Tag 27: Alesso - S.Bartolomeo (Trieste)

Zwischenotiz:
Ab dieser Stelle greife ich nur noch auf meine Erinnerungen von vor über zwei Jahren zurück. Ich befinde mich beim schreiben dieses Textes in den Anfängen des Jahres 2002. Zweieinhalb Jahre nach dieser Reise. Viele weitere Reisen liegen hinter mir. Von daher ist es für mich nicht so einfach mich an das Vergangene, zu dem diese Reise sicher gehört, zu erinnern. Der Text wird ab hier etwas kürzer ausfallen, jedoch versuche ich das wesentliche zu erwähnen. Das wichtigste vergisst man nie. Und das ist die Reise im Ganzen...

Tagliamento
Tagliamento

Ich verlasse den Campingplatz ohne viel Aufsehen. Bloß kein Wort mehr mit diesem Verrückten wechseln...
Durch die letzten Ausläufer der Alpen nähere ich mich der Stadt Gemona. Dabei überquere ich auf einer langen Brücke das beinahe vollkommen ausgetrocknete Flussbett des Tagliamento. Ich besorge mir eine weitere Landkarte, die die mäßigen Angaben der anderen Karte etwas ausgleicht. Hinter der Stadt wähle ich einige kleinere Straßen, um dem großen Verkehr auszuweichen. Das Land wird immer ebener und nur stellenweise ragen noch spitze Hügel heraus. Wie im Sumpf versunkene Alpengipfel. Immer wieder geht es durch kleine Dörfer, deren Häuser mit schönen Blumen verziert sind.
Ich nähere mich der Kreisstadt Udine. Auf der Straße dorthin wird der Verkehr immer stärker. In der Stadt selbst sind Nerven gefragt. Ich weiß nicht, wie oft ich angehupt wurde, weil ich wohl irgendwie falsch gefahren bin. Man lernt immer dazu. In dem Chaos dieser Stadt fühle ich mich auf dem Rad nun doch etwas verloren und mache bis zum Ortsausgang keinen Stopp. Dann endlich habe ich ihn erreicht. Ich mache eine kurze Pause und greife mit trockener Kehle zur Trinkflasche. Beim ansetzen schießt mir ein Stoß Kohlensäure in den Rachen - so dass die Augen tränen und ich erst mal Luft schnappen muss. Heute ist die bisher die größte Hitze zu verzeichnen. Die Cola in der luftdichten Trinkflasche ist jetzt wohl nicht mehr der Hit. Doch irgendwie genieße ich die warme Luft, die bei der Fahrt um meine Ohren saust.

Hält sich leider keiner dran...
Hält sich leider keiner dran...

Wenn nur nicht dieser Verkehr wäre. Die Straße verläuft parallel zur kostenpflichtigen Autobahn und dementsprechend viele Laster weichen auf sie aus. Viele brausen mit einem Abstand von etwa 20cm an mir vorbei. Die schmale Straße hat keinen Seitenstreifen und es bleibt mir außer dem Straßengraben kein Platz zum ausweichen. Doch ich habe kaum eine Alternative und schaffe es, mich bis zum 25km entfernten Palmanova auf der Straße zu halten. Die Festungsstadt Palmanova umfahre ich nördlich auf kleinen Nebenstraßen. Die Stadt selbst ist durch dicke Mauern, die sie sternförmig umgeben, strickt von außen getrennt. Schon ein imposanter Anblick.
Nun habe ich es schon so weit geschafft. Auf direktem Wege würden mich 30km von der Adria trennen und der Tag ist noch jung. Ich wage es, mir das für morgen geplante Ziel Trieste schon heute vorzunehmen. Also los!
Der Weg bis zur nächsten größeren Stadt Monofalcone ist angenehm zu fahren. Wenig Verkehr und kleine Dörfer. Bei Gradisca überquere ich wieder ein breites Flussbrett. In der nähe des Flughafens von Monofalcone fahre ich an einem riesigen Kriegsdenkmal vorbei. Eine riesige Fläche aus weißen Stufen zieht sich an einem Hügel hoch. Die Menschen auf den blendend hellen Stufen erscheinen nur als kleine Punkte.
Obwohl Monofalcone eine Hafenstadt ist, sehe ich außer einem kleinen Hafenbecken nichts vom Meer. Nach einem Einkauf im heimisch anmutenden "Lidl" folge ich der Landstraße nach Trieste. Von den Bergen im Osten kommt starker Gegenwind und ich habe Mühe dagegen - Anstieg inklusive - anzukämpfen. Damit habe ich nicht gerechnet, da die Straße laut Karte durchgehend am Wasser verläuft. Dann endlich ist es so weit. Die Adria!
Nach gut 2.000 Kilometern habe ich das Mittelmeer erreicht. Was für ein schöner Anblick! Genau genommen bin ich erst jetzt zu 100% über die Alpen gefahren. Von 0 an der Nordsee zurück auf 0 an der Adria. Die blaue Farbe des Wassers der Adria ist natürlich viel schöner. Ich sehe einigen Verkehr auf dem Wasser und überall sind Fischreusen.

Erster Blick auf die Adria
Erster Blick auf die Adria

Neben der Straße wird es immer tiefer und schließlich schlängelt sich die Straße nur noch als ein in die Felsen geschlagenes Band die Küste entlang. Ich fahre auf der rechten Seite, genau neben dem Abgrund. Doch inzwischen habe ich mich etwas an die Fahrweise der Italiener gewöhnt und vermeide es dabei zu weit über die Mauer neben mir zu blicken. Hinter den links liegenden Bergen liegt bereits Slowenien. Jetzt könnte ich nur noch zurückfahren um diesem Land aus dem Weg zu gehen. Ich will es gar nicht.

Küstenstraße
Küstenstraße

In Trieste erfahre ich schließlich richtigen Großstadtverkehr. Es ist Rushhour. Das kommt mir recht gelegen. Die Autos stehen fast nur und nach einiger Zeit habe ich die Technik der VESPA-Fahrer, die es hier in Massen gibt, gut drauf. Ich suche mir kreuz und quer einen Weg durch die Blechlawinen. Da wo gerade Platz ist, ist für mich ein Weg. Auf dem Strand neben der Straße ist jeder Quadratmeter besetzt. Alle Bewohner scheinen sich noch einen schönen Feierabend am Meer zu gönnen. Es ist kein einziger ausländischer Tourist zu erkennen.
Ich wage mich immer tiefer in das Stadtgebiet vor. Bei dem anspruchsvollen Verkehr habe ich kaum noch Augen für die Sehenswürdigkeiten. Ich versuche durch das Hafengebiet die südlich gelegene, noch zu Italien gehörende Landzunge zu erreichen. Meine Landkarten geben beide unterschiedliche Auskünfte zum Stadtbereich und überall sind Baustellen. Oftmals schiebe ich mein Rad durch die Sperren hindurch und muss es an einigen Stellen über Gräben heben. Ich bin am verzweifeln. Wie soll ich hier jemals wieder rauskommen. Nun macht sich die Hitze erst richtig bemerkbar und der Schweiß fließt in Strömen. An einer Ampel sehe ich einen BMW mit deutschem Kennzeichen. Vielleicht kann er mir sagen, wo ich überhaupt bin. Im Wagen sitzt ein dicker, schwulstiger Mann mit Dreitagebart und Sonnenbrille. Wie der perfekte Mafiaboss aus dem Film. Ich mache ihm erkenntlich doch bitte die Scheibe runterzukurbeln. Er schüttelt nur kalt seinen dicken Kopf ohne mich dabei eines Blickes zu würdigen. Nun, touristisch ist der sicher nicht hier... Auf eine Unterhaltung mit solchen Menschen kann ich auch verzichten.
Nach einigen Nervenzerreibenden Umwegen und der mäßigen Hilfe eines netten Italieners bin ich schließlich auf der Küstenstraße nach S.Bartolomeo. Ich habe schon die Befürchtung, dass es den Campingplatz gar nicht mehr gibt, als ich vor mir den slovenischen Schlagbaum sehe. Doch keine 100 Meter davor ist die Einfahrt zu dem recht großen Campingplatz.
Die Frau an der Rezeption kann nur mäßig Englisch. Nachdem ich mich angemeldet habe, führt mich ein Angestellter auf seinem Mofa zu meinem etwa 100 Meter entfernt liegenden Platz. Anmerkung: Ich finde er sieht genau so aus wie der Hauptdarsteller aus "Im Westen nichts Neues". Eine Schar von schreienden Kindern folgt dem Mofa und meinem bepackten Fahrrad bis zum Platz.
Was für ein Tag! Auf dieser so schwierigen Strecke habe ich immerhin fast 150km geschafft. Jetzt nur noch Duschen...
Meine ersten Italienisch-Kenntnisse! Dusche heißt docia.



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