Mangelnde Geografiekenntnisse
Das letzte mal, dass ich so gut geschlafen habe, kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Die Sonne beginnt das schon jetzt das Zelt stark aufzuwärmen. Ich packe mit aller Ruhe meine Sachen zusammen und fahre nach verlassen des Campingplatzes über einige durch den Wald führende Feldwege zum Flugplatz Egelsbach. Egelsbach - so klein das Dorf auch sein mag - hat den verkehrsreichsten Flugplatz Deutschlands. Und so sehe ich schon früh am Morgen regen Flugverkehr. Da starten Polizeihubschrauber, einige Cessnas und was man sonst noch so auf einem Flugplatz erwartet.

Flugplatz
Egelsbach
Parallel zur B3 fahre ich ziemlich genau in Richtung Darmstadt. Im Ort suche ich erst einmal eine Telefonzelle, um meinen "Mailfreund" aus Stuttgart anzurufen. Bsi jetzt habe ich ihn noch nie angerufen. Ich bemerke sofort seinen leichten schwäbischen Akzent und er wirkt auch recht freundlich. Doch scheint es ihm sehr ungelegen zu kommen, dass ich nur außerhalb des Wochenendes vorbeikommen kann. Wir haben gerade Montag und Stuttgart ist nicht mehr als 2 Tagestouren entfernt. Wir wollen am Abend noch mal Telefonisch darüber sprechen.
Sorgen bereitet mir noch, wie ich über die Ausläufer des Schwarzwaldes kommen soll, da ich von den Bergen des Sauerlandes erst einmal genug habe. Nun, auch dieses Problem wird sich heute noch lösen. In der City kaufe ich mir schnell Lebensmittel und die benötigte Radkarte für den nächsten Streckenabschnitt ein. Ich komme noch an einigen Sehenswürdigkeiten von Darmstadt vorbei. Darunter ein Gebäude mit einer großen Kuppel, was wahrscheinlich das berühmte Museum ist.
Beim verlassen der Stadt sehe ich noch einen Radladen. Ich halte kurz, um nach einer Ersatzschraube für die verlorengegangene an meinem rechten Pedal zu fragen. Gestern ist mir das gesamte Pedal verbogen, nur weil zwei Schrauben locker waren und eine sich ausgerechnet auch noch irgendwo auf dem Weg verabschieden musste. Wie ich den Geschäftsbesitzer frage, ob diese zu bekommen sei merke ich auf einmal, dass da irgendwas an mir runter auf den Boden tropft. Jetzt läuft mir auch noch die Tüte mit Eistee aus! Mist! Der Geschäftführer plappert mir noch etwas von der Unlieferbarkeit der Schraube vor. Ich habe ein anderes Problem und mache ein immer ungeduldiger auf meinen Rucksack deutendes Gesicht. "Das ist nicht so schlimm", sagt er kurz nebenbei auf den Boden blickend. Gaubt er! Ich stürtme schnell aus dem Laden und setze draußen den Rucksack ab. Ich habe Glück gehabt und nur die Öffnung des Eistees muss geschlossen werden. Ich versuche den Rucksack noch mit vielen, vielen Taschentüchern trocken zu bekommen. Er hat jetzt den starken Geruch nach Eistee-Zitrone. Dieser Geruch wird mir in den nächsten Tagen so penetrant zur Nase steigen, dass ich diese Sorte nie wieder kaufen werde...
An der Straßenbahn lang führt mein Weg weiter in Richtung Zwingenberg. Zwischendurch mache ich noch einmal in dem an der Straße gelegenen Wald Rast, packe meine Isomatte als Sitzplatz auf den Boden und mache mir ein wunderbares Butterbrot mit Käse.
Plötzlich sehe ich dann durch die Bäume eine Gruppe von etwa 10 Radfahrern mit Gepäck vorbeifahren. Es ist mir gerade mal wieder danach mit anderen Leuten zu reden und so entlschließe ich mich kurzfristig dazu, meine Sachen zu packen und sie einzuholen.
Nachdem ich sie an einer Ampel eingeholt habe, folge ich ihnen noch unbemerkt ein Stückchen im Rückenwind. Das Gepackte auf den Rädern sieht sehr provisorisch aus, Mülltüten und alte Einkaufstaschen. Der erste von ihnen, mit dem ich rede, hatte auch die ganze Idee. Er kann die Leute fast genausowenig dafür begeistern wie ich zu Hause. Nur muss er dann wohl doch noch ein paar 'Verrückte' zu einer Tour gefunden haben. Kompliment! Seine Tour soll aber nur 2-3 Tage gehen. Sonst wäre auch keiner mitgefahren...
Ich verabschiede mich kurzfristig und fahre wieder in meinem, gewohnt etwas schnelleren, Tempo.
So langsam komme ich immer tiefer in die Rheinebene, ohne den Rhein ein einziges Mal auf dieser Tour zu sehen. Ich fahre auf schön flachem Terrain. Links von mir, im Osten, erheben sich die Weinberge mit ihren vielen Schlössern und Burgen. Doch das einzige, was ich über diesen eigentlich doch stinklangweiligen Streckenabschnitt erwähnen kann ist, dass ich fast ein Katze überfahren habe, die urplötzlich aus dem Genbüsch geschossen ist. Sie hat irgendwie bemerkt, dass sie es wohl vor meinem Reifen nicht mehr über die Straße schaffen kann, ist blitzschnell in Fahrtrichtung abgedreht und so noch einige Meter verzweifelt for meinem Rad hergelaufen obwohl ich die Bremsen dürchgedrückt hielt.

Weinberge
Vor Heidelberg bin ich dann noch ein Stückchen die Weinberge auf und gefahren. Verzweifelt auf der Suche nach einem Platz, wo ich meine Blase entleeren kann. Das ist gar nicht so einfach. Die Weinberge hier bestehen größtenteils aus kleinen Gärten mit Schrebergarten-Charakter. "Pinkeln für Hunde verboten". Das gilt ja eigentlich nicht für mich...
In Heidelberg bemerke ich, warum mir der Name dieses Ortes so bekannt vorkommt. Der Ort ist bekannt für seine Touristenattraktionen wie das Neckartal. Ich habe den Neckar bisher immer mit der Mosel gleichgesetzt und wäre nie darauf gekommen, dass der hier ist. Nach einem genaueren Blick auf meine Karte bin ich überglücklich. Der Fluss fließt bis nach Stuttgart! Und das selbstverständlich ohne bedeutende Steigungen. Meine Motivation steigt in Höhen, die ich bisher nur vor der Tour der Planung hatte. Mir wird plötzlich klar, wie weit ich es schon geschafft habe und ich bin nicht mehr zu bremsen.

Heidelberg
Heidelberg selbst ist etwas stressig. Eine Menge Touristen und viel Verkehr auf der parallel zum Fluss verlaufenden Straße. Nach dem nächsten Wehr wird dann aber doch alles ruhiger. Wölkchen kommen auf und ich genieße die wunderbare Landschaft, die dieser Fluss in vielen Jahrtausenden geschaffen hat. Der Neckar-Radweg führt zumeist über schöne Waldwege und auf einigen leicht befahrenen Straßen.
Die Wolken verdichten sich langsam und aus der Ferne ist Donner zu hören. Bei genauerer Beobachtung fällt mir auf, dass sich nicht die Wolken über mich wegbewegen, sondern ich unter sie drunter fahre. Die Wolken verharren praktisch auf ihrem Standpunkt, was ich aus dem Norden gar nicht kenne.

Schlechtwetterwolken
Es fängt langsam zu regnen an. So pausiere ich kurz unter dem Sonnenschirm eines Restaurants und unterhalte mich ein wenig mit einem Ehepaar, dass mal wieder mein Gepäck bestaunt. Eigentlich wollte ich den gegenüber vom Restaurant gelegen Camingplatz anfahren, der über die kleine Fähre zu erreichen ist. Der Fährmann ist aber so freundlich und fragt mich nach meinem Ziel. Daraufhin versichert er mir, dass dieser Campingplatz nur für Dauercamper ist. Dort habe ich also nichts zu suchen...
Also weiter nach Hirrschhorn. Dort müsste ein Campingplatz in einem Seitental sein.
Der Regen hört dann doch endlich auf. Ich fahre weiter und... Was ist denn das? Hier - keine 250 Meter weiter - regnet es wieder! Ich gebe es auf. Wenn ich schon schneller als die Wolken bin, kann ich der Regengrenze ja nicht Kilometerlang im Schneckentempo folgen. Der Regen wird langsam wieder stärker. In Hirschhorn decke ich mich noch mit Lebensmitteln ein und fahre weiter zum Campingplatz.
Dieser Campingplatz wirkt auf den ersten Blick schon etwas gemütlicher. Nach einem kurzen Klingeln kommt auch schon die Besitzerin durch den Regen zum Büro. Ihr scheint das Wetter überhaupt nicht auf die Laune zu schlagen. Sie ist überaus freundlich und wundert sich über einen einzelnen Radfahrer aus Hamburg. Ein Mann führt mich zu einer höhergelegenen Wiese, auf der die Zelte stehen. Ich habe etwas Pobleme ihm mit meinem Gepäck zu folgen. Er lässt sich von seinem kräftigen Hund zügig den Berg heraufziehen. Eines ist sicher: Beimnächsten Mal nehme ich mir einen Husky mit!
Der Platz, der mir zugewiesen wird, ist relativ schön gelegen. Auf der Seite, wo ich mein Zelt aufbaue, fließt gemächlich ein Bächlein den Berg hinab. Ein Waschbecken mit Überdachung ist auch vorhanden. Ich habe endlich mal wieder verdammt gute Laune. Obwohl es in Strömen regnet und gar nicht mehr aufhören will. Ich pfeife leise vor mich hin während ich das Zelt aufbaue. Hühpfe dabei von einer Stange zur anderen, und passe dabei auf, dass ich nicht auf dem dem glitschigen Boden ausrutsche. Das Zelt ist somit auch schnell aufgebaut, das Gepäck darin verstaut, und ich mache mich auf zum Duschen. Endlich mal wieder seit drei Tagen. Und dazu noch gratis!
Danach rufe ich wieder zu Hause an. Meine Mutter sorgt sich natürlich um mich und scheint es überhaupt nicht gut zu finden, dass ich doch wieder Spass an meiner Tour gefunden habe. Leider aber gibt es auch - wie soll es anders sein - eine schlechte Nahricht. Barny, der mir seine Gastfreundschaft in Stuttgart angeboten hat, hat sich bei ihr gemeldet. Und so, wie ich es interpretiere, möchte er mich in der Woche wohl nicht in seiner Wohnung haben. Eigentlich verständlich. Wobei wir uns doch gar nicht persönlich kennen. Ich hatte mich aber auf sein Angebot verlassen und bin jetzt erst einmal etwas überrascht und eingeschnappt. Mein ganzer Plan für den morgigen Tag ist auf den Kopf gestellt. Ich werde jedenfalls werde ich nicht bis zum Wochenende vor Stuttgart campen, um dann in die Stadt 'einziehen' zu können. Das ganze stellt sich dann aber später als ziemlich dummes Missverständnis heraus...
Über diesen Schock hinweg gehe ich erst einmal in das Restaurant, was man wohl eher als Camperkneipe bezeichnen sollte. Der hiesigen Küche nach gibt es hier mal wieder nur fleischhaltige Gerichte. So bestelle ich mir einfach eine doppelte Portion Kinder-Käsespätzle. Endlich mal wieder füllt sich mein Magen mit ordentlichem Essen.
Zurück im Zelt bin ich dann beinahe gesättigt und darf mir eine neue Route für morgen planen. Trotz des weiterhin starken Regens schlafe ich aber sehr gut ein...