Tag 26: Kötschach-Mauthen - Alesso (I)

Die Passstraße befindet sich gerade im Ausbau und an vielen Stellen sind Baustellen zu durchqueren. Schließlich führt die Straße an eine Felswand geschmiegt durch eine Galerie. Wegen der extremen Steigung ist hier nur schieben möglich. Nicht gerade angenehm, da sich durch die schallenden Wände ein jedes von hinten angrausendes Auto wie ein ganzer Zug von LKW's anhört. Dann endlich ist der Pass, markiert durch ein großes Windrad, überwunden.
Kurz vor meiner Ankunft kommen mir zwei laut jubelnde Radfahrer entgegen. Die scheinen wohl einen ziemlich harten Anstieg hinter sich gebracht zu haben. Oben ist es dann soweit: Ich bin in Italien!

Italia!
Italia!

Die Zollstationen sind längst geschlossen und nur ein paar Ramschverkäufer und Wechselbüros sind noch vorhanden. Da ich noch kein italienisches Geld habe, gehe ich in eine der Wechselstuben. Die Währungstabelle ist jedoch dermaßen kompliziert, dass ich den Angestellten mal darüber ausfrage. Auf Englisch versucht er mich von der Vorteilhaftigkeit des Wechselns hier zu überzeugen, er kann mich jedoch nicht dafür gewinnen. So fahre ich weiter, nichts ahnend in kurze Zeit später wieder zu sehen...
Man merkt gleich, dass das hier Italien ist. Die Wolken lockern sich immer mehr auf und machen dem blauen Himmel Platz. Im Tal sehe ich ein paar Marmorsteinbrüche. Der Hang ist so steil, dass fast alle "Tornanti" (Harnadelkurven) durch Tunnel im Fels verlaufen. Ich genieße die Abfahrt und pfeife vor mich hin. Nach längerer Zeit mache ich einen üblichen Routinegriff in die Hosentasche meines Portemonnaies.
Das darf doch nicht wahr sein! Es ist tatsächlich weg! Jetzt geht alles ganz schnell. Ich bremse stark ab, während mir einfällt, dass ich es nur im Wechselbüro liegen gelassen haben kann. Ich Depp! Jetzt wieder auf den Pass zu fahren kann eine Ewigkeit dauern. Ohne viel Nachzudenken lenke ich in einem riskanten Manöver auf die linke Straßenseite und halte mit ausgestrecktem Arm das nächste deutsche Auto an. Ich erkläre ihnen meine Lage und habe verdammtes Glück, dass sie mich tatsächlich mitnehmen wollen. Während das Auto an der nächsten Kehre wartet, verstecke ich mein Rad im Gebüsch. Ich kann mich gar nicht genug bei dieser Familie, dafür dass sie mich mitnehmen, bedanken. Wir kommen etwas ins Gespräch und ich erfahre von ihnen, dass sie aus dem Urlaub in Kroatien kommen - von dem sie übrigens ganz begeistert waren. Das müsste ich nur mal meiner Mutter klarmachen...
Vorsichtshalber suchen wir bei der Auffahrt vorsichtshalber den Straßenrand nach meinem Portemonnaie ab. Nichts. Während des Gesprächs fällt mir bei einem Blick in den Rückspiegel auf, wie "verwahrlost" ich aussehe. Mein Gott! Wie lange habe ich schon nicht mehr geduscht! Zwei Tage nur? Oben auf dem Pass angekommen, steige ich aus, bedanke mich noch mal vielmals und gehe zur Wechselstube. So riskant wie jetzt war die Tour noch nie. An meinem Portemonnaie hängt eine ganze Menge. Wenn der jetzt im Büro behauptet, dass er nichts gesehen hat, wüsste ich nicht, was ich nun machen könnte. Und wenn dann auch noch jemand mein Rad mit dem vielen Gepäck unten im Gebüsch entdeckt... ich will gar nicht daran denken.
Ich habe Glück! Ein alter österreichischer Bauarbeiter hat mein Portemonnaie schon vor dem Angestellten im Wechselbüro gefunden. Die beiden haben gerade den Pass herausgeholt und wollten schon die Polizei rufen. Knapp! Was für ein verdammtes Glück! Der Bauarbeiter motzt in seiner rauen Art, dass man mir die Handschellen dafür anlegen und mich ins Gefängnis stecken sollte. Jajaja... Ich bin so überglücklich, dass ich meine Schillinge nun doch hier eintausche.
Nun muss ich nur wieder zu meinem Fahrrad kommen. Ich frage einen BMW-Fahrer, ob er und seine Familie mich mit bis dorthin mitnehmen könnten. Sie hätten keinen Platz mehr. Nun stimmt, dann hätte ich der Kühlbox den Platz weggenommen...
Bevor mir noch mal jemand so kommt, gehe ich lieber zu Fuß zurück. Das dauert länger als erwartet. Nach einer guten halben Stunde - die einfach nicht enden will, erreiche ich mein Fahrrad endlich. Mit allem drum und dran. Ich habe auch ein Glück im Unglück heute!!!
Einige Minuten später erreiche ich das erste italienische Dorf.

Timau
Timau

Der venezianische Baustil und die Menschen sind unverkennbar italienisch. In Palluzza suche ich in einem Laden, der Schreibwaren und allen unmöglichen Kram verkauft, eine neue Landkarte. Die Verkäuferinnen können jedoch kein Englisch und ich versuche ihnen mit "map", "mapa", "carta" wie auch meinen Händen, klarzumachen, was ich will. Es gibt keine Karten...
Später kaufe ich in einer Tankstelle mein Abendessen und werde prompt von der riesigen Spaghetti-Abteilung erschlagen. Dann muss es heute Abend wohl Spaghetti geben.
Jetzt brauche ich noch eine Telefonkarte für das allabendliche Gespräch nach Hause. In Zaragozza führt mich ein freundlicher Mann über verschlungene Wege zum Postamt. Er hätte gerade Urlaub und sowieso nichts anderes zu tun als in der Stadt zu entspannen. Im Postamt hilft mir eine Kundin, indem sie meine englischen Fragen für die Postbeamte ins Italienische übersetzt.
In einem Buchladen bekomme ich schließlich auch eine akzeptable Karte mit darin eingezeichneten Campingplätzen. Akzeptabel ist wohl zuviel gesagt... Ich finde anhand der Karte keinen Weg aus dieser Kleinstadt heraus. An einer Tankstelle frage ich nach dem Weg, verfahre mich aber total, da der mir beschriebene Weg direkt auf die Autobahn führt. Also frage ich noch einmal nach und erhalte wieder dieselbe Antwort. Es gäbe keinen anderen Weg. Da muss ich dann wohl durch. Also folge ich der Autobahn auf dem Seitenstreifen. Immerhin herrscht nur wenig Verkehr. Meine Nerven werden hier aber zu stark strapaziert und ich nehme gleich die nächste Ausfahrt. Von hier führt mich eine kleine Landstraße - natürlich nicht auf der Karte eingezeichnet - nach Gemona. Für heute bin ich total entnervt. Auf halbem Weg entdecke ich an einem See mit einem nicht auf der Karte eingezeichneten Campingplatz. Ich überlege kurz, ob ich hier übernachten soll, habe aber aus irgendwelchen Gründen ein verdammt mulmiges Gefühl dabei. Das bestätigt sich natürlich.
Der Inhaber ist ein verdammter Scherzkeks. Zumindest hält er sich dafür. Er sieht übrigens gar nicht aus wie ein "richtiger" Italiener. Blond und fließend im Englischen. Über seine Witzeleien kann und will ich kaum noch lachen. Allein die Frage ob bike oder motorbike... Sehe ich etwa aus wie in Motorradfahrer?
Jetzt muss ich ihn auch noch nach einem Telefon fragen, wo mich jemand von zu Hause zurückrufen kann. "Do you have a phone where another person can call back to me?"
Schwierige Frage, die er erst nach 5 Minuten versteht und mir dann endlich die Nummer seines Telefons aufschreibt. Um wenigstens noch ETWAS Sinnvolles in dieses Gespräch zu bringen frage ich ihn noch: "Do you know how far it is to the Adriatic Sea?"
"What? What do you mean?"
"I asked if you know how far the way to the Adriatic Sea is!"
Das geht dann bestimmt noch 10 Minuten so weiter und seine Freundin, die neben uns Kartoffeln schält, ist nur noch am kichern. Bin ich hier im Lebkuchenhaus gelandet, oder was? Ich reiße mir fast die Haare vor Verzweiflung aus.
"Argh! Shit! Forget it, ok?"
"No, no, please repeat that!"
"Wait a moment, ok?" Ich gehe hastig raus zum Rad, hole die Karte und durchsteche sie fast mit meinem Finger, wobei ich ihm begreiflich machen will, was meine Frage ist.
So langsam versteht er meine Frage, kann mir dann aber natürlich keine richtige Antwort geben.
Jetzt muss endlich mal das Zelt aufgebaut werden. Bezahlt werden muss natürlich im Voraus. Ich könnte ja nachts abhauen. Wer weiß, wer weiß...
Nachdem das Zelt aufgebaut ist, gebe ich von der Telefonzelle die angegebene Nummer nach Hause durch. Dann gehe ich wieder in die Rezeption um dort auf den Rückruf zu warten.
"My mother will call back in a few moments. Is hat ok?"
"What do you think where are you? The phone is outside."
"What? You gave me the number of your phone, here inside!"
Nach einigem Palaver klingelt das Telefon vor ihm endlich. Nachdem er meine Mutter noch etwas auf Italienisch voll geplappert hat, gibt er mir endlich den Hörer. Während des Gesprächs fällt mir die Eistheke auf. Nachdem ich aufgelegt habe, frage ich ihn danach, was ein Eis kostet. Er nimmt gleich Kelle und Hörnchen in die Hand und fragt: "What do you want?"
Ich wollte doch nur wissen was ein Eis kostet. Er scheint die Welt nicht mehr zu verstehen und zerschlägt das Hörnchen an seiner Stirn. Wir scheinen echt Menschen zu sein, die niemals untereinander kommunizieren zu können. Oder er mit niemandem...
Für heute reicht es...



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