Tag 16: München - Weer (A)

Tageskarte

Früh am Morgen bekomme ich noch halb schlafend mit, wie meine Tante sich auf dem Weg zur Arbeit macht. Meine Cousins sind wieder weg, arbeiten und bei der Bundeswehr. Etwa 1 Stunde später schaffe ich es aufzustehen und mache das Frühstück. Ich finde es schon etwas enttäuschend, dass ich mich nicht mehr vor der Abfahrt verabschieden konnte, auch wenn wir das gestern schon im Voraus getan haben. Gegen meine Morgenmüdigkeit gibt es kein Mittel.
Ich habe die Ehre das Gepäck wieder 4 Treppen runter tragen zu können - bis die Schultern schmerzen. Dann noch einmal hoch und nachsehen ob auch wirklich nichts vergessen wurde und die Katze davon abhalten durch Türschlitz zu entwischen. Ich werfe den Schlüssel in den Briefkasten, staue das Gepäck aufs Rad und es geht wieder los.
Dummerweise finde ich meine "Glückskappe" nicht wieder. Meine einzige Kappe, die ich auf einer so langen Strecke nirgends verloren habe. Und das auf der ganzen Strecke durch Deutschland.
Natürlich verfahre ich mich schon jetzt um einige Kilometer und bin schon fast in der Innenstadt, als ich es bemerke. In München gestaltet sich die Orientierung noch etwas schwierig, obwohl die Isar mit ihrem Radweg in einem sich deutlich einschneidenden Tal liegt. Irgendwann, gerade außerhalb Münchens, macht der Weg eine starke Wendung und führt bergauf in die Entgegengesetzte Richtung weiter. Aber was ist das? Neben dem Wasserstauwerk vor mir geht noch ein kleiner Weg vorbei. Warum sollte ich den nicht nehmen? Als so toll stellt sich diese Idee wenig später doch nicht heraus. Der Weg wird immer abenteuerlicher. Steinige, sandige, halb überschwemmte, und von Schlammlawinen teils weggeschwemmte Wege wechseln sich untereinander ab. Zu guter Letzt wird der Weg immer schmaler und dementsprechend schlecht erkennt man ihn unter dem Laub. Irgendwo treffe ich einen Mountainbiker, der mich nach dem Weg fragt. Na wenigstens bin ich hier nicht der einzige (der sich verfahren hat...)


Entlang der Isar
Entlang der Isar

Die ganze Zeit durch den Wald zu fahren wird unter der ansteigenden Mittagshitze immer nerviger. Doch irgendwie ist es auch sehr abwechslungsreich. Eine weite Strecke habe ich mir für heute nicht vorgenommen. Lediglich bis nach Bad Tölz oder ein Stück weiter soll es gehen, um dann - am nächsten Tag - über den Achenpass in das Inntal, und somit in die Alpen, zu gelangen. Zu allem Überfluss kommt plötzlich ein Feld aus tausenden von Brennnesseln. Und ich habe eine kurze Hose an! Lustig! Der Mountainbiker überholt mich und gibt noch kurz die Information: "Kommt durch die ganzen Überschwemmungen in der letzten Zeit." Von denen hatte ich in meinem Zelt in Wüstenroth eigentlich genug! Und jetzt kommen dadurch noch diese Gewächse zustande! Im Kontrast dazu steht das auftauchende Kloster Schäftlarn. Ein riesiger, weiß angestrichener historischer Bau, der sich über die Wiese erhebt.
In Schaftlarn komme ich wieder auf eine geteerte Straße. Auf der anderen Seite der Isar führt der Weg durch schöne Nadelwälder, die sich mit Lichtungen und typischen bayrischen Wiesen abwechseln. Ab Ascholding fahre ich auf eine etwas stärker befahrene Straße nach Bad Tölz. Rechts und links von mir werden die Hügel immer höher und waldreicher. Typisch bayrische Häuser mit ihren prächtigen blumengeschmückten Balkonen gehören ebenfalls zum Landschaftsbild. Wie die Straße eine Kurve in Richtung Bad Tölz macht, mustere ich den Horizont. Da sind sie! Unverkennbar zeichnet sich eine große Gebirgskette am Horizont ab: Die Alpen! Eine meiner Lieblingslandschaften überhaupt. Sie stellen das vollkommene Gegenteil zum mir verhassten flachen Norden dar, in dem ich wohne. Der raue Norden ist mir um einiges Unbehaglicher als diese majestätischen Berge. Nach jeder Kurve bietet sich einem ein neues Landschaftsbild. Man kann auf Felder, Kirchen, Städte und Dörfer herabsehen wie woanders nur aus dem Flugzeug. Das ist es was ich am meisten daran liebe. Ganz zu schweigen von den sich am blauen Himmel abzeichnenden Bergspitzen. Doch genug der Träumerei. Kurze Zeit später bin ich in Bad Tölz angekommen. Hier versuche ich als erstes ein Taschenmesser, oder wenigstens einen Dosenöffner zu finden. In der belebten Fußgängerzone muss ich erst einmal den richtigen Laden finden. Die Taschenmesser kann ich schon einmal abhaken. Bei den Preisen! Na, ok. Was habe ich erwartet? In einem alpinen Tourismuszentrum wie hier. Ein Dosenöffner Marke "Wanderfreund" für schlappe 3,80 ist schnell gefunden. Ein aus zwei Teilen bestehendes Stück Blech, von dem mir die Verkäuferin nur in etwa erklären kann, wie es funktioniert. "Was? Sie waren noch nicht bei der Bundeswehr?"
Es ist erst halb 3 und nach kurzer Überlegung steht für mich fest, dass ich heute schon versuchen werde über den Pass zu kommen. Falls ich es nicht schaffe, kehre ich einfach wieder um. Eine noble Vorstellung, die ich mir in den nächsten Wochen oftmals vornehmen werde. Nur kann ich mich nie dazu überwinden, doch wieder zurückzufahren. Wer macht das schon gerne?
Ich finde recht schnell wieder aus Bad Tölz heraus. Schnell finde ich den offiziellen Isarradweg, der hier durch Unmengen von Latschen-Wäldern führt. Auf den Kiesbänken der hier deutlich ursprünglicheren Isar sonnen sich viele Leute unter der heißen Mittagssonne. Die Landschaft hier wird immer prächtiger. Im Westen und im Osten die bis zur spitze mit Tannen bewachsenen Berge und in vor mir die steil aufragenden Felswände des Karwendelgebirges.
In Lenggries führt mein Weg auf der Passstraße weiter. Die Karte sagt eine schlechte Straße voraus. Doch daneben ist ein "nigelnagelneuer" Radweg! Bis zu Kehre am Sylvensteinsee geht es nur leicht bergauf. Rechts von mir ragt ein Berg steil auf und auf der rechten Seite geht es bergab in den tiefen Tannenwald. Der Radweg reicht bis zu einer Baustelle. In einer groß angelegten Kehre nach Osten hin werde ich schön mit holprigem Kies begrüßt. Eine unangenehme Angelegenheit, wozu die Anstiegsprozente hier merkbar in die Höhe schnellen, Ich kann mich kaum noch auf dem Rad halten, während die Baufahrzeuge und Urlauber an mir vorbeirasen. Nicht zu vergessen ein Rennradler, den ich am Ende der Baustelle schnell wieder sehe. Kein Wunder, wenn man mit diesen dünnen Reifchen mit über den Kies brettert. Der Anstieg nimmt ab und mit weiterer Höhe bekomme ich eine immer bessere Aussicht auf den See, in dem sich das dahinter liegende Gebirge spiegelt. Der Wald wird langsam von schönen steinigen Alpenwiesen mit ihren Hütten, Schafen und Kühen abgelöst. Und - als wäre es unvermeidbar - kommt zu dieser Landschaft das Schild der Staatsgrenze. Wahnsinn! Ich habe es bis nach Österreich geschafft! Meine Motivation steigt. Auch wenn der Anstieg kein Ende nehmen will. Ich steige vom Rad, sprinte zurück nach Deutschland und schieße natürlich - was auch sonst - ein Foto. Unglaublich!

Almen, Kühe...
Almen, Kühe...
...Österreich!
...Österreich!

Eigentlich dachte ich mir, dass es vorm Achensee noch bergab gehen müsste - im Gegenteil. Jedoch der Anstieg ist nicht ganz so heftig. In einem kleinen Laden kaufe ich mir ein Eis um meinen Durst zu löschen und wie ich ihn verlasse regnet es! Was ist denn das für ein Wetter hier? Ein kleines Wölkchen überm Kopf und trotzdem regnet's? Nach einem sich lang ziehenden Weg erreiche ich schließlich den Achensee. Überall sind Touristen und es ist recht viel Verkehr. An Unmengen und Tourismushorten vorbei (unter anderem auch über das Gebiet eines Campingplatzes) komme ich schließlich nach Eben, wo der Achensee endet. Nur eine kleine Anhöhe trennt diesen See vom gut 400 Meter tiefer gelegenen Inntal und verhindert somit einen Abfluss in diese Richtung. Jetzt weiß ich auch, warum es bei der Anfahrt von der anderen Seite nie bergab ging...

Der Achensee
Der Achensee

Nach einigem Gesuche finde ich den richtigen Weg hinab ins Inntal: Eine kleine, unscheinbare Straße, die mit gut 16% ins Inntal führt. Hier werden meine Bremsen das erste Mal richtig auf die Probe gestellt. Kaum lasse ich die Bremszüge auch nur 2 Sekunden los, bin ich 10km/h schneller wobei der Gedanke an versagende Bremsen nicht gerade ermutigend ist. Unten im Tal treffe ich auf die Gemeinde Jenbach. Nun muss ich noch schnell Geld wechseln und mir eine Telefonkarte kaufen. Ich weiß nicht einmal den Wechselkurs des Schillings. In einem Wechselbüro hätte ich wahrscheinlich leicht über's Ohr gehauen werden können. Anstatt an dem tatsächlichen Kurs 7:1 dachte ich es wäre 4:1. Warum nur so eine komplizierte Zahl?
In Richtung Innsbruck sehe ich immer grauere Wolken durchs Tal ziehen. Einen kräftigen Regenschauer könnte ich gerade noch brauchen. Nach einem kurzen Einkauf in Schwatz geht's dann los. Vor dem Supermarkt ziehe ich mir noch schnell mein Regenzeug an und folge weiter dem Inntal-Radweg. Heute werde ich es sicher noch bis nach Weer schaffen, wo meine Bekannten Urlaub machen. Diese dusseligen 5 km schaffe ich auch noch - und wenn's noch so sehr regnet! Der Regen wird immer stärker und die Nässe findet langsam ihre Wege durch meine Kleidung. Meine Überschuhe halten nicht, was ihr Preis einmal versprochen hat. Sie lösen sich und bleiben an den Pedalen hängen. Die Regentropfen kullern mir durch die Haare, die Stirn, über Nase und Kinn am Hals runter in das T-Shirt. Angenehm! Das letzte Stück nach Weer rase ich förmlich über die Hauptstraße. Am anvisierten Campingplatz vorbei fahre ich zuerst zum Gasthof, in dem ich letztes Jahr den Urlaub mit meinen Eltern verbracht habe und wo die Bekannten von mir jetzt wieder sind. Von der Hauptstraße ab geht es an Kirche, Bank und Weerewirt vorbei geradeaus zum Gasthof. Alles ist so wie vor einem Jahr.
Vor dem Gasthof stelle ich mein schwer bepacktes Rad ab und betrete ihn mit meinen nassen Klamotten. Drinnen begrüßt mich Zigarrettenrauch und das Lärmen der vielen redenden Menschen beim Essen. Es ist gerade Essenszeit und reger Betrieb. Erst frage ich die Kellnerin nach den Weigelts, de ich hier besuchen wollte, und dann Hans, der den ganzen Gasthof leitet. Beide geben in ihrem Stress keine Antwort. Wieder zu erkennen scheint mir hier so oder so keiner. Wo ich hier im letzten Jahr eine so familiäre Atmosphäre erfahren habe, kommt mir plötzlich alles ganz anders vor. Während man mich in meinen triefenden Klamotten keines Blickes würdigen will, gehe ich einfach wieder raus und denke nach was ich jetzt tun soll. Durch die Tür sehe ich noch Hans - einen Kopfschüttelnden Blick auf mich werfend - mit einem Tablett Essen vorbeilaufen. Es ist so als schiene er zu denken, wie nur so ein Abschaum in seinen Gasthof kommen kann. Das war echt 'ne bittere Enttäuschung. Also mache ich mich auf den Weg zurück bis zum Campingplatz.
Beinahe habe ich das Gefühl, dass ich den Umgang mit "normalen" Leuten verlernt habe. Auf dem Campingplatz werde ich freundlich aufgenommen und finde einen schönen Platz. Bezahlt wird nach Abreise und Duschen gibt's gratis. Zugegeben; der Preis ist etwas deftig. Doch die Atmosphäre hier gefällt mir trotzdem gut. Zelte gibt es hier auch nicht sehr viele, doch irgendwas ist anders. Auf den ersten Blick kann ich es nicht so genau deuten. Beim Aufbau des Zeltes wird mir, natürlich von einem netten Niederländer, tatkräftig geholfen. Die Klamotten werden wieder ordentlich an die Seiten des Zeltes gelegt. So sauber, wie ich mein eigenes Zimmer nie halten würde. Mein Zimmer? Wenn ich jetzt daran zurückdenke, kann ich mir schon gar nicht mehr richtig vorstellen, dass ich ein eigenes Bett mit einem weichen Kissen, einer weichen Matratze und dicker Bettecke habe. Das alles scheint mir so seltsam weit entfernt. Ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet und jetzt wundere ich mich plötzlich darüber wie ich mich an diesen Lebensstil in den letzten Wochen so gut gewöhnt habe...
Später fahre ich mit einem mulmigen Gefühl im Magen, dass wohl nicht auf meinen Hunger zurückzuführen ist, wieder zum Gasthof. Das Abendessen müsste jetzt beendet sein. Vor dem Gasthof erkenne ein mir aus dem letzten Jahr sehr gekanntes Bild: Frau Weigelt sitzt mit anderen Urlaubern an einem der zwei Tische vorm Gasthof. Wie ich vor ihnen anhalte, erkennt sie mich sofort. Erst scheint sie es gar nicht wahrhaben zu wollen, doch wirkliche Verwunderung zeigt sie nicht wirklich. Im Telefonat vor zwei Tagen habe ich mit ihrer Tochter davon gesprochen, dass ich erst einen Tag später komme. Sie ist eine etwas kleinwüchsige Frau, die ich seit ich denken kann, nicht anders kenne als mit kurzen Haaren und einem scheinbar immer grimmigen Gesichtsausdruck, der sich nur selten beim einem guten Witz und einer Zigarette lockert.
Wir begrüßen uns nicht sehr überschwänglich, aber freundlich und nach kurzem Gerede frage ich wo ich denn die anderen beiden Treffe. Das heißt; ihre Tochter und ihren Sohn die ich ebenfalls aus der langjährigen ehemaligen Nachbarschaft in einem kleinen Dorf im Bergischen Land bei Bonn kenne. Mit ihr, Ursula, bin ich damals noch in den Kindergarten gegangen und sie ist etwa 1 Jahr jünger wie ich. Markus, ihr kleiner Bruder ist etwa 12 Jahre alt und spielt scheinbar, seit er auf laufen kann, Fußball. Beide sind manchmal bei einem Streit so wahnsinnig dickköpfig, wie ich es noch wirklich bei keinen anderen Geschwistern erlebt habe.
Sie sind beide im Weerewirt, einem Nobelhotel, Billard spielen. Also mache ich mich auf den weg dorthin. Im Billardkeller treffe ich die drei wieder einmal bei ihrem "professionellen" Spiel an.



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