Nach einem guten Frühstück genieße ich wieder die Gemütlichkeit einer Wohnung. Ich lese und rede mit meiner Tante bis zum Mittagessen über einen Internetanschluss, den sie sich zulegen möchte.
Danach geht's mit dem Fahrrad in Richtung Oberschleißheim. Dort ist das Luftfahrtmuseum, eine Zweigstelle des Deutschen Museums, das ich mir schon seit längerem einmal ansehen wollte. Vom südwestlichen Teil Münchens muss ich noch ein großes Stück durch die Stadt um an den nördlich gelegenen Flugplatz zu kommen. Dabei passiere ich Brücken und Wege des Schlossparks der Nymphenburg die sich durch ihre vielen Schwäne und den historischen von Efeu bewachsenen Bauten auszeichnet.
Eine Stunde, etliche Ampeln und einen Fahrradladen später, komme ich am Museum an. Die mir noch verbleibenden anderthalb Stunden bis zur Schließung sehe ich mir die ältesten Flugmodelle, die Historischen Bomber aus dem II. Weltkrieg und moderne Kampfjets an. Alles in allem ist es recht gut dargestellt. In einem Gebäudeteil kann man eine Treppe hinaufgehen, die auf den alten Kontrollturm aus dem ersten Weltkrieg führt. Man hat eine ganz gute Aussicht über das Gelände. Auf der anderen Seite des Flugplatzes sehe ich ein paar zerfallen aussehende Hangars und davor eine große Menschenansammlung - nein ein Biergarten.
Ich meine dort ein paar Segelflugzeuge gesehen zu haben und so ist es auch. An einem der alten Hangars finde ich ein Schild mit den Preisen für Rundflüge. Und wie ich den Preis für einen Segelflug sehe, kann ich nicht widerstehen. 25,- für 20 Minuten - spottbillig!
Also schließe steige ich über den Zaun und gehe zu den Segelfliegern. Nach kurzem Durchfragen zu den richtigen Personen habe ich auch schon jemanden gefunden mit dem ich fliegen kann.
Ich setze mich mit dem Piloten, der etwa 1-2 Jahre älter ist als ich, in den engen Rumpf des Fliegers. Nach aufwendigem Anschnallen von allen Seiten wird die Haube geschlossen und die Startfunksprüche beginnen. "Seil stramm!", "Start!". Das Flugzeug wird mit einem leichten Ruck angezogen und beschleunigt schneller und schneller, dass ich in den harten Sitz gedrückt werde. Die Nase geht vom Gefühl her Steil wie eine Rakete nach oben. Ich muss sofort den Fotoapparat ansetzen.
KLICK! Film weiterziehen ...und? KLACK! Nichts da! Dieser Testfilm hatte nur 12 Fotos? Ich glaub's einfach nicht! Und ich habe keinen Ersatzfilm dabei! Während ich schmolle, wird mein Magen erst mal durch einen kräftigen Zug nach oben gezogen. Um in den Gleitflug überzugehen und wieder Geschwindigkeit zu gewinnen, wurde die Flugzeugnase gesenkt. Die Wut steigt mir in den Kopf, ich würde am liebsten aus dem Flieger springen. Da unten muss es doch irgendwo einen Film geben den ich verknipsen kann! Entschädigt werde ich dann jedoch durch die wunderbare Aussicht. Die Sichtweite ist heute besonders weit. Im Norden sieht man bis zum Horizont Felder und kleine Orte. Im Süden ist der Olympiapark mit seinem großen Turm zu sehen, dahinter die Stadt. Und zu guter Letzt kann man im Nordosten noch einen dünnen grauen Strich ausmachen, der riesige Franz-Josef-Strauss-Flughafen - übrigens der drittgrößte Deutschlands. Und bei all dem habe ich dieses schlechte Gefühl, dass ich von dieser wunderbaren Aussicht keine Fotos machen kann. Wir fliegen über einem Autobahnkreuz ein paar Kapriolen und ich unterhalte mich mit dem Piloten ein wenig. Die Thermik soll am Morgen besonders gut gewesen sein und ein paar Segelflieger sollen es auf 800m über Grund geschafft haben. Dieses Erlebnis würde ich auch gerne einmal machen, doch die Thermik - jetzt am Nachmittag - erzeugt so wenig Auftrieb, dass der Aufstieg in diese Höhen eine halbe Ewigkeit dauern würde. Mich würde dass grundsätzlich nicht stören, mein Portemonnaie aber sähe danach aber nicht mehr besonders voll aus. Den leeren Fotoapparat gar nicht zu erwähnen... Es werden noch einige scharfe Runden auf der Suche nach Thermik geflogen. Immer wieder werde ich in den Sitz gedrückt und die Kamera drückt immer schwerer in den Schoß. Damit ist es aber noch nicht getan. Eine Solche Art zu Sinken habe ich in einem Flugzeug noch nicht erlebt. Die Nase wird einfach um einige Grad nach unten gedrückt um gegen die nach oben drückende Thermik anzukommen. Dabei beschleunigt der Flieger auf 200Knoten und beim Widerheraufziehen der Nase wird eine meine eigene Nase plötzlich ziemlich frei. Besser als jedes Erkältungsmittel! Auf die genannte Höchstgeschwindigkeit von 230 Knoten verzichte ich lieber. Diese "Erfliegung" war mir für den zweiten Segelflug in meinem Leben genug. Wie die Segelfugpiloten immer eine so weiche und nahezu punkgenaue Landung schaffen, wundert mit immer wieder. Die Luftbremsen werden und das Flugzeug beginnt mit einem merkbaren Druck in den Ohren zu sinken. Die Geschwindigkeit nimmt so genau ab, dass das Flugzeug kurz vor seiner nicht zu unterschreitenden Knotenanzahl auf nicht einmal 50 Meter Länge landen kann. Wir öffnen schon mal die Haube bis das "Abschleppteam" beim Flugzeug angekommen ist und schieben es mit 4 anderen wieder zurück zu den anderen. 25,- ärmer mache ich mich dann wieder auf die Rückfahrt. Zuvor habe ich mich noch mit den Segelfliegern für morgen verabredet. Auf dem Rückweg wähle ich dieses Mal den Weg durch den Olympiapark wo schon wieder eine art Oktoberfest stattfindet. Da ich schnell wieder nicht weiter weiß, frage ich den nächsten Passanten nach dem Weg. Er versucht mir zu helfen, gesteht aber ein, dass er mir nicht helfen kann und zieht schnell eine andere Person zur Hilfe heran. Diese Freundlichkeit erlebe ich seit Hessen das erste Mal wieder.
Wie ich bei meiner Tante ankomme, scheint die Sonne immer noch vom strahlend blauen Himmel. Aus dem Wohnzimmer im 4. Stock kann ich jetzt sogar die Alpen sehen, die sich gigantisch vom flachen Vorland abheben. Was habe ich da nur vor...