Heute soll es also doch nach Slovenien gehen. Ich habe meine Mutter so weit überreden können, dass ich zumindest die Hälfte durch Slovenien fahren darf. Den Rest werde ich mit der Bahn zurücklegen. Ich möchte den östlich von Trieste gelegenen Grenzübergang Lipicia benutzen und muss dabei noch ein Stück durch das Stadtgebiet fahren. Das ist es, was mir wieder an die Nerven geht. Einbahnstraßen, Schnellstraßen, Umwege. Alles ist irreführend. Alles! Außer der Sonne. Da ich einfach nicht nach Osten durchkomme, entscheide ich mich für einen anderen südlich gelegenen Grenzübergang. Durch kleine Dörfer und von Wald bewachsene Berge versuche ich diesen Übergang zu finden. Auch hier Fehlanzeige. Ich frage im Dorf jemanden, der kein Englisch kann. Mit einigem Hin -und Her kann ich entnehmen, was er mir sagen will. Dieser Grenzübergang sei nicht international und ich würde ihn nicht passieren können. Kein Versuch sei möglich. Punkt aus. Also will er mir den Weg nicht erklären. Zwischenzeitlich fragt er noch: "Deutsch?". Wie ich bejahe: "Aaah, Deutsche Bank!". Wie er diesen Zusammenhang gefunden hat, ist mir rätselhaft.
Also versuche ich abermals den im Osten gelegenen Grenzübergang zu erreichen. Keine meiner beiden Landkarten hilft mir weiter. Plötzlich befinde ich mich wieder auf einer Autobahnauffahrt. Auf den Karten ist davon nichts zu sehen. Ich bin total am verzweifeln. Mein ganzer Plan für den Tag ist im Arsch! Es ist schon zwei Uhr mittags und ich habe noch nicht einmal den Ausweg aus dem Triester Stadtgebiet gefunden. Vor lauter Wut zertrete ich einige Reflektoren an der Leitplanke. So eine Wut habe ich noch nie in mir gehabt. Also wieder zurück. Irgendwo frage ich einen weiteren Italiener nach dem Weg. Er kann sogar recht gut Englisch. Doch dieser weigert sich strikt mir den Weg zu erklären. "Very mountaneous area! Too much mountains! Too difficult! Very mountaneous area!", wiederholt er immer. Er greift mich dabei schon am Arm, als wenn er mich vor einem am Grenzübergang lauernden Drachen zurückhalten wollte. Nichts zu machen. Ich bin stinksauer. Ich versehe nur noch jeden mit einem bösen Blick. So wütend habe ich sicherlich noch nie ausgesehen.
Kein Ausweg. Nach Stunden muss ich wieder zurück zum Campingplatz, um die dortige Grenze zu überqueren. Da, wo ich heute Morgen erst aufgebrochen bin.
Ich freue mich unheimlich, wie ich endlich über die Grenze gekommen bin. Endlich kann ich wieder nach Landkarte fahren. Ich folge der mittelstark befahrenen Straße Nr.10 in Richtung Ljubljana. Ljubjana wird jedoch heute nicht mehr zu erreichen sein. 150 km sind heute nicht mehr zu schaffen. Die meisten Kilometer habe ich auf der Irrfahrt in und um Trieste gesammelt. Nach all dieser Anstrengung mit den Abgasen der Stadt ist erst mal Pause angesagt. Über einen von der Straße abzweigenden Feldweg erreiche ich einen von Bäumen überwachsenen Bach. Der perfekte Platz für eine Rast.
Die Straße führt einen felsigen Berg hinauf und die Sonne brennt so stark, dass ich meine schwarze Kappe abnehmen muss um keinen Hitzschlag zu bekommen. Nach der Hälfte des Aufstieges erreiche ich einige Marktstände. Genau an der richtigen Stelle. Alte Frauen stehen dahinter und versuchen Gemüse und Früchte an die Käufer zu bringen. Vor einem mit Weintrauben überladenen Stand bleibe ich sofort stehen und kaufe gleich mehr als ich Essen kann für einen Spottpreis ein. So gut haben mir kühlende Weintrauben noch nie getan.
Weiter oben wird die Straße dreispurig. Hinzu kommt ein breiter Seitenstreifen, der mir das Fahren bedeutend angenehmer macht. dennoch bin ich daran am zweifeln, ob ich auf dieser Schnellstraße fahren darf. Bei der nächsten Abfahrt nehme wechsle ich au eine Nebenstraße. Durch das gebirgige Land passiere ich zwei kleine Dörfer. Schließlich endet die Straße im nächsten Dorf. Kein Weiterkommen. Von hier bietet sich eine große Aussicht auf den Golfo di Trieste mit der Stadt davor. Wie ich gestern Abend schon festgestellt habe, sieht diese Stadt aus der Ferne wunderschön aus. Aus der Nähe ist sie nicht auszustehen...
Im Dorf sehe ich ein paar Leute, die gerade einen LKW ausladen. Ich frage sie, wie ich in Richtung Ljubljana komme und ob ich die große Straße überhaupt fahren darf. In perfektem Englisch versichern sie mir, dass das kein Problem wäre und es keinen weiteren Weg gäbe. Also fahre ich wieder zurück zur Hauptstraße und folge ihr bis nach Kozina. Auf dem Weg dorthin hupen mich viele Autofahrer an. Im Nachhinein ist es mir peinlich, dass ich bei den Ersten von ihnen eindeutig wütend reagiert habe. Sie winken nur und manche rufen mir auch etwas zu. Leider nicht zu verstehen...
In Kozina ist zwar ein Campingplatz, ich möchte es heute aber noch weiter schaffen. Der nächste ist jedoch erst in Postonja, das über 40km durch Bergland entfernt liegt. Da es schon fast 6 Uhr ist, heute schlecht zu schaffen. Ich erkundige mich am Bahnhof in Kacice Pared nach dem Zug dorthin. Der junge Angestellte kann wunderbar Englisch und berät mich gut. Jedoch wird heute wegen Bauarbeiten kein Zug mehr kommen. Am nächsten Bahnhof fahren jedoch häufiger Züge. Der Angestellte verkauft mir aber schon mal die Tickets. Dafür folge ich ihm in das Bahnhofshaus und finde mich dort in einer altertümlichen Schaltzentrale, wo überall Lämpchen an den Wänden blinken, wieder. Er geht zu einem kleinen auf dem Boden stehenden Setzkasten, aus dem er die entsprechenden Fahrkarten - dicke Stanzkärtchen - entnimmt. Für ein paar Mark kann ich somit eine gute Strecke mit dem Zug zurücklegen.
Durch den unendlich groß erscheinenden Wald fahre ich weiter nach Divaca, von wo aus es per Zug weitergehen wird.
Dort ist es gar nicht so einfach das richtige Gleis zu finden. Aus "Linea tres" folgere ich einfach mal "Gleis 3". Dumm nur, dass die Gleise anstatt dessen Buchstaben versehen sind. Während ich auf den Zug warte, unterhalte ich mich mit einem jungen Holländer, der nur wenig älter als ich ist. Er möchte heute noch nach Pula in Kroatien und wartet schon seit 6 Stunden hier. Wie ich ihm davon erzähle, dass wegen der Bauarbeiten heute kaum noch ein Zug nach Süden verkehren wird, ist er noch ratloser. Es fängt an zu regnen.
Nach langer Wartezeit kommt wenigstens mein Zug. Ich werde aufgefordert, das Rad ganz hinten in den Zug zu stellen. Durch viele Tunnel geht es auf der holperigen Fahrt schnell bis nach Postonja. Es wird langsam dunkel und ich kaufe noch schnell im Ort ein. Zum Glück finde ich zu dieser Uhrzeit noch ein Geschäft, das sogar 24 Stunden geöffnet hat. Die Verkäuferinnen sprechen wunderbar Englisch und erklären mir auch den Weg zum Campingplatz.
Nachdem ich schon lange Zeit im Wald unterwegs bin, frage ich mich, ob dies wirklich der richtige Weg ist. Inzwischen ist es ziemlich kühl geworden. Endlich finde ich mitten im Wald den Campingplatz. Er befindet sich auf dem Gelände der Pivka Jama, einer berühmten Grotte. Für etwa 10,- DM bekomme ich ein schönes Plätzchen und eine so saubere (kostenlose!) Dusche, die ich sie am liebsten gar nicht mehr verlassen würde.