Aller Anfang ist schwer

Was habe ich mir nur damit angetan? Die letzten Wochen, vielleicht sogar Monate, habe ich mich nach diesem Moment gesehnt. Man hört die Bremsen hallend in der Dunkelheit des Tunnels quietschen wie vor jeder Station, künstliches Licht fällt durch die Fenster. Die S-Bahn kommt langsam im Bahnhof von Hamburg-Harburg zum stehen. Das bepackte Rad stemmt sich mit seinem großen Gewicht immer stärker gegen mich, bis die Bahn dann letztendlich zum stehen kommt. Türen öffnen sich, Pendler steigen hastig, sich am Fahrrad vorbeidrängend aus dem Zug. Dann schiebe ich es auf den Bahnsteig, suche die richtige Treppe nach oben zur Oberfläche. Ich stemme das Fahrrad auf und trage es unter Recht großen Kraftanstrengungen Stufe für Stufe hinauf. Oben angekommen, erst einmal eine kleine Verschnaufpause, und es kann losgehen.

Die Reise hat begonnen. Das mulmige Gefühl was mich in den letzten Tagen schon bedrückt hat, versuche ich jetzt zu verdrängen. Es ist in den letzten Tagen immer schlimmer geworden. Fast sogar der Vorfreude gewichen. Was, wenn dies oder jenes passiert? Situationen über die ich mir vorher nie Gedanken gemacht habe. Egal was passiert, ich muss jetzt einfach losfahren. Mich letztendlich voll und ganz überwinden. Ich rede mir ein, dass das nur in den ersten Tagen so schlimm ist. Man muss sich erst einmal an die 'neu gewonnene' Freiheit gewöhnen.

Es geht los...
Es geht los...

Es ist ein recht heißer Sommertag. Keine Wolke am Himmel. Nur die gleißend helle Sonne, deren Wärme jetzt am Morgen noch gut zu ertragen ist. Hinter Harburg habe ich mich schon einige Steigungen mit dem ungewohnt schweren Fahrrad heraufgequält. Die Wege führen durch leichtes Hügelland mit kleinen Wäldchen. Bis in die Nordheide habe ich es schnell geschafft, doch dann wird die Mittagshitze immer schlimmer. In der Heide fahre ich über besonders sandige, kilometerlang geradeausführende Feldwege dem Horizont entgegen. Die Kiefern bieten kaum Schutz vor der brennenden Sonne und die Trinkvorräte neigen sich schon dem Ende zu. Einen so heißen Sommertag habe ich in diesem Jahr bisher noch nicht erlebt. Warum denn ausgerechnet heute? Die Fahrt bietet immer weniger Abwechslung, vor allem weil die Wege kein Ende finden wollen.

Während der Fahrt nehme ich kurz wahr, dass sich etwas schwarzes über den Weg schlängelt. Erst viel zu spät wird mir klar, dass es sich um eine Schlange handelt. Ich drücke refrexartig auf beide Bremsen, woraufhin dann auch gleich Vorder -und Hinterrad blockieren und über den feinen Kies schlittern. Die Schlange sehe ich nur noch kurz rechts von Vorderrad, doch sie ändert den Kurs nicht. Blödes Viech! Gibt's doch nicht! Erst viel zu spät komme ich zum stehen und traue mich erst einmal nicht meinen Blick nach hinten zu wenden. So wie die Reifen über den Weg geschlittert sind ...das muss ja ekelhaft sein! Hinter mir sehe ich dann doch nur noch den Schwanz der Schlange im Gebüsch verschwinden. Respekt! Ich kann mir bis heute nicht erklären wie die Schlange geschafft hat, sich zwischen beiden Reifen durchzuschlängeln.

Nachdem ich erst einmal diesen Schock verdaut habe, fahre ich weiter über Schneverdingen. Größtenteils über Hauptstraßen und weiter in Richtung Fallingbostel. An einem kleinen Segelflugfeld vorbei und immer wieder über leichte Steigungen. Fallingbostel? In Walsrode komme ich mit meiner Karte nicht weiter. Alles auf der Karte scheint verkehrt herum. Also wird erst einmal ein Taxifahrer gefragt, der muss es ja wissen. Mit seinem englischen Akzent versucht er mir beizubringen, dass ich in Fallingbostel bin, während ich in der Karte mit meinem Finger auf Walsrode zeige. Wo ich eigentlich hinwollte. So bin ich zwar nur 8km daneben, doch ich wäre unwissend geradeaus in ein nahegelegenes Truppenübungsgelände gafahren.

Windmühle in der Nordheide
Windmühle in der Nordheide

Über Düshorn versuche ich den Weg wieder zu korrigieren. Der Name des Ortes kommt mir irgendwie bekannt vor. Stand nicht im Buch "Deutschland umsonst" etwas schlechtes über diesen Ort? Na, mich hält es ja hier nicht lange! Am Freibad und dem Autobahnkreuz Walsrode vorbei kommt schließlich bei Hodenhagen die Überquerung der Aller. Die Aller ist ein Nebenfluss der Weser, dessen Umgebung sehr flach ist.

Die Mittagshitze sollte um diese Uhrzeit schon etwas abgeflaut sein. Mein Temperaturgefühl ist aber anderer Meinung. Die Trinkvorräte sind schon seit einiger Zeit aufgebraucht. Die Zunge hängt mir schon fast zum Hals heraus, als ich auf der anderen Seite des 15km (!) langen Dörfchens Rhodewald auf eine Tankstelle treffe, die ich sofort stürme.

Jetzt ist das nächste Zwischenziel nur noch Neustadt. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung bis zum Steinhuder Meer, meinem für heute vorgenommenen Tagesziel. Endlich, nach beutelnden Landstraßen in Neustadt angekommen, wird noch einmal eine Tankstelle 'überfallen'. Jetzt aber nichts wie auf zum nächsten Campingplatz. Der Weg zieht sich dann aber doch aus mir unerkenntlichen Gründen doppelt so lange wie auf der Karte ingezeichnet. Der Rücken schmerzt unter der auf dauer eher ungewohnten Haltung immer mehr. Beim Gedanken an ein paar Wochen Radtour erscheint mir diese Zeitspanne unerreichbar. Das schaffe ich nie! Endlich am Steinhuder Meer angekommen, schlage ich das Zelt auf einem am See gelegenen Campingplatz auf und rufe erst einmal zu Hause an.

Steinhuder Meer
Steinhuder Meer

Vor dem Schlafen gehen setze ich mich noch an den See und denke darüber nach, wie ich es denn noch so lange in diesem Lebensstil aushalten will. Das Campen unter den ganzen Dauercampern bereitet mir keine besondere Freude. Den Gedanken an eine Rückkehr verdränge ich aber. Daraus würde dann nur wieder resultieren, dass ich gelangweilt zu Hause sitze und darüber deprimiere, dass ich nicht weitergefahren bin. Zu guter Letzt rede ich mir doch ein, dass dies die Tage der Umgewöhnung sind. Ein wenig Heimweh habe ich dazu noch. Und das schon 150km von zu Hause entfernt. Das wird sich schon irgendwann legen - hoffe ich.

Aller Anfang ist schwer...

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