Unwetter
So langsam glaube ich, an diesem 'Gerücht' von Unwettern im Süddeutschen Raum zu dieser Zeit, war doch was dran!
Um etwa 4 Uhr nachts werde ich von Regen geweckt, der in dicken Tropfen auf mein Zelt prasselt. Das Zeltdach kann den Regen kaum zurückhalten. Ich versuche weiterzuschlafen, komme aber nicht dazu. Nicht lange danach drückt sich das Zeltdach mit biegenden stangen fast auf mich. Starke Windböhen kommen auf. So stark kann der Wind doch gar nicht sein! Immer wieder höre ich Donner und sehe gespenstische Blitze mein Zeltinneres erhellen. Die Zeltplane versucht plötzlich selbstständig zu machen, der Regen prasselt in das Zelt, und ich muss notgedrungen doch noch raus. Bei der Hektik komme ich kaum dazu zu denken, in was für einer Situation ich jetzt bin. Warum liege ich nicht gemütlich zu Hause im Bett, wie alle anderen normalen Leute? Ich komme nicht mehr dazu, die Schuhe zuzubinden und stolpere mehr oder weniger nach draußen. Dort bietet sich mir ein schauderhaftes Bild. Über dem nahegelegenen Hügel scheint sich das Gewitter voll und ganz auszutoben. Während ich um das Zelt laufe und die Plane 'bändige', sehe ich über dem Hügel immer wieder bläuliche Blitze mit sofort folgendem Donner erscheinen. Sie erhellen die ganze Umgebung für Sekundenbruchteile. Ganz zu schweigen von Wind und Regen. Die Bäume biegen sich dem Umbrechen nahe. Der Regen hat den Boden in ein schlammig -matschiges Etwas verwandelt. Meine Schuhe sind total besudelt. Beim Überdecken der Plane sehe ich im Licht der Blitze, warum mein Zelt so schief gestanden hat. Das an das Zelt geschlossene Fahrrad ist mit allem Gewicht drauf gefallen! Wie ich endlich alles erledigt habe, verkrieche ich mich wieder in das inzwischen nasse Zelt und mümmel mich in den teilweise nassen Schlafsack ein. Hoffentlich halten die Heringe dieses Mal im Schlamm. Ein bisschen döse ich noch vor mich hin und schon macht sich das Zeltdach wieder selbstständig! Jetzt reicht's! Das Zelt ist schon nass genug! In der inzwischen panischen Hektik ziehe ich nur einen Schuh an und laufe mit dem anderen Fuss so durch den kalten Schlamm. Die Heringe sind nur mit Wühlen im Schlamm wiederzufinden und leider auch nicht alle. Ich hoffe, dass jetzt alles hält und gehe wieder zurück ins Zelt. Bevor ich den den Schlafsack kreiche, vergesse ich fast noch, mir den dreckigen Fuß mit einem der auch inzwischen nassen Taschentücher einzuwickeln. Ich verkrieche mich so tief wie möglich in meine letzte Bastion gegen dieses Mistwetter. Nie habe ich meinen Schlafsack so geschätzt! Ein bisschen Dösen ist möglich. An Schlafen ist aber nicht zu denken. So verbringe ich die Zeit bis 6 Uhr mit dem Lesen eines Testartikels über Schlafsäcke und dem Essen einer Tüte Kekse bis das Unwetter nachgelassen hat. Um 6 Uhr komme ich dann endlich zum einschlafen...
Am Morgen sieht das Zelt ziemlich mitgenommen aus. Ein trauriger Anblick. Auf dem Zeltboden haben sich kleine Pfützen um die Isomatte herum gesammelt und alle offen herumliegenden Klamotten sind weitgehend durchnässt. Nur mein Schlafsack hat alles recht gut überstanden. Auf dem Weg zum Zähneputzen treffe ich den Wohnmobilisten und erzähle ihm von den Geschehnissen, wie er mich auf das doch so schöne Wetter anspricht...

Das
Zelt nach dem Unwetter
Das Zelt ist abgebaut und so viele Klamotten wie nur möglich sind oben auf das Gepäck zum Trocknen geschnallt. Damit werde ich nicht viel bewirken können. Der Himmel ist zum ersten Mal auf meiner Tour vollkommen bewölkt. Doch die Luft ist leider ziemlich schwül. Im "Büro" treffe ich den Besitzer und den Bewohner des Wohnwagens wieder. Dieser hat inzischen von meinem Erlebten erzählt und macht den Vorschlag, dass man für mich doch einen 'Unwetterrabatt' rausholen könnte. Also 5,- für die ganze Übernachtung! Billiger werde ich es auf der ganzen Radtour nie wieder bekommen! Trotzdem kann ich auf eine zweite solche Nacht getrost verzichten.
So viel zum Unwetter. Es muss ja auch mal wieder weitergehen. Als mein heutiges Ziel habe ich die Jugendherberge in Schwäbisch Gmünd ausgewählt. Dort muss ich dringend mal wieder meine Klamotten trocknen. Hinter Wüstenroth geht es in einer schönen gebirgigen Landschaft ausschließlich bergab, bis nach Sulzbach an der Murr. In Oppenweiler darf ich mich durch eine Horde von Schülern zwängen, die gerade Schulfrei haben. Ich bin heute morgen ziemlich spät losgekommen.
Hinter Backnang widme ich mich noch einmal meinem zweiten Hobby: Der Fliegerei. Der Flugplatz des kleinen Ortes ist nicht gerade die Welt. Erst muss man ihn in Maisfeldern vesteckt finden und dann bietet sich einem ein nahezu idyllisches Bild: Eine Windhose, etwa zwei Gebäude und ein Liegestuhl mit einer darin schnarchenden Person, gelegen an einer kleinen Wiese, sind zu sehen.
Dann darf ich mich wieder einer Steigung von etwa 170 Höhenmetern und Regen widmen. Oben setze ich mich erst einmal auf eine Bank, die einem einen guten Überblick über die Landschaft bietet. Jetzt werden erst einmal die Pistazien aus dem Rucksack gegessen. Der Geschmack zeugt nicht gerade von der Königlichkeit, wie auf der Verpackung angepriesen. Einige haben im aufgestauten Wasser des Zeltes gelegen und schmecken auch dem entsprechend. Im Wasser lagen ,glaube ich, auch meine alten Socken...
Die etwa 10% Abfahrt nach Schorndorf sind ja eigentlich nichts weltbewegendes. Auf dieser Strecke möchte ich dem Geschwindigkeitsrekord meines Fahrradcomputers mal etwas aufstocken. Plötzlich bin ich beim Hereinrasen in die Ortschaft so schnell, dass der Tacho über 50km/h steigt und ich auf eine Tankstelle zurase. Ich versuche vorsichtig abzubremsen, um die Kurve an ihr vorbei zubekommen. Mit dem vielen Gepäck zeigen die Bremsen kaum noch eine Wirkung. Der Lenker will sich ebenfalls nicht mehr bewegen lassen und ich sitze wie steifgefroren auf dem Fahrrad. Genau wie der Tankwart, der mich mit großen Augen ansieht. Irgendwie schaffe ich es dann doch die Kurve zu bekommen und rase mit über 53kmh an der Tankstelle vorbei. Nie wieder - schwöre ich mir - nie wieder mache ich so einen Mist! Lieber fahre ich im gemächlichen Tempo durch die Landschaften und sehe etwas davon. Dieser Adrenalinstoß war für diesen Tag allemal genug und ich muss noch eine halbe Stunde später mit bleichem Gesicht auf meinem Rad gesessen haben...
Im Ort treibt mich der Hunger nach einer warmen Mahlzeit so weit, dass ich - man sollte es nicht glauben - einen McDonalds betrete. Das letzte Mal habe ich das, glaube ich, vor zehn Jahren gemacht und danach nie wieder. Und das nicht ohne Grund!


Super-Portionen!
Ich bestelle mir eine GROSSE Portion Pommes und bekomme auch eine ansehnlich große Tüte mit dem beliebten Logo auf rotem Grund. Nach kurzer Fahrt habe ich eine ruhige Ecke gefunden, wo ich essen kann. Im McWürg selbst hätte ich bestimmt nie gegessen...
Und was kommt da aus dieser Supertüte zum Vorschein? Ein süßes, kleines Tütchen mit etwa 30 abgezählten Pommesstangen. Nein, das ist nicht alles! Es liegt sogar eine kleine Tüte Mayonaise dabei! Wie bestellt! So bleibe ich immerhin eine halbe Stunde vor dem Verhungern bewart.
Immer am Fluss Rems entlang komme ich schließlich gegen Abend nach Schwäbisch Gmünd. Das Finden der Jugendherberge gestaltet sich doch etwas schwierig. Laut Beschilderung liegt sie im Wald am Ortsrand. Eine Karte für dieses Gebiet habe ich nicht. Der Kartenrand endet kurz vor der Jugendherberge. Erst strample ich einen kurzen, sehr steilen Anstieg rauf bis zu einem alten Haus. Es sieht für mich überhaupt nicht nach einer Jugendherberge aus, eher wie ein Asylantenwohnheim. Also noch einmal bergab. Dort stehen ein paar Spinner mit ihren dicken Autos auf dem Parkplatz. Eigentlich die letzten Menschen, die ich gefragt hätte aber es ist ja niemand sonst zu finden. Sie zeigen sich genauso ratlos, entdecken aber im Gegensatz zu mir das JH-Logo oben auf dem Gebäude wo ich gerade war. Also doch eine Jugendherberge. Aber wo sind die ganzen Gäste? Normalerweise sieht man immer Kinder spielen und Leute ein und aus gehen. Aber hier?
Ich öffne die schwere Tür und folge dem Wegweiser zur Rezeption in der ersten Etage. Keine Person ist zu finden, bis von oben eine Stimme herunterhallt. Eine ältere Frau, die Herbergsmutter ruft, ob jemand da ist. Der Gruppenaustausch soll am Abend zuvor nicht stattgefunden haben und so ist die ganze Herberge leer. Sie ist offensichtlich nicht so begeistert davon, dass sie jetzt doch noch jemand stört und wirkt ein wenig frostig. Trotzdem bekomme ich einen Raum zum Aufhängen meiner Klamotten und wasche die schmutzigen im Waschbecken. Eine Höllenarbeit! Ich wusste gar nicht wie tief Dreck stecken kann. Der von mir erklärte Wäscheraum ist schnell mit meinen Klamotten ausgefüllt und die Heizung aufgedreht. Um 8 Uhr verlasse ich das Haus noch für ein Telefonat nach Hause.
Wie ich zurück bin, bin ich immer noch der einzige Mensch hier. Seltsam. So was habe ich in einer Jugendherberge echt noch nie erlebt. Ich sehe zum ersten Mal wieder noch ein bisschen fern und mache mich dann auf ins Bett, um noch etwas zu lesen und um Tagebucheinträge nachzuholen...