Der Flug mit den Singapore Airlines nach Bangkok vergeht recht schnell. Wir fliegen wieder in einem riesigen Jumbo. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich lieber die ganze Zeit lang den blendend blauen Golf von Siam unter mir betrachten soll, oder mich doch lieber für einen der 20 parallel laufenden Kinofilme am vor mir in der Sitzlehne eingebauten Monitor entscheide.
Schließlich überqueren wir das große Delta des Mae Nam Chao Phraya und steuern in einer großen Runde vom Norden her den Flughafen an. Gespannt sehe ich auf die Landschaft, die vielen Reisfelder, Wohnsiedlungen und Straßen. Die Sicht ist wunderbar - nur an einigen Stellen hängen Gewitterwolken am Himmel. Das Landschaftsbild hier unterscheidet sich grundlegend vom europäischen und es gibt schon von hier oben so vieles zu entdecken. Ich möchte am liebsten unentwegt auf den Abdrücker der Kamera drücken. Reisfelder mit Arbeitern darin, kleine Siedlungen mit schlammigen Wegen, buddhistische Tempel, stark befahrene Autobahnen (auf denen sich schon so manch waghalsiges Überholmanöver beobachten lässt). Linksverkehr.
Wieder in Bangkok. Der starke Geruch asiatischen Essens steigt mir dieses mal nicht mehr ganz so stark in die Nase. Erste Zeichen leichter Anpassung. Da die Zollkontrolle überlaufen ist, werden wir spontan durch die Diplomatenkontrolle gelassen.
In der Wartehalle erwartet uns ein von unserer Reisegesellschaft gestellter Führer - von dem ich gar nichts wusste. Anfangs spreche ich noch Englisch mit ihm, bis ich merke, dass meine Eltern sogar einen Deutschsprachigen Führer organisiert haben. Willkommen im Touristenhort Thailand! Sein Dialekt hört sich lustig an. Etwas abgehackt, jedoch grammatikalisch reinstes Deutsch. Noch während der Fahrt von Flughafen gibt er uns einige Einweisungen und zeigt uns Bauwerke. Neben dem Flughafen ragen überall Betonpfeiler in die Luft. Er erläutert, dass dies die nicht fertiggestellte S-Bahn sein soll. Der Bau wurde vor einigen Jahren begonnen, die meisten Finanziere haben Pleite gemacht und die Baustelle steht heute noch verlassen da. Auf dem Weg in die Stadt wird das Wirrwarr an Straßen immer komplizierter und der Verkehr entsprechend dichter. Bis die Autos schließlich Stoßstange an Stoßstange stehen und nur noch weniger Meter in der Minute vorwärts kommen. Unsere erste Lektion angesichts dieses Verkehrs: Geduld haben!
Noch im Reiseführer wurde der Zustand Bangkoks in etwaso beschrieben. "Bangkok ist keine Stadt, es ist ein zusammenhängendes Chaos. Ein Zustand. Entweder man liebt sie, oder man hasst sie." Im extremen Vergleich zu Singapur wirkt alles dreckig und verwirrend unordentlich. Überall verlaufen Stromleitungen in den wildesten Konstellationen und Bündelungen. Unzählige Garküchen stehen am Straßenrand. Auf mich wirkt das alles noch sehr gewöhnungsbedürftig nach dem so sauberen Singapur und ich kann mich nicht sofort für diese Stadt, diesen "Zustand" begeistern.
Wir fahren durch stark verwinkelte Straßen, in denen ich mit der Zeit kaum noch Orientierungspunkte finden kann. Über eine kleine Nebenstraße erreichen wir schließlich einen gläsernen Wolkenkratzer. Unser Hotel. Inmitten von all diesem Chaos wirkt dieser Luxus doch deplaziert. Wir werden durch einen Portier empfangen und gleich gegenüber stehen die etwas ärmlichen Garküchen. Dieses Hotel hat "nur" vier Sterne und ist nicht so stark Geschäftsreisenden vorbehalten, wie das in Singapur. Man sieht auch einige Familien, die aber eher gehobenen Standes zu sein scheinen. Wohl solche Menschen, die zu Hause ihren BMW, Mercedes oder Rolls Royce in ihrer Garage stehen haben. Das Hotel in Singapur war eher ein Ort, wo "wohlhabende" und Geschäftsreisende sich in ihrer ruhig zurückzogen. Hier wirken einige Leute auf mich mehr so, als wenn sie ihren Stand präsentativ ausleben wollen. Ich fühle mich schon wohler. Wenigstens ist die Kluft zwischen meiner Lebensart und der der Zimmernachbarn hier nicht ganz so tief wie in Singapur.
Das Zimmer ist gemütlich und größer als in Singapur, jedoch nicht mehr von so einem großen Luxus. Durch die Fenster können wir den ersten Monsun beobachten. Eine solche Menge an Wasser habe ich noch nie runterkommen sehen. Nachdem die dunklen Wolken vorrübergezogen sind, stehen umliegende Gärten unter Wasser und auf einigen Straßen haben sich Seen gebildet.
Während wir uns einrichten, klopft die Zimmerdame und bringt Handtücher. Ich - der von noblen Hotels immer noch keine Ahnung hat - nehme sie ihr dankend aus der Hand und lasse sie vor der Tür stehen, woraufhin ich sie ins Badezimmer bringe. Daraufhin bekommt sie sich vor Lachen gar nicht mehr ein und übernimmt es die Handtücher an die richtigen Stellen zu hängen. Hmpf, ich hätte wohl vor diesem Urlaub einen Kurs in vornehmer Lebensart machen sollen...
Noch am Abend erkunden wir die umliegende Gegend. Zur Sicherheit lasse ich meine Kamera lieber im Hotel. Wir laufen ohne Ziel durch die Gassen und geraten schnell in einschlägige Straßen - die wohl nicht ohne Grund nahe dem Hotel liegen. Das Rotlichtmilieu erwacht gerade und schon werden mein Vater und ich von den ersten Prostituierten angesprochen. Schon tauchen die ersten einzelnen Europäer und Amerikaner auf, die sich hier sicher nicht verirrt haben. Shorts, Goldkettchen, Toupé, Speck - da kann einem der Ekel kommen.
Was bin ich froh, wie wir endlich ein recht seriöses japanisches Restaurant im Untergeschoss eines Einkaufszentrums gefunden haben. Auch hier läuft die Bedienung mit verdächtig kurzen Röckchen herum. Auf der Mitte des Tisches steht ein kleiner Elektroherd, der für mein vegetarisches Grünzeug benötigt wird. Erst muss eine englischsprachige Bedienung organisiert werden, die uns einigermaßen erklären kann, wie wir das mit dem selbst kochen machen. Auch eine tolle Möglichkeit für ein Restaurant. Dass sich die Kunden später ja nicht über das schlechte Essen beschweren! Der Kunde hat es schließlich selbst gekocht. Wieder was zu lernen. Meine Kochkünste für das dazu noch ungewohnte Gemüse lassen zu wünschen übrig...
Dann geht es wieder zurück ins Hotel. Schlafenszeit. Und mit was für einem Ausblick!