
Weigelts sind heute nach Italien zum Einkaufen gefahren. Was auch sonst! Dafür fährt man dann in den Urlaub! Ich weiß noch wie wir so etwas im letzten Jahr mit meinen Eltern gemacht haben. Da gab es einen ziemlichen Konflikt mit mir. Ich war den ganzen Tag schlecht gelaunt, weil ich das Land zum ersten Mal auf dem Autobahnmarkt am Brenner "kennen lernen" durfte. Gegen so was sträube ich mich einfach. Da übertritt man schon eine Grenze zu einem neuen Land zum ersten Mal und das nur für's einkaufen. So wurden einfach meine ganzen Ideale darüber einfach überrannt.
Wie dem auch sei: Tatsache ist, dass ich heute alleine hier sitze. Das finde ich wirklich eine tolle Aufnahme. Die ganze Zeit dachte ich, dass man sich über meine Ankunft freut. Meine ganzen Erwartungen darüber wurden dann in diesen Tagen über den Haufen geworfen. Und wenn schon. Zum Einkaufen wäre ich auch bei Nachfrage nicht mitgefahren! Nach einem kleinen Frühstück entschließe ich mich zum Gilfert zu fahren, einem der höchsten Berge südlich des Campingplatzes. Diesen Gipfel zu besteigen habe ich schon vor einem Jahr versucht, was leider gründlich misslang. Hoffentlich hat dieser Berg nichts gegen mich.
Nach einem kurzen Besuch des Touristenbüros in Weer fahre ich mithilfe einer Panoramakarte den Weerberg rauf. Mit meiner Kondition ist es wohl doch nicht so weit her wie gedacht. Einen großen Teil der steil ansteigenden Straße zum weiter oben gelegenen gleichnamigen Ort Weerberg schiebe ich. Wenn ich versuche zu fahren, beginne zu keuchen und komme nur noch weiter bis zum nächsten Zaunpfahl. Wie will ich dann den Weg bis zum Gilfert noch schaffen? - Ganz zu schweigen von den ganzen Alpen...
In Weerberg kann ich mich wieder kurz auf den Sattel schwingen. Bei den Kehren vorm nächsten Bergdorf Hausstatt ist es jedoch wieder vorbei und ich muss wieder schieben. Keuch!
Die Sonne scheint erbarmungslos. Ich suche jeden kleinsten Schatten auf um etwas zu verschnaufen. Dafür ist der Blick über das unter mir liegende Inntal und das auf der anderen Seite liegende Karwendelgebirge umso grandioser.
Weiter oben geht es auf dem Lavaster-Wanderweg weiter. Hier kann ich wegen der leichten Steigung wieder wunderbar fahren. Jedoch wird mein Hintern von bestem Schotter massiert. Da der Weg durch Tannenwald führt, bin ich nun auch die Sonne los.
Zwischendurch mache ich an einem kleinen Bach halt um meine zur Neige gehenden Trinkwasservorräte aufzufüllen. Das Wasser ist wunderbar klar und kühl. Nach der Pause überhole ich eine Mountainbikerin, die ich kurz im Vorbeifahren grüße. Nach endlosen Pedalumdrehungen erreiche ich endlich die Baumgrenze. Vor mir bietet sich das typisch Alpine Bild. Grasende Kühe auf Steinigem Untergrund, eine Alm, sowie saubere Bäche. Hier oben ist es merkbar kühler. Ein paar Quellwolken ziehen von Süden immer dichter werdend über mich hinweg. Hoffentlich kommt jetzt nicht das was ich denke...
Der Weg zur Alm wird immer schlechter - spürbar felsiger. Bei der Alm gibt es nichts Besonderes zu sehen. Ein schlichter, zwar bewirtschafteter, aber unbewohnter Bauernhof, könnte man sagen. Ein paar hundert Meter weiter oben ist noch eine. Also dorthin. Der Weg ist merkbar nur für Wanderer und 4x4-Wagen gedacht. Wirklich unangenehm an den vielen Steilhängen.
An der zweiten Alm gibt es wieder nichts zu sehen. Fenster und Türen sind verschossen und es gibt kein Lebenszeichen. Der Weg ist hier zu ende und der Wanderweg zum inzwischen sichtbaren Gipfelkreuz dürfte nicht mehr lang sein. Erst gibt es Mittagessen. Nun möchte ich unbedingt mal meinen kleinen Kocher ausprobieren, den ich in Augsburg geschenkt bekommen habe. Mal sehen... eine Fertigsuppe, Besteck, Grillanzünder und eine Dose Annanas. Was habe ich mir eigentlich gedacht, worin ich das Wasser für die Fertigsuppe warm machen soll? Bin ich ein Depp! Also müssen die Annanas in kurzer Zeit dran glauben. Die Dose ist nach der langen Auffahrt schnell geleert und kann mit fließendem Wasser aus der Kuhtränke gefüllt. Was aber jetzt? Die Dose passt nicht auf den Kocher! Zu klein! Dann eben ein paar Steine rechts und links des Grillanzünders und schon darf das Wasser kochen. Gar nicht so leicht bei eiskaltem Wasser! Etwa eine viertel Stunde später hat der Kocher sein Werk vollbracht. Von der Dosenaufschrift ist unter dem ganzen Ruß nichts mehr zu erkennen und der Kocher sah auch mal sauberer aus...
Das kochende Wasser kippe ich schnell in den Suppenbecher, da schon das nächste Problem auftaucht. Tröpfel, Tröpfel, Tropf, Tropf... Scheiße! Über dem Gipfel kommen dunkle Wolken und die ersten Regentröpfchen fallen auf den heißen Stein. Hinter dem Gipfel ist zu allem Unnutz auch noch Donnern zu vernehmen. Hoffentlich kommt nicht noch mehr hier rüber. Wie war das noch? Da gab es doch eine nicht zu vergessende Lektion für Wanderer: "Das Wetter in den Alpen ist unberechenbar. Deswegen immer, bei jedem Wetter, Regenzeug mitführen!" Ohne viel nachzudenken: Warum habe ich jetzt keine dabei? Das hat so ein Flachland-Indianer, wie ich jetzt, davon! Jetzt stehe ich hier unterm Vordach der Alm.
Doch weit größere Sorgen mache ich mir um mein Zelt, das - nicht abgedeckt - unten im Tal steht. Wenn der Regen einmal dort ist... ich will gar nicht erst daran denken. Also würge ich schnell meine Nudelsuppe runter und rolle durch den prasselnden Regen zur nächsten Alm. Der Weg wird immer schlammiger und ich kann vom glück reden, dass ich es heile bis zum Vordach der nächsten Alm schaffe. Es hat einfach keinen Sinn bei diesem Wetter. Die Einzigen hier oben, die dieses Wetter gleichmütig ertragen, sind die Kühe. Zu so viel Gleichmut kann ich mich nun nicht zusammenraffen.
Der "Bauer" kommt kurz mit seinem Geländewagen neuester Bauart vorbei um die Kühe zu füttern und grüßt mich selbstverständlich. Also entweder hat der sich seine Gleichmütigkeit von den Kühen abgeguckt oder solche Verrückten, wie ich einer bin, scheinen hier oben des Öfteren vorzukommen!
Während der Regen sich abschwächt, hält mich die Sorge um mein Zelt nicht mehr zurück und ich mache mich unverzüglich auf den Rückweg. Dabei muss ich fast mehr von Schlittern als von Fahren reden. Der Weg ist inzwischen deutlich schlammiger geworden, hier und da überqueren ihn schlammige Bäche. Wirklich unangenehm! Doch noch vor Hausstatt hört es auf zu regnen und die Sonne kommt hinter den Wolken hervor. Im Ort ist kaum noch etwas vom einen Regenschauer zu sehen. Ich frage jemanden, ob dass Wetter denn hier auch so war und bei meiner Schilderung wie es "dort oben" war, werde ich nur ungläubig angesehen. "Na, hia hat's kuam geregnat!"
Ganz glauben will ich das nicht und düse so schnell wie möglich bergab. Unten am Campingplatz angekommen traue ich meinen Augen nicht. Hier laufen die Leute in kurzen Hosen und T-Shirts unter strahlend blauem Himmel Sonne herum! Mein Zelt ist furztrocken! Dafür habe ich mich so beeilt! Dieser Berg scheint echt was gegen mich zu haben. Möchte gar nicht wissen, was er sich bei einem (eventuellen) nächsten Angriffsversuch von mir einfallen lässt. Hier ist doch nichts mehr normal!
Den Abend verbringe ich größtenteils mit Weigelts & Co. Zwischendurch koche ich mir auf dem Campingplatz eine Suppe mit dem Kocher. Die anderen Gäste des Gasthofes wollen meine Tour einfach nicht glauben. Am wenigsten Verständnis findet man dafür, was ich nur täglich an Essen zu mir nehme. "Ein Süppschen! Was hat dat denn für Kalorien!" Warum ich denn nicht im Gasthof essen würde. Ehrlich gesagt, sind die Gäste hier auch nicht gerade reich, aber ich kann mir so was eben nicht täglich leisten. Außerdem bin ich vollkommen zufrieden damit wie ich zurzeit lebe! Basta!