Nach Einkauf im nahe gelegenen Supermarkt geht's wieder in die Pedale. Heute wieder mal recht spät um 11 Uhr. Der Weg auf dem ausgeschilderten Radweg nach Zell am See gestaltet sich auf weiten Strecken eintönig. Nur die großartige Kulisse der Tauernbergkette im Süden bringt etwas Abwechslung. Immer entlang am Salzach, einem idyllisch vor sich hin fließenden Flüsschen, doch leider auf einigen Abschnitten auch kanalisiert. Das gesamte Tal hat eine ganz andere Atmosphäre wie das Inntal. Es ist noch tiefer in die Berge geschmiegt, ohne große Verkehrswege. Kennzeichnend für die Landschaft sind die vielen kleinen Holzhütten auf den Feldern, Kühe dazwischen und kaum Industrie in den Orten. Das Wetter ist sonnig warm. Nur einige Schönwetterwölkchen sind, sich schwer über die Berge ziehend, zu beobachten.
Mitten in den Feldern raste ich neben dem Radweg und fülle meine Trinkflaschen nach. Aus der Entfernung nähert sich langsam ein Radfahrer in einem gelben Trikot. Ich beachte ihn aber nicht weiter. Erst wie er vor mir stehen bleibt, erkenne ich ihn wieder. Es ist der Reiseradler, mit dem ich gestern schon am Gerlospass unterwegs war. Die letzte Nacht hat er in einem Gasthof in der Nähe übernachtet. Dabei bekam er von seinem Gastwirt den Tipp, er solle doch mal mit dem Rad die Seilbahn zum "Wildvogel" rauf nehmen. Danach konnte er - mit seinem wenigen Gepäck - durch ein kleines Tal hinter dem Berg herum auf einer MTB-Strecke wieder zurück zum Salzach gelangen.
Da er früher als ich losgefahren ist, konnte er mich hier noch einholen. Wir reden noch eine Weile miteinander. Dabei erfahre ich von ihm, noch ein paar nützliche Tipps zum Großglocknerpass, die er auch von seinem Gastwirt bekommen hat. Irgendwie hat er sich von meiner Idee anstecken lassen und möchte jetzt ebenfalls über diesen Pass fahren. Wir verabschieden jedoch wieder, da eine gemeinsame Auffahrt mit so unterschiedlichem Fahrstil kaum möglich wäre.
"Ich fahre erst mal nach Zell am See. Werde mir da ein paar neue Ritzel besorgen, damit ich den Glockner besser schaffe..."
Darauf ich: "Du hast es gut! Würde ich mir auch gerne leisten."
"Das kommt noch - wenn Du mal älter bist"
Na, möchte ich doch hoffen, dass ich mir irgendwann auch mal so was leisten kann. Ich habe doppelt so viel Gepäck wie er und muss immer noch mit meinem "unfrisierten" Rad durch die Gegend gurken. Na wenigstens hat mein Rad die Tour bisher besser überstanden als ich und ich kann echt zufrieden mit ihm sein. Nicht einen einzigen Platten gab's seit Hamburg!!!
Ein kurzes Stück folge ich dem Kölner noch. Da ich etwas schneller bin, halte in Bruck noch einmal um Proviant zu kaufen.
Jetzt erst bemerke ich auch auf der Karte, dass Zell am See gar nicht der letzte Campingplatz vorm Glocknerpass ist. An der Glocknerstraße selbst, recht weit unten, gibt es noch einen: Fusch. Und bis dahin sind es laut Karte nur etwa 100 Höhenmeter auf leichtem Anstieg.
Erst einmal führt mich mein Weg es zum Zeller Flugplatz. Vielleicht bekomme ich ja eine billige Mitfluggelegenheit. Leider ist das aber nicht der Fall. Der Flugplatz scheint wohl mehr für betuchte Leute zu sein. Nicht einmal einen Segelflug bekommt man zu annehmbaren Preisen. Die Segelflugzeuge werden mit Motorflugzeugen im Schlepptau auf entsprechende Höhe gebracht, da Windenstarts hier nicht möglich sind. Echt ärgerlich!
Nun wird es langsam Zeit nach Fusch zu kommen. Die Sonne senkt sich wieder gemächlich über den Bergspitzen. Vor der Dunkelheit sollte ich den Campingplatz noch erreichen. Die Glocknerstraße zu finden ist kein Leichtes. Mit dem Auto kann man immer den Schildern nachfahren, was mit dem Rad gar nicht so einfach ist. Anfangs gibt es noch einen schwer zu bewältigenden Wirrwarr, der als eine Art Schnellstraße ausgebaut ist. Doch bei Einfahrt in das Tal wird die Straße schnell schmaler und - dank der späten Tageszeit - deutlich weniger stark befahren.
Fusch ist relativ schnell erreicht und am Ende des Ortes finde ich den Campingplatz. Ein typischer Campingplatz für die Durchreise. Keinen wird es hier sehr lange halten. Der Ort ist klein und behauptet sich zwischen zwei hoch aufragenden Berghängen. Kurz nach der Ankunft ist die Sonne schnell verschwunden und ihr restliches Licht schleicht langsam an den Bergen hoch bis nichts mehr von ihm zu sehen ist.
Im Ort kaufe ich noch etwas Spülmittel und Proviant für morgen. Es wird wirklich mal Zeit, dass ich beim Besteck und das Kochzeug ordentlich wasche. Besonders auf dem Kochtopf hat sich eine ordentliche Rußschicht von etwa 2mm angesetzt. Da sind Abkratzen mit der Gabel und ein riesiger Schuss Spülmittel angesagt. Nicht gerade zur Freude der vorbeigehenden Leute, denen die Nackenhaare bei solch einem quietschenden Geräusch zu Berge stehen...
Bein Telefongespräch mit meiner Mutter, muss ich mir wieder anhören, dass sie eigentlich ganz und gar nicht von meinem Vorhaben begeistert ist. Zumal ich vergessen habe mir einen Helm zu kaufen. Sie zu beruhigen zu versuchen ist auch nicht sehr aussichtsreich. Man hört viel von Radfahrern, die auf dieser Strecke wegen erhöhter Abfahrtsgeschwindigkeit umkommen. Auch wenn das Raserei Letzte ist, was ich freiwillig tun werde.
Langsam ist es Zeit zum Schlafen gehen. Ich will morgen um 5 Uhr aufstehen, damit ich das morgige Vorhaben auch schaffe und vor der großen Verkehrswelle um 10 Uhr das Meiste hinter mir habe.
Das letzte Sonnenlicht ist gerade hinter den Bergspitzen verschwunden. Aus der Ferne höre ich Wolfsgeheul, das wohl vom Wildpark Ferleiten kommt.
HUUUHUUUU!!!