Militär- und Irrwege

Die erste Nacht im Zelt war nicht gerade die geruhsamste. Denn: Die halbe Nacht über hat es mit ordentlichen Gewittern reichlich geregnet und das Zelt konnte die Wassermassen gerade noch zurückhalten. Von innen fühlen sich die Zeltwände ganz nass an. So viel zum Imprägnierungsspray...

Den Weg weg vom Steinhuder Meer zu finden ist mal wieder ein Kunststück. Schlechte Beschilderung der Radwege und Unmengen Privatwege machen ein Fahren am Ufer nach kurzer Zeit schon unmöglich.

Zwei weiße Transall-Flugzeuge kreisen schon den ganzen Morgen im Tiefflug über den See, sorry das Meer. Die Sonne hitzt die Luft schon früh am Morgen wieder bedenklich auf. Auch sind wieder keine Wolken am Himmel zu sehen. Die Schmetterlinge und andere Insekten scheinen sich im Gegensatz zu mir sehr an diesem Wetter zu erfreuen. Besonders die von mir so geliebten "Kamikaze-Mücken" machen mir die Bequemlichkeit des Sehens schwer, indem sie immer scheinbar zielgenau in die Augen fliegen.

Hier beginnt nun langsam das Mittelgebirge. Und warum muss ich ausgerechnet durch einen Ort fahren, der Bergkirchen heißt? Den Weg da rauf sind zwar nur zwei Kehren zu 'erklimmen', doch bei dieser Hitze und meinem für Berge nicht trainierten Körper werden die etwa 100 Höhenmeter zur Tortur. Von oben habe ich dann wenigstens einen schönen Blick auf das etwa 10km entfernte Steinhuder Meer - wenn auch ein Friedhof dazwischen liegt. Für diese erste Tortur dann wenigstens mit einer wundervollen, wenn auch nicht gerade langen, Abfahrt belohnt.

In Sachsenhagen muss ich mich mit meinem Gepäck gleich zweimal an dem selben Schützenzug, der hier stattfindet, vorbeischlängeln. Ich bin zwischendurch noch einkaufen gegangen und habe dann versucht diesem Trubel (am Montag?) schnellstens zu entfliehen. Auf der Brücke des Mittellandkanals wird erst einmal pausiert, ordentlich was getrunken und ein Joghurt gegessen. Dabei beobachte ich den regen Schiffsverkehr. Die Schiffe scheinen fast gegen die niedrige Brücke zu stoßen. Hinter Lüdersfeld folgt eine Hauptstraße, deren Seitenstreifen ich durch mehrere aneinanderhängende Orte bis nach Obernkirchen folge. Dort gibt es wieder eine Steigung, die zuerst durch die Ortsmitte, dann durch einen großen Wald über die Bückeberge und wieder runter nach Rinteln geht.

Der Mittelland-Kanal
Der Mittelland-Kanal

Hier befinde ich mich nun im sogenannten Weserbergland, dessen gleichnamigen Fluss ich bei Rinteln überquere. Nun beginnen die Mittelgebirge wirklich. Der Haupstraße durchs Extertal folgend, fahre ich bis nach Almena. Zwischendurch gibt's noch ein kleines Mittagsessen beim Imbiss an der Straße. Ich treffe auch zwei Gruppen von Reiseradlern, die mich aber nicht einmal im Vorbeifahren grüßen. Das wird mir hier das erste und letzte Mal passieren. Nach dem kleinen Dorf Almena möchte ich weiter nach Lemgo. Davor gilt es aber noch eine unangenehm lange Steigung zu bewältigen, die aber dann auch geschafft ist. Im kleinen Dorf Lüdenhausen verpasse ich beinahe einen Getränkemarkt. Auf Antwort auf die Frage meiner Herkunft bekomme ich schon jetzt ungläubiges Staunen. Wo ich doch gerade erst nicht einmal zwei Tage gefahren bin. Der Ladenbesitzer bzw. Wirt und sein Stammkunde mit dem Biervergilbten Schnurbart hätten so etwas früher auch gemacht. "Bis Du den Alkohol entdeckt hast..." denke ich. Doch so etwas behält man dann wohl doch besser für sich...

Bei Almena
Bei Almena

Hinter Lemgo ist eine für den Anfang gesalzene Steigung von, meiner Meinung nach, 12%. An Detmold vorbei geht es über eine stark befahrene Umgehungsstraße und später über Nebenwege nach Holzhausen/Externsteine am Teutoburger Wald. Es ist schon nach 5 Uhr. Ich habe mir aber vorgenommen den auf einer kleinen Bergkette verlaufenden Teutogurger Wald dieses Mal auf einem für Radfahrer ausgeschilderten Weg zu überqueren: Dem Römerweg. Na wenn die das geschafft haben, schaffe ich das schon lange - denke ich. Bei meiner letzten Fahrt durch diesen Wald bin ich irgendwie auf die B1 gekommen, die aber nur gerade so mit Baustellen übersät war. So musste ich mir einen abenteuerlichen Weg mitten durch den Wald und Bäche suchen.

Nicht, dass mir so etwas wieder passiert!

Die Steigung den Waldweg rauf ist deftig und ohne schieben ist nichts zu machen. Endlich oben angekommen, habe ich wenigstens einen schönen Blick auf die hinter mir liegende Landschaft. Nach kurzer Abfahrt spaltet sich der Weg. Rechts Römerweg, links ein Waldweg. Ich Depp muss natürlich den einfachen Waldweg wählen, da ich von ihm denke, dass er als Weg nach Köhlstädt - einem kleinen Dorf mit Campingplatz - schneller zu bewältigen ist. Falsch gedacht! Ich verfranse mich total. Im dichten Wald kann ich nicht einmal den Stand der Sonne ermitteln. Totale Orientierungslosigkeit.

Plötzlich sehe ich ein Maschinengewehr. Und? Dahinter streunt auch noch ein Soldat, das Gewehr in den Händen haltend, über den Weg. Vollkommen getarnt und für einen Hund gerade noch als Baum zu erkennen. War hier in der Nähe nicht ein NATO-Übungsgelände? Dann bin ich aber verdammt weit daneben! Ich frage den Soldaten, ob ich denn hier irgendwie falsch (man könnte auch sagen; verboten) wäre, woraufhin er mir nur mit einem höflichen "Guten Tag" antwortet. Also nicht verstanden... Meinen Gedanken es auf Englisch zu versuchen verwerfe ich nach kurzer Zeit wieder und fahre weiter.

Auf der nächsten Waldkreuzung werfe ich noch einmal einen Blick auf die Karte. Eigentlich völlig sinnlos. Die Waldwege sind nicht mal als dünne Striche eingezeichnet. Dabei höre ich von rechts so ein komisches keuchen. Da kommt schon wieder ein Soldat angelaufen. Ebenfalls in Tarnzeug, aber diesmal ohne Gewehr. Doch mit Landkarte! Ob ich ihm die Position des anderen verraten soll? - grins! Nee, hinterher hockt der hinter mir im Gebüsch! Der Soldat kommt, einige Meter von mir entfernt, total aus der Puste zum stehen. Er benimmt sich aber so als wenn er mich nicht gesehen hätte. So schlecht zu sehen kann ich doch nicht sein, oder? Eigentlich möchte ich ihn mit seiner Karte gerne fragen wo ich mich denn jetzt befinde. Doch wahrscheinlich kann er ebenfalls kein Deutsch. Was zumindest sein Schweigen erklären würde. Dabei sieht er noch total verdutzt auf seine Landkarte. Der muss ja noch verwirrter sein als ich!

Also weiter. Nach einer längeren Abfahrt mündet mein Weg in einen anderen, der auf ein Holztor zuführt. Also kein Weiterkommen! Ich drehe dass Rad um und versuche auf dem anderen Weg den Berg raufzukommen - vergebens. Bei dieser Steigung ist nichts zu machen und das Fahrrad 'bockt' unter dem Gewicht auch beim Schieben. Dabei ist es immer wieder kurz davor, mit allem auf dem Hinterrad lagernden Gewicht, nach hinten rüberzukippen. Die Steigung nimmt einfach kein Ende und die Dämmerung beginnt schon. Immer wieder muss ich vollkommen außer Puste stehenbleiben um Luft zu holen und verzweifle langsam immer mehr. Ich beginne schon diesen Wald zu verdammen - zum zweitenmal - schreie dann sogar meine Wut heraus. Fuck! Scheiß Grünzeuch!...naja, und so weiter...

Fast wieder ganz oben auf der Bergkette, treffe ich wieder auf einen anderen Weg, auf dem ich sofort eine Abfahrt genieße. Unten angekommen treffe ich wieder auf ein solches Holztor. Shit! Das hibt's doch nicht!!! Unter Wut stelle ich mein Rad ab und bin bereit dass Tor unter allen Umständen zu öffnen. Nicht noch mal! Zu meiner Überraschung stellt sich heraus, dass es sich ganz leicht öffnen lässt. Ein Wildtor! Das andere sah doch genauso aus!

Zähneknirschend fahre ich weiter und erreiche schon nach kurzer Zeit das triste Dorf Köhlstädt. Ich frage einen Mann der gerade in seinem Garten arbeitet wo ich denn den Campingplatz finde. "Ach der? Der ist schon seit einiger Zeit geschlossen, aber sie können ja fragen ob sie dort trotzdem übernachten können". Am liebsten hätte ich ihm eine gezogen, doch er kann ja nun nichts dafür. Ich verabschiede mich widerwillig dankend und rufe noch kurz meine Mutter an, sage ihr, dass ich später auf dem Campingplatz ankomme und von dort noch einmal zurückrufe. Als Ziel habe ich jetzt einen Campingplatz nördlich von Paderborn ausgewählt. Zu meinem Glück habe ich auf der Straße durch den Kurort Bad Lippspringe Rückenwind und die Straße selbst hat einen leichten kaum zu spürenden Abstieg. Die Sonne steht schon tief über den Feldern und mein Schatten scheint darauf gar kein Ende mehr nehmen zu wollen.

Endlich am Campingplatz angekommen, schlage ich wie üblich mein Zelt auf, rufe zu Hause an und esse etwas zu Abend. Wenigstens sind auf diesem Campingplatz kaum Dauercamper. Und auch sonst sind sie alle sehr freundlich. Ich bekomme einen schönen Platz unter einem Baum und kann beruhigt dem Gedanken morgen bei meiner Oma im Sauerland anzukommen, einschlafen ...

Wenn da nur nicht immer dieses mulmige Gefühl "von zu Hause weg" wäre...

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