
Nachdem ich mir wieder Brötchen und Milch vom Dorfladen geholt habe, frühstücke ich nur kurz und beginne zusammenzupacken. Gar keine so leichte Aufgabe, wenn man sich hier schon für 6 Übernachtungen einquartiert hat. Das Zelt sieht beinahe wie mein Zimmer zu Hause aus. So ergibt es sich, dass ich mich erst um halb zwölf abmelden kann. Am Abend zuvor habe ich mir einen kleinen Plan zurechtgelegt, mit dem die Gebühren für den Zeltlatz vielleicht doch etwas gedrückt werden können. Aber mit sogar 715 Schilling habe ich nicht gerechnet!
"Ja, ähem. Tut mir leid! Da muss ich noch mal zur Bank gehen. Habe gerade leider nur 500 Schilling dabei."
Daraufhin antwortet mir die Inhaberin - etwas genervt - dass die 500 schon reichen. Ich kann darf losfahren. Man, was habe ich nur für ein Glück! So sind umgerechnet fast 20 DM gespart! Davon lässt es sich doch schon ein Tag mehr leben.
Nun kann es losgehen. Auf dem Weg durch Inntal brennt die Sonne wieder erbarmungslos vom Himmel auf mich herab. Nach einiger Zeit gelange ich in das Zillertal.
Vor mir eröffnen sich die großen Dreitausender des Alpen-Hauptgebirgskammes. Was für ein Anblick! Doch an diesem Tag erwartet mich noch weit mehr. Dem Zillertal-Radweg folgend gelange ich nach Zell am Ziller, wo es den Gerlospass zu erklimmen gilt. Schon die ersten Serpentinen haben es in sich. Über steil abfallende Wiesen verlaufen sie in weiten Bögen - kaum voneinander entfernt. Was sich in der Steigungsrate besonders gut bemerkbar macht. Endlich auf immerhin 1000 Metern angekommen will der inzwischen deutlich seichtere Anstieg immer noch kein Ende nehmen. Stundenlang geht es so bis zum Gerlos-Stausee immer durch das dünn besiedelte Tal bergauf. Nur der kleine Ort Gerlos selbst bietet etwas Abwechslung sowie die Wiederauffüllung der inzwischen zur Neige gegangenen Trinkvorräte. Die Hitze hier oben ist wenigstens nicht ganz so schlimm wie in den niedriger gelegenen Gebieten.
Der atemberaubende Blick auf die umliegenden Bergspitzen eröffnet sich mir erst bei der Vorbeifahrt am Speicher Durlaßboden.
Vor der Staumauer ist noch ein unangenehmer Anstieg in zwei Kehren zu ertreten. Während ich mich so abstrample, überhole ich in Schneckengeschwindigkeit einen anderen Tourenradler. Wir kommen ins Gespräch und machen auf einem kleinen Rastplatz am Ende des Anstieges halt. Der andere Tourenradler kommt aus Köln und möchte seine Tante in Österreich besuchen. Wie ich ihm meine Strecke erläutere, deren verlauf noch offen ist, schlagen wir die Karte auf und studieren sie ein wenig. Dabei kommen wir zu dem Entschluss, dass die einzige Möglichkeit für mich nach Süden zu kommen nur der Großglocknerpass sein kann. Weiter nach Südwesten - in Richtung Slowenien - wollte ich eigentlich schon. Nur meine Mutter war mit diesem Gedanken überhaupt nicht einverstanden. Also plane ich, dass ich eine Ausweichroute in Richtung Italien nehmen sollte. Und die wäre eben über den Großglocknerpass. Ich kann mich noch erinnern, wie ich als kleines Kind bei der Auffahrt mit dem Auto die vielen trainierten Radfahrer sich dort oben habe quälen zu sehen. Irgendwie also ein mulmiges Gefühl, wenn ich daran denke, diesen Pass selbst in Angriff nehmen zu wollen. Andererseits stellt er aber auch eine schöne Herausforderung für mich dar.
Auf dem Rastplatz kann ich mich von dem Anblick der Bergketten kaum noch losreißen. Für die vorbeifahrenden Autofahrer sicherlich auch sichtbar, aber bestimmt weniger Spektakulär.
Man lernt alles viel intensiver zu sehen, wenn man die Landschaften nicht wie im Fernsehen hinter einer Windschutzscheibe an sich vorbeirauschen sieht. Und das Gefühl, es selbst bis nach hier geschafft zu haben, gibt mir ein Übriges dazu. Da kann so ein fauler Motorradfahrer noch so darauf bestehen, dass er ebensoviel sieht. Vor allem während der Auffahrt zum Gerlospass, noch am Anfang, ging mir eine dieser Motorrad-Sippen besonders auf die Nerven. Links und rechts von Motorrädern auf einer Baustelle überholt zu werden gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Dämliche Arschlöcher kann ich da nur sagen...
Nach etwa einer viertel Stunde beschließen wir uns zusammen ein Stückchen auf den Weg zu machen. Dabei stellen sich schon die ersten Schwierigkeiten des Fahrens zu zweit heraus. Bei dieser Kulisse muss ich an einer entsprechenden Stelle einfach einmal anhalten um ein Foto des Sees mit den schneebedeckten Bergen dahinter zu machen. Eben stehen bleiben und Fotos machen ist zu zweit gar nicht so einfach. Doch freue ich mich natürlich, dass ich mal wieder mit jemand anderes fahren kann. Besonders nachdem ich mir in den letzten Tagen die vielen Kommentare der Urlauber im Gasthof anhören musste, die meine Schilderungen einfach nicht verstehen konnten und entweder mitleidig geblickt, oder meine Mutter bemitleidet haben.
Nach dem See erfolgt eine kurze Abfahrt zu einer Mautstation, nach der es sofort wieder bergauf geht. Diesen Anstieg bewältigen wir ebenfalls zu zweit und schaffen es so bis auf die Gerlosplatte. Ein Hochmoor auf über 1600 Meter Höhe. Sehr beeindruckend ist, dass es hier auf einer weiten Fläche eben ist, doch hinter den Tannen erheben sich die Bergspitzen. Das Tauerngebirge. Deprimierend ist, dass es plötzlich wieder Steil bergab geht. Vor mir liegt plötzlich das tiefe Salzachtal. Ich kann beinahe "eine ganze Tagestour weit sehen". An einer kleinen Bushaltestelle mit Aussicht auf die Krimmler Wasserfälle verabschieden wir uns wieder. Der andere Tourenradler sagt mir noch, dass er es ohne mich wohl nicht bis nach hier oben hin geschafft hätte. Mich freut es, jemand mit meiner Anwesenheit geholfen zu haben. Durch ihn weiß ich endlich wieder, dass ich kein Verrückter unter vielen "Normalen" bin.
Nach dem Abschied fahre ich zuerst los und es geht auf einer sehr kehrenreichen Straße steil bergab ins Tal. Ziemlich unangenehm, denn ich weiß, dass diese ganze Höhenmeter am Großglockner wieder aufgeholt werden müssen. Doch der Blick auf die Krimmler Wasserfälle entschädigt wieder einmal für vieles. von hier oben hat man einen guten Ausblick auf die einzelnen Stufen des Wasserfalles. Erst weit unten treffe ich auf eine Aussichtsplattform, von der die vielen Touristen kaum noch etwas von der Schönheit dieser Wasserfälle zu sehen bekommen. Im Dämmerlicht der untergehenden Sonne leuchten nun nur noch die Bergspitzen hell auf.
Die Abfahrt wird durch die Dämmerung nicht gerade gemütlicher und von den vielen kleinen Wasserfällen am Straßenrand ist eisige Kälte zu spüren. In kurzer Hose und T-Shirt... Im Tal wird es wieder merklich wärmer. So als würde man gerade den Kühlschrank verlassen.
Jetzt beginnt die Suche nach einem geeigneten Quartier für die Nacht. Kurz vor einem kleinen Dorf namens Wald im Pinzgau überholt mich der andere Radler noch kurz und kann es kaum glauben, dass ich in meinen Sommerklamotten die Serpentinen runtergefahren bin. Die Geschwindigkeit, mit der er sich weiter abrollen lässt, wirkt auf mich geradezu lebensmüde. Ich mit meinem vielen Gepäck und ohne Fahrradhelm drücke lieber etwas fester auf die Bremshebel um unten wenigstens noch heil unten anzukommen. Die Höchstgeschwindigkeit im Sauerland hat mir gereicht und hier wird es mir nicht besser ergehen, wenn der Lenker plötzlich nicht mehr reagieren will. Natürlich habe ich es nicht so gut mit den Übernachtungsmöglichkeiten. Er mit seinen leichten Taschen übernachtet täglich in einem sich gerade bietenden Gasthof. Doch 50,-DM pro Nacht sind für meine Verhältnisse einfach zu viel.
Am Dorf begrüßt mich eine Flut von Schildern, die für nur insgesamt zwei Campingplätze hier werben. Da kommt ein Schild links für den Campingplatz mit "familiärer Atmosphäre", dann eines rechts für den Campingplatz "gemütliche Atmosphäre" und noch eines kurze Zeit später mit "billige Preise". Na das hört sich doch gut an! Bis mich das Schild "Radfahrer willkommen!" für diesen entscheiden lässt. Ich lasse mich in der Regel nicht so sehr von Werbung beeinflussen, aber das ist natürlich ausschlaggebend. Da verzichte ich auch auf die niedrigen Preise. Schließlich habe ich heute Morgen auch eine Menge gespart. Ich rausche am billigen Campingplatz vorbei und biege links auf dem "fahrradfreundlichen" Platz ein. Sieht ganz gemütlich aus hier. Die neu gebaute Rezeption im alpinen Baustil ist wie eine kleine Pension. Hier melde ich mich schnell an und bekomme Postkarte und Aufkleber in die Hand gedrückt. Natürlich Werbung für den Campingplatz. Wie ich die Frau an der Rezeption auf den "Schilderkrieg" draußen anspreche tut sie mit ihrer freundlichen Mine so, als wenn sie gar nichts davon wüsste...
Ein gemütlicher Platz für das Zelt ist schnell gefunden. Beim Aufbau hilft mir selbstverständlich wieder ein Niederländer und so kann ich mich schnell an die Zubereitung des Abendessens machen. Während das Feuer rußend unter dem kleinen Topf lodert, läuft mir vom Geruch der Käsespätzle schon das Wasser im Mund zusammen. Bis zum Essen kann ich es kaum noch aushalten. Ein ganzer Tag voller Anstrengungen bringt den Magen stark zum knurren. Aber was ist das? Ich finde in meinem ganzen Gepäck nicht ein Messer? Wenn mir das jemand geklaut hat, bringe ich ihn um! Wie soll ich denn mit nur einem Messer auskommen? Doch auch ohne Messer sind die "Kas'Spätze" schnell gefuttert. So geht der Abend wie die meisten anderen relalitv schnell mit spülen (das gute Marmorbecken...) und Eintragungen in das Reisetagebuch zu Ende.