Hmmmff??? Nee, will nich nicht aufstehen...
Das Anfangs noch dumpfe Piepen des Weckers dringt nach und nach immer mehr in meine Ohren. Es ist 5 Uhr morgens. Manchmal muss ich doch echt bescheuert sein. Welcher normale Mensch steht schon freiwillig um diese Zeit auf? Na ja, geschlafen habe ich ja so oder so kaum. Die ganzen Sorgen und Überlegungen in der Nacht haben mich fast komplett um den Schlaf gebracht. "Kann ich die mir vorgenommene Etappe überhaupt schaffen? Was wenn ich verschlafe? Ich muss jetzt endlich einschlafen!" Kaum ist es geschafft bin ich auch schnell wieder wach.
Das Frühstück möchte ich heute etwas später machen um mich nicht vollkommen aus dem zeitlichen Rhythmus zu bringen. Erst ist ein wenig warm fahren angesagt. Doch bis es dazu kommt, ist eine Stunde Zeltabbau und Zusammenpacken angesagt. Mir ist es richtig unangenehm, aus den molligen Schlafsack zu kriechen, da es jetzt in der Dämmerung noch kalt ist. Beim Kriechen aus dem Zelt lässt es sich nicht vermeiden dass mir einige der kalten Raureif-Tropfen in den Nacken fallen. Das ganze Zelt ist noch über und über mit Raureif bedeckt und das Packen wird dadurch nicht leichter. Die ganze Feuchtigkeit muss schließlich mit dem Fahrrad hoch geschleppt werden.
Genug der Sorgen. Ich sehe mich erst einmal um. Hier ist absolut noch nichts los. Keiner der Camper hat sich bis jetzt bemüht, aus seinem warmen Schlafsack oder Bett zu steigen. Nur ich stehe hier. Der Tag bricht bereits an. Die hoch über dem Zeltplatz liegenden Bergspitzen spiegeln schon das erste Licht. Die Dämmerung tritt nur langsam ein. Etwas alleine fühle ich mich schon. Und dann noch diese kalte Feuchtigkeit. Warum habe ich mir nicht gleich eine lange Hose angezogen? Jetzt stehe ich hier in T-Shirt und kurzer Hose. Ich werd' mich schon warm fahren.
Bei der beginnenden Auffahrt habe ich das Gefühl, dass das Fahrrad beinahe hintenüberkippt. Irgendwie wird es schon klappen...
Langsam fahre ich die Straße rauf, wirklich langsam. Die ersten Mountainbiker überholen mich bereits. Von Autos ist bis jetzt nur wenig zu sehen. Alle 5 Minuten kommt eines vorbei. Schon die erste Steigung macht mir zu schaffen. Ich bin einfach noch nicht ganz wach, döse halb auf dem Fahrrad. Ohne Frühstück loszufahren war wohl doch keine so gute Idee. Kurz nach dem Ortsausgang schon mache ich an der erstbesten Stelle Halt um zu Frühstücken und mir doch mal etwas Wärmeres anzuziehen. Der Inhalt meiner Gepäcktaschen bringt noch einen halben Liter Milch, zwei Brötchen und Nutella hervor. Nun, alles was ich für den Morgen brauche. Wenn ich mir auch etwas nahrhafteres gewünscht hätte. In den Trinkflaschen ist auch noch genug zu trinken - hoffe ich.
Jetzt muss es aber endlich weitergehen. Nach einigen mittelstarken Anstiegen passiere ich die Mautstation. Durch Tannenwälder geht es höher und höher. An einigen Stellen ist die Straße an der dem Berg abgewandten Seite mit Pfeilern ausgebaut. Das heißt sie steht etwa zur Hälfte über Hohlraum, wie Brücken. Mit zunehmender Höhe lichtet sich der Wald - die Baumgrenze ist erreicht. Hier bekomme ich einen wunderschönen Ausblick auf die Bergwelt mit ihren schroffen Felsformationen und - nicht zu vergessen - dem Schnee.
Das mit der langen Hose ist nach kurzer Zeit wieder keine so gute Idee. Der dicke Stoff stört nur beim Trampeln und saugt den Schweiß auf. Der Pullover ist schon längst wieder hinten auf dem Gepäckberg gelandet. Unter meiner Kappe bilden sich kleine Dunstschwaden - der Motor dampft. Eine neue Kappe wäre auch mal nötig. Immer, wenn ich meinen Kopf senke, sticht mir der Ekelerregende Geruch der Kappe in die Nase. Das macht wohl die "würzige" Mischung aus vergammeltem Käse und zerlaufener Schokolade in meinem Rucksack, worin die Kappe noch bis gestern eingepackt war...
Jetzt beginnen die Kehren. So langsam bekomme ich den Rhythmus wieder und die Schläfrigkeit verschwindet. Der Körper läuft wie ein Uhrwerk. Pedal rauf, Pedal runter, Pedal rauf... und wenn die Kraft dem Anstieg nicht mehr gerecht wird, verlagere ich immer mein ganzes Körpergewicht auf ein Pedal. So geht es über lange Zeiträume voran.
Es ist neun Uhr und der Strom an Touristen beginnt anzulaufen. Der Verkehr wird immer dichter.
Meine Vorräte an Trinkbarem sind schon längst aufgebraucht. Endlich kommt ein kleiner Laden in sicht - eine dieser typischen Souvenirhütten. Richtig zu trinken gibt's hier auch nicht. Es sei denn ich wäre Millionär oder möchte ein Eis kaufen. Nein danke!
Also muss ich wohl oder übel weiterfahren. Ich mache mich etwas schneller auf die Socken, da ich an der anderen Straßenseite einen verdächtigen Bus stehen sehe, aus dem ein ganzer Haufen Japaner aussteigt. Mit Kameras um die Bäuche baumelnd. Gerade als willkommenes Fotomotiv entdeckt bin ich schon weg, hehe! - Abgesehen von denen mit Zoom-Kameras. So fotogen bin ich ja nun wirklich nicht. Ein verschwitzter Spinner, der mit seinem Gepäckhaufen auf dem Fahrrad aussieht wie ein Landstreicher. Wer fotografiert denn so was?
Ich glaube nicht, dass ich mir diese Strecke antun würde, wenn nicht diese fantastischen Ausblicke wären. Hinzu ist das Wetter heute ideal. Ein leichtes Lüftchen weht und die Sonne scheint mild. Das tiefe Tal mit den darüber zu sehenden Hochalpengipfeln ist einfach zu schön anzusehen. Da muss auch ich mal den Fotoapparat aus dem Rucksack kramen. Hin- und wieder unterhalte ich mich mit anderen Radfahrern, doch keiner hat so viel Gepäck wie ich. Einer von ihnen hätte sich sogar für heute mehr Wind erhofft. Bloß nicht! Da soll der mal nach Norddeutschland fahren - da hat er genug davon!
Die dünner werdende Luft macht sich immer mehr an meinem dem nicht angepassten Körper bemerkbar. Inzwischen freue ich mich auf jede weitere Ausbuchtung am Straßenrand um kurz zu halten und Luft zu bekommen. Eines der vielen Gespräche unter den Reisegruppen: Eine Frau unterhält sich mit ihrer Reisegruppe darüber, dass ältere Männer viel fürsorglicher sind als junge und blablabla.... Die hat Sorgen! Da merkt man echt wie weit diese Leute, die hier mal eben mit dem Auto rauf gekommen sind, das zu würdigen wissen wo sie gerade stehen. Alltagsprobleme mit denen ich hier nichts mehr zu tun habe.
Endlich! Eine dieser wunderbaren Tränken ist in sicht! Da wird man sich doch bestimmt etwas Trinkwasser holen können. Also nehme ich alle Kräfte zusammen und kann vor der Tränke kaum noch stehen. Aus einiger Entfernung sehe ich darüber schon eine kleine Plakette stehen. Da steht jetzt bestimmt "Trinkwasser" drauf! Jippee! Ich bin gerettet!!! Ich freue mich wie ein Schneekönig.
Hmpf, was is denn das? Da steht doch tatsächlich "Kein Trinkwasser/No drinkable Water" drauf!?!?
Grummel, Schnauf, Schimpf! Also weiter dursten...
Mit trockener Kehle muss ich mich also weiterhin Kehre für Kehre nach oben schleppen. Dampfende Autos an der Straßenseite begegnen mir hin und wieder als eine schöne Belustigung. Das beweist mir doch wenigstens, dass mein Körper haltbarer wie so mancher Motor ist.
Die dünne Luft macht sich jetzt richtig bemerkbar. Ich mache schon Pausen zwischen den einzelnen Parkbuchten. Die Pausen werden immer länger und die Fahrzeit dazwischen immer kürzer. Kaum noch eine Gelegenheit, mal ordentlich Luft zu schnappen. Das letzte Stück dieses Anstieges wollen meine Beine einfach nicht mehr mitmachen. Also ist Schieben auf den 100 Höhenmetern bis zum Ende des ersten Anstieges angesagt.
Jetzt komme ich auf den berühmteren Teil des Passes. Wie ich endlich die vielen nervigen Serpentinen hinter mir habe, erreiche ich eine dieser Kommerz-Almen mit kleinem Laden. Jetzt muss natürlich schnell ein Almdudler geleert werden. Bei dem ganzen Rummel hält mich hier nicht besonders viel und ich fahre schnell weiter.
Ein kurzes Stück weiter ist mit dem "Fischertörl" der Löwenanteil des Anstieges geschafft. An dieser Stelle windet sich die Straße in einem langen Bogen um einen Berggipfel. Für die Autofahrer ein toller Aussichtspunkt , doch für mich nur zusätzliche Höhenmeter. Ich finde nichts wirklich Sehenswertes an diesem Tumult hie oben. Schon von hier kann ich sehen, dass es bergab in eine Senke gehen wird. Wenn ich mir den ganzen Trubel hier wegdenke, bietet die umliegende Bergwelt eine wunderbare Aussicht. Dumm ist nur, dass es ja nach bergab bekanntlich auch wieder bergauf geht. Während der Abfahrt halte ich an einem Bach. Kurz nach dem Ärger mit dem "Nicht Trinkbaren Wasser" hat mir ein anderer Radfahrer versichert, dass man das Wasser hier, trotz aller warnenden Schilder, bedenkenlos trinken kann. Also fülle ich meine Flaschen an diesem Bach mit angenehm kaltem Wasser und vermische es mit dem Brausepulver aus dem Bundeswehr Überlebensfutter, das mir meine Tante in München mitgegeben hat. Das Wasser ist genießbar - abgesehen von dem Brausepulver...
Am Tiefpunkt der Senke gibt es endlich mal eine vernünftige und weniger stark besuchte Alm. Bei akzeptablen Preisen lässt es sich nicht umgehen, dass ich mir sogar mal ein Eis genehmige. Wie besprochen rufe ich meine Mutter an. Aus Erinnerungen weiß ich von Murmeltieren hier oben. Als einige Karnickel um die Telefonzelle hoppeln, bin ich doch ein wenig perplex. Mir bekommt wohl die Höhenluft nicht.
Dann geht es (endlich!) wieder bergauf. Dies wird für heute der letzte Anstieg sein, der mich auf die endgültige Höhe von etwa 2.600 Metern führen wird. Der Verkehr wird gegen Mittag spürbar schwächer. Bis zum Hochtor sind noch zwei Tunnel zu durchfahren, was bei starkem Verkehr sicherlich keine Freude bereitet hätte. Vor dem ersten, 400 Meter langen, Tunnel bleibe ich kurz stehen und bezweifle, dass hier überhaupt Fahrräder durchfahren dürfen. Einen Weg außen vorbei gibt es nicht. Also Augen zu und durch! Nun ja.... Augen zu wohl doch lieber nicht - schon dunkel genug hier.
Kurz nach dem ersten Tunnel erreiche ich endlich den zweiten und letzten: Das Hochtor. Davor gibt es wieder eine größere Ansammlung an Touristen. Vor der Durchfahrt pausiere ich noch kurz und stapfe zur Entspannung etwas durch den Schnee. So schnell werde ich wohl keinen Schnee mehr sehen. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wo ich durch den Tunnel möchte, zwängt sich von der anderen Seite ein großer Bus durch den Tunnel. Nachdem alles durch ist, versuche ich möglichst schnell den Ausgang auf der anderen Seite zu erreichen.
Dann habe ich endlich den höchsten Punkt des Passes erreicht. Über das Straßengeländer reicht mein Blick steil hinab in das Tal. Tief unten liegt Heiligenblut. Ich treffe auf zwei Radreisende aus Tschechien und einen, schon etwas älteren, aus Niederösterreich. Er bietet mir gleich an, ein Foto von mir hier oben zu machen. Er bittet mich ebenfalls eines von ihm zu machen und drückt mir 20 Schilling für die Zusendung in die Hand. Ich erfahre von ihm, dass er mit dem Auto quer durch Österreich kurvt und sich dabei die markantesten Punkte mit dem Rad bereist. Nicht gerade meine Philosophie von Radreisen.
Dann verabschiedet er sich und lässt sich wieder abwärts rollen. Die beiden Tschechen haben die ebenfalls deutlich schwierigere Auffahrt von Heiligenblut gewählt. Mit einem Mix aus Deutsch und Englisch tauschen wir Erfahrungen aus. Sie erzählen mir, dass sie schon in der Schweiz gewesen und nun wieder auf dem Rückweg sind. Ein ganz schönes Stück Arbeit! Einmal sind sie sogar die Nacht durch 180km gefahren.
Dann machen auch wir uns auf die Abfahrt. Das Klima hier wirkt schon ein ganzes Stück südlicher. Die Wiesen sind voll mit bunten Alpenblumen und hinzu kann ich die wunderbare Aussicht auf das Tal genießen. Bei der gefährlich steilen Abfahrt wird mir klar, wie schwierig die Auffahrt von dieser Seite sein muss. Selbst besonders starke Anstiege dauern lange an. Die Straße verläuft so eng am Hang, dass ich von hier oben schon mal die beiden Campingplätze, die mir zur Auswahl stehen, begutachten kann. Ich muss immer wieder aufpassen, dass ich nicht zu schnell werde. Die heiß gelaufene Rückrand-Bremse gibt immer weniger Leistung und wenn ich vorne Bremse, fängt das ganze Rad bei 20km/h an zu vibrieren. Unter der Baumgrenze fahre ich die ganze Zeit durch Kieferwälder bis schließlich Heiligenblut erreicht ist.
Am Campingplatz angekommen melde ich mich an und bekomme ein "Nummernschild", dass ich an mein Zelt zu hängen habe. Ein äußerst pünktlich aufkommender Regenschauer muss mir natürlich wieder den Aufbau des Zeltes vermiesen. Nach einem kurzen Einkauf beginne ich das Abendessen zuzubereiten. Bis jetzt weiß ich gar nicht, ob mein Militärkocher auf Campingplätzen überhaupt zugelassen ist. Jede Kochstelle war später durch einen recht auffälligen schwarzen Fleck gekennzeichnet. Nun ja, solange sich keiner beschwert...
Bis jetzt ist mir noch nicht so ganz bewusst, wie ich diesen Pass heute überhaupt geschafft habe...