Am Morgen machen wir uns unentschlossen auf den Weg zum Hauptbahnhof. Da es keine Anbindung zum Sky-Train gibt, nehmen wir ein Taxi. Der Fahrer bietet gleich an, uns bei einem "Ticket-Office" abzusetzen zu können. Während er meinen Eltern seinen Katalog mit selbst organisierten Ausflügen in die Hände drückt, vergewissere ich mich noch einmal, dass er uns nicht sonstwo absetzt. Nein, nein, meint er. Das Ticket-Office sei direkt im Bahnhof.
Gegenüber vom Bahnhof setzt er uns dann an einem kleinen Reisebüro ab und sofort kommt uns eine nette Dame entgegen und zeigt auf ihre Karte von Reisebüro: "Official Ticket-Office". Haben wir uns wieder übers Ohr hauen lassen. Doch der Angestellte im Reisebüro ist sehr nett und berät uns gut über Zugverbindungen. Wir haben uns noch auf kein Ziel geeinigt. Also frage ich ihn nach den möglichen Richtungen Nord, Süd, Ost und West. Zu den Städten im Norden, Westen und Süden kann er uns Empfehlungen aussprechen und hat Infomaterial. Daraufhin möchte ich wissen, wo man denn auf der Ost-Route mit der Bahn hinkommt. Etwas verdutzt sieht er auf die Karte. Ja, da gäbe es eine Stadt namens Chachoengsao. Doch er kann mir aber leider nichts dazu sagen und unter Lachen erzählt er mir, dass er schon seit anderthalb Jahren hier arbeitet. Und nie, noch nie, hat ihn jemand nach dieser Richtung gefragt! Ok, warum soll ich nicht der Erste sein? Doch die Mehrheit der Familie ist nicht so davon überzeugt, einfach so ins Unbekannte zu fahren. Also entscheiden wir uns für die Nordroute, über die wir die Stadt der Affen, Lop Buri, erreichen wollen. Der Angestellte schickt eine Kollegin los, die die Tickets vom Bahnhof holen soll. Während wir warten, drückt er uns schon mal ein paar Bananen für die Affen in die Hände. Nach recht langem Warten kommt seine Kollegin mit den Tickets zurück. Wir bezahlen für uns alle zusammen etwa 320 Baht (8 EUR) und bemerken, dass das Reisebüro eine "horrende" Provision von etwa 70% eingeheimst hat...
Abgesehen von dem viel lebhafteren Treiben sieht der Bahnhof den unseren recht ähnlich. Kein Wunder, da er vor etwa 100 Jahren von deutschen Ingenieuren erbaut wurde.
Nachdem meine Mutter endlich eine Toilette gefunden hat, machen wir uns auf den Weg zum Bahnsteig. Laut dem Angestellten im Reisebüro haben wir noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt. Doch plötzlich sehe ich auf der Anzeigentafel in der Wartehalle, dass unser Zug vor einer Minute abgefahren sein muss! Ok, keine Panik! Vielleicht ist er ja noch nicht abgefahren und vielleicht ist die Thailändische Bahn ist so unpünktlich wie unsere. Am Bahnsteig wird mir von einem kaum Englisch sprechenden Schaffner so in etwa verständlich gemacht, dass ich hier richtig für Lop Buri bin. Am Bahnsteig selbst gibt es keine Anzeigetafeln mehr und sonst ist hier alles auf Thai geschrieben. Also steigen wir in den ersten einfahrenden Zug. Kaum sind die Aussteigenden aus dem Zug heraus, beginnt auch schon ein rücksichtsloses Drängeln um die Sitzplätze. Der Zug wird gerammelt voll und wir sitzen getrennt. Die Hitze hier in der dritten Klasse ist unerträglich und ausgerechnet bei mir ist das Fenster verklemmt. Ich und meine Sitznachbarn versuchen es zwar zu öffnen, doch ohne Erfolg. Ein toller Anfang!
Die Fahrt beginnt und die Strecke verläuft anfangs mitten durch die Slums. In kleinen, provisorisch gezimmerten Hütten, leben die Menschen hier auf schlammigem Boden. Eine Seite Bangkoks, die man von der Straße aus nicht zu sehen bekommt. Die Hütten sind nur bis auf wenige Zentimeter an die Bahngleise herangebaut.
Dann kommt der Schaffner und überprüft auch unsere Tickets. Wir sind im falschen Zug! Na wunderbar. Freundlich weist er uns an der ersten Haltestelle aus dem Zug. Hier können wir auf den Zug nach Lop Buri warten, sagt er. Der käme in etwa einer Stunde.
An dieser kleinen Station, der Sam Sen Railway Station, müssen wir also die nächste Stunde verbringen. Wir haben noch nicht einmal Bangkok verlassen. Während wir hier warten, entschließen wir uns nur bis Ayutthaya zu fahren. Sonst kommen wir heute zu gar nichts mehr. Der nächste Zug dorthin kommt bereits in einer halben Stunde. Wie wir ankommen, weist uns der Schaffner beim Anblick unserer Tickets wieder zurück. Ich kann ihm nicht verständlich machen, dass wir doch nur zum auf dem Weg liegenden Ayutthaya wollen. Nein Top Buri auf Ticket, also Zug nach Lop Buri, versucht er mir in schlechtem Englisch klar zu machen.
Also warten wir noch einmal eine halbe Stunde während ein Monsun-Gewitter über uns hinwegzieht. Unter dem starken Regen bilden sich überall Pfützen und auch unterm Dach bilden sich kleine Rinnsäle um die Füße. Auf der Bank hinter mir sitzt ein Mönch, der mit seinem Gehstock das Wasser in leichten Bewegungen umzuleiten versucht. Ich bin gerade in mein Travel Photography-Buch, das ich mir in Singapur gekauft habe, vertieft. Im Kapitel Menschen fotografieren lese ich, dass man die Menschen einfach nach einem Foto fragen soll. Das jemand nein sagt, würde praktisch nie passieren. Und auch auf dem Cover des Buches sind zwei fröhliche lächelnde Mönche zu sehen. Doch ich weiß nicht. Der Mönch hinter mir ist sicher fotogen. So grimmig wie er dort sitzt, wage ich mich aber nicht ihn zu fragen. Ich überwinde mich schließlich doch und frage ihn durch Handbewegungen und Zeigen auf den Fotoapparat. Er reagiert völlig unerwartet. Ein unheimlich geschmeicheltes Lächeln spielt um seine Lippen, er setzt sich gerade hin und zupft schnell sein Gewand zurecht. Der Mönch von eben ist nicht wiederzuerkennen. Ein wirklich netter Mensch.
Der richtige Zug fährt schließlich ein. Zum Glück gibt es hier genügend Platz und die Fenster sind geöffnet. Also in dieser Hinsicht doch noch Glück gehabt. Durch die Ebene des Mae Nam Chao Phraya fahren wir endlich nach Ayutthaya. In der Ferne ist ein starkes Gewitter zu erkennen (Siehe Fotografie).
Endlich in Ayutthaya angekommen, regnet es schon wieder. Wie der Regen schwächer wird, machen wir uns auf den Weg zum nächsten Café in einem der Guest Houses, wo wir erst einmal zu Mittag essen. Die Atmosphäre hier ist sehr herzlich. Wir wundern uns darüber, dass man für nicht einmal 5 EUR übernachten kann. Am Tisch nebenan sitzen zwei junge Thailänderinnen, die sich um das Guest House kümmern. Immer wenn Essen bestellt wird, kommt ihre Mutter kurze Zeit später aus der Küche vom Haus nebenan. Eine junge amerikanische Rucksacktouristin wird so herzlich begrüßt, als wenn sie lange vermisst gewesen wäre.
Nach dem Essen leihen wir uns beim Verleih gegenüber von Guest House ein paar Fahrräder. Endlich! Jetzt kann ich auch mal ein paar Erfahrungen im Thai-Verkehr sammeln. Ayutthaya besitzt bei weiten nicht eine solche Verkehrsdichte wie Bangkok, doch ist das Fahren hier im Stadtverkehr, zumal auf der linken Seite, für den Anfänger recht anspruchsvoll. So manche Abzweigung ist zu meistern. Besonders das Rechts-Abbiegen in diesem Gewühl bereitet Anfangs einige Probleme. Bereits auf der Brücke über den Pasak River bricht mir das erste Pedal ab. Mein Vater verliert im Laufe der Tour beide Pedalen und muss sich so auf dem Stumpfen vorwärts bewegen. Wir kommen immer tiefer in die Altstadt und immer mehr Ruinen und alte Bauten sind zu sehen. In den Parks lässt es sich schon deutlich angenehmer fahren. Dies war für 400 Jahre die Hauptstadt Thailands und soll eine der Städte gewesen sein, die Marco Polo als die mit den goldenen Dächern bezeichnete. Bis die Burmesen die Stadt am 7. April 1767 nach 14monatiger Belagerung einnahmen und in Schutt und Asche legten. Zwar wurde seit 1956 einiges restauriert und vom Dschungel zurückgewonnen, doch haben diese Ruinen eher die Wirkung eines Friedhofs als die einer ehemals glänzenden Stadt.

Wir betreten das Gelände mit den Überbleibseln des Wat Phra Sri San Phet Tempels. Die Burmesen waren äußerst gründlich. Bei den meisten Bauten sind nur noch Säulen ohne Dach und Statuen mit abgeschlagenen Köpfen zu sehen. Wir sind momentan die einzigen Touristen hier. Es beginnt bereits zu dämmern und die Touristenbusse sind längst abgefahren. Auch von den sonst so zahlreichen Postkartenverkäufern ist keiner mehr zu sehen.
Mein kleiner Bruder und ich steigen die Treppe einer der Tempeltürme hoch, um hereinsehen zu können. Mich hält es schon am Eingang nicht lange. In der Dunkelheit huscht eine Ratte vorbei, unter mit liegen zertretene Kakerlaken und es stinkt bestialisch. Auf eine Aktion à la Indiana Jones wollen wir getrost verzichten.
Am Ausgang wird mein Vater von einem Thailänder auf seinen Bart hin angesprochen. "Sexy" sagt er. "We Thai don't have". Und die Thailänderinnen würden so einen Bart ganz toll finden. Naja...
Durch einen schönen Park und an einigen Märkten vorbei machen wir uns langsam auf den Rückweg, da keines unserer Fahrräder eine funktionierende Beleuchtung hat. Im Park treffen wir auf Schilder wie "Danger! Elephants crossing". Und auch auf der Straße muss man sich vor diesen riesigen Tieren in Acht nehmen. Es ist schon ein seltsames Gefühl rechts auszuholen, um einen Elefanten zu überholen. Stärker als ich auf meinem Drahtesel ist er allemal. Mit langsamen, auf dem nassen Asphalt schon fast unheimlich tönenden Schritten, bewegt er sich vorwärts.
Nach der Rückgabe der Fahrräder besuchen wir noch einmal das NOP Guest House und verbringen noch einige Zeit dort, um nicht so lange auf den Zug zurück nach Bangkok warten zu müssen.
Am Bahnhof müssen wir noch etwa eine halbe Stunde auf den Zug warten. Ich beneide die vielen Rucksacktouristen um ihre Freiheit. Und ich bin nachher wieder in unserem 4Sterne Hotel - also ich weiß nicht.
Da es inzwischen dunkel ist haben sich die Mücken aus den umliegenden Reisfeldern in der Hoffnung auf reiche Beute auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Wie sehr ich mir jetzt eine Lange Hose wünsche. Auf den gegenüber vom Bahnsteig liegenden Bahngleisen müssen wir auf den Zug nach Bangkok warten. Doch die 2. Klasse ist schon um einiges luxuriöser...
