Warum das alles?
Mit der Zeit wird es mir hier im Sauerland zu langweilig und drängt mich wieder zur Weiterfahrt. Dieses Mal setze ich mich bei meiner Oma dickköpfig durch und verlasse an einem Samstag Scharfenberg. Sie sorgt sich wieder um mein Wohlergehen und bepackt mich noch mit Essen, so dass mein Rucksack gleich wieder merklich schwerer wird. Doch im grunde ist es ja nur freundlich gemeint.
Mein nächstes Zwischenziel ist Frankfurt. Von dort möchte ich irgendwie weiter nach Stuttagart. Dort hat sich eine gute Internetbekanntschaft von mir dazu bereit erklärt, mich aufzunehmen. Eine - im Verhältnis zum ersten Tourenabschnitt - lange Strecke. Irgendwie schaffe ich das schon. Das Wetter ist mäßig. Ich fahre erst einmal in Richtung Olsberg. Die in den Ort führende Straße zeigt mir einen wunderbaren Ausblick auf das unter mir liegende Orlsberg und das Hochsauerland mit seinen unendlich erscheinenden Tannenwäldern im Hintergrund.
Hinter Olsberg beginnt die Straße leicht anzusteigen. Sie führt in den 800m hoch gelegenen Wintersportort Winterberg. Die Luft ist recht schwül, doch die Sonne sticht zum Glück nur selten durch die dünen Wolken. Auf meinen Armen, die der Sonne am meisten ausgesetzt waren, bilden sich langsam die ersten Bläschen eines Sonnenbrandes. Oben in Winterberg angekommen, versuche ich jetzt noch eine Telefonkarte zu ergattern, dann geht es wieder Bergab. Die breite Straße schlängelt sich - bildhaft, wie man es ähnlich in den Rocky Mountains vermuten würde - durch das Tal. An den Seiten sind nur dichte Tannenwälder. Später kann ich auf einen parallel verlaufenden Schotterweg wechseln. Auf der Strecke gibt es nur einige staunende Rentner-Touris zu sehen, aber auch schöne am Bach gelegene Wassermühlen.

Furt
duch einen Bach bei Winterberg
Nach Hallenberg beginnt fast schlagartig eine von Feldern bedeckte seichte Hügellandschaft. Sofort auffallend ist, dass die Leute hier noch freundlicher als im Sauerland sind. Das Problem ist nur dass sie - wie soll es auch anders sein - auffallend Hessisch sprechen. Manche Leute mögen diesen Dialekt auch Sprachfaul nennen, denn oft werden Endbuchstaben der Wörter weggelassen. Sehr schlimm ist es in den Dörfern, doch dort sind die Leute eben auch freundlicher.

Abfahrt
hinter Winterberg
Ich überquere die Hessische Landesgrenze und gerate kurzfristig auf eine Schnellstraße, von der kurze Zeit vorher wieder mal nichts zu erkennen war. Die Landschaft erscheint mir dann doch langsam zu eintönig. Ich habe keinen Mitfahrer mit dem ich reden kann und bekomme wieder schlechte Laune.
In Marburg muss ich mich wieder einmal durch das Wirrwar einer Innenstadt wühlen, schaffe es aber recht gut wieder heraus. Auffallend an dieser Stadt sind die schönen, an italienische Gassen erinnernde, Sträßchen. Wäsche Hängt auf den Balkonen und die emigrierten Italiener tun ihr übriges. Die größten Sehenswürdigkeiten aber sind natürlich der Dom und das riesige Schloss, die von weit außerhalb der Stadt zu erkennen sind.

Marburg
Hinter Marburg folge ich dem Lahn-Radweg. Was diesen Radweg auszeichnet ist: Er besitzt nicht eine einzige Ausschilderung. Er scheint nur auf meiner Landkarte eingezeichnet zu sein.
So langsam sind immer mehr kleine Burgen zu sehen. Entweder im Verfall begiffen, oder zu prächtigen Schlössern aufgemöbelt. Es wird alles immer mehr typisch für die Rhein-Main - Gegend. Im kurz vor Gießen gelegenen Ort Lollar möchte ich den Campingplatz anfahren, was sich als gar nicht so leicht herausstellt. Bis der kleine Radweg dorthin gefunden ist, vergeht einige Zeit. Dabei geht es über eine über den Fluss laufende alte Eisenbahnbrücke.
Dann bin ich am Campingplatz. Campingplatz? Wohl ehr Campingpark! Ein Riesengelände, dass um einen Freibadsee liegt. Drumherum läuft der Fluss von dem aus viele Kanufahrer hier mit dem Zelt halt machen. Ich stelle mein Zelt bei ihnen auf. Nicht gerade sehr idyllisch gelegen. Direkt vor meinem Zelt parkt ein Auto. Nach dem Kauf einer kühlen Cola rufe ich wieder einmal zu Hause an und lege mich danach schlafen.
Ich bin heute zwar ziemlich weit gekommen, bin aber deutlich deprimiert. Heute morgen im Sauerland noch voller Motivation gestartet, und nun... An die Italien ist schon gar nicht mehr zu denken. Meine Mutter möchte, dass ich wieder nach Hause komme. Ich überlege mir, es noch ein paar Tage durzuhalten und dann sehen was wird. Heute habe ich kaum mit jemandem geredet. Ich halte für üblich nicht besonders viel von großer Gesellschaft. Doch trotzdem fehlt es mir...