit vorne auf der Terrasse sitzt und kaum noch laufen kann. Vom Äußeren erscheint sie mir genauso hartherzig, wie die Besitzerin, die mich in Frankfurt nicht auf dem Campingplatz haben wollte. Wie man sich täuschen kann. Ich erkläre ihr meine Problematik. Wenn ich das Geld gleich morgen früh von der Bank holen würde, könnte ich hier übernachten, sagt sie mir. Ich freue mich unheimlich und bedanke mich sehr. Ich darf sogar kurz nach München zu meinen Eltern telefonieren und erzähle ihnen die Geschichte. Wie immer fragt meine Mutter auch, wo ich gerade bin...

Sonnenuntergang in Scheffau
Sonnenuntergang in Scheffau

Den Abend verbringe ich wie immer damit, etwas zu lesen und die Landkarten zu studieren. Wie ich in der Dämmerung am Zelteingang über meinem Buch liege, höre ich plötzlich eine bekannte Stimme sagen: "Hey, hier wird nicht gelesen!"
Ich kann es gar nicht glauben! Vater, Mutter und Gespann samt Tante aus München stehen vor mir! Sie haben den langen Weg auf sich genommen, nur um mir schnell 100 DM zu bringen. Natürlich freue ich mich, dass sie so plötzlich hier sind. Meine Mutter fragt mich natürlich, ob ich mit nach München kommen möchte. Damit wäre meine Tour jedoch zu schnell zu Ende und ich entscheide mich die beiden letzten Etappen bis ins Ötztal noch alleine zurückzulegen. Wir unterhalten uns eine Zeit lang und verabschieden uns noch einmal für ein paar Tage. Beim Abschied drücke ich meiner Tante eine Menge voller Filme in die Hände. Sie wird sie im Fotolabor in München für mich entwickeln.
Wieder alleine...
Was für ein Tag...


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