Ich bin gerade wach, da kommt der Platzwart vor Kälte frierend in den Raum
"Kannst froh sein, ich habe Dir das Leben gerettet".
"Hm? Öh danke", gebe ich verschlafen zurück. Und tatsächlich. Draußen sind die Wiesen von Raureif bedeckt. Ich schmiere mir ein Brötchen mit steinhartem Nutella und genieße die eiskalte Milch. Wenigstens war es hier im Raum wärmer als draußen. Im Nebenraum schaltet der Platzwart das Radio mit deutschen Schlagern an.
Es wird schnell wärmer und ich mache mich auf den Weg zum Flugplatz Wahlstedt. Der Ostwind weht immer noch. Heute zu meinem Vorteil. Heute Abend werde ich wieder zu Hause sein. Bis dahin werde ich mich vom Rückenwind treiben lassen.
Es ist wieder Wochenende und auf dem Flugplatz ist viel Betrieb. Der Platzwart sitzt in seinem kleinen Kabuff, auch Tower genannt, und führt über die startenden Flugzeuge Buch. Mit seinem gut achtzigjährigen Gehör hat er Probleme mich zu verstehen. Er muss unser Gespräch für jeden Funkspruch unterbrechen und sich voll auf die Durchsage konzentrieren. Er versteht gar nicht richtig, was ich überhaupt will und sein Wissen über Computer scheint bei Lochkarten aufzuhören. Auf meine Bilder von in 3D programmierten Flugplätzen sieht er nur flüchtig. Er sieht sie wohl eher als Fotos.
Als "Showdown" für diese Tour habe ich mir den Flugplatz Hartenholm ausgesucht. Dort war ich bereits vor ein paar Jahren in den Anfängen meiner Zeit als "Szenerie-Designer". Der Platzwart hat mir damals schlicht und einfach verboten den Flugplatz in 3D zu programmieren. So als wenn es ein militärisches Übungsgelände wäre. Und das obwohl es überall Luftbilder und Anflugkarten zu bekommen gibt. Um ihm Bilder von Flugplätzen in 3D zu zeigen, habe ich extra noch ein zweites Mal eine Tagestour bei Wind und Regen dorthin unternommen um mir dann von ihm sagen zu lassen "Ich möschte das nischt". Mal sehen, wie es dieses Mal laufen wird. Auf dem Flugplatz in Wahlstedt habe ich noch einen netten Klönschnack mit den Segelfliegern und ich erzähle ihnen von diesem Problem. Sie scheinen den Platzwart dort gut zu kennen und ich bekomme zu hören, dass da wohl etwas nicht "mit ganz rechten Dingen" zugeht. Das würde eine Menge erklären. "Der alte Iraner" da hätte wohl pleite gemacht und ich freue mich schon, dass da jetzt ein freundlicherer Platzwart an seiner Stelle sitzt.
Nach einem kurzen Einkauf in Wahlstedt mache ich mich auf den Weg durch den zwischen beiden Flugplätzen gelegenen großen Wald. Ich überhole eine Gruppe Radler mit ihrem provisorisch befestigten Gebäck. Sie verfallen alle in lautes Gerede, wie sie mich sehen.
Ich habe Pech! An der Flugleitung sitzt der Iraner, den ich schon von früher kenne. Dummerweise erkennt er mich auch noch wieder. Allen Überredungsversuchen zum trotz. Er bleibt stur und verharrt darauf: "Ich möschte das nicht". Aalglatt. Wütend stampfe ich aus der Flugleitung. Was gibt es nur auf diesem Flugplatz nur so Geheimes, dass ich es offiziell nicht fotografieren darf? Der Rettungsflieger-Hubschrauber? Die Fallschirmspringer? Eine besondere Kanninchenart?
Wie dem auch sei. Mit 135 weiteren Fotos im Kasten mache ich mich wieder auf den Weg. Zu meiner Freude habe ich stetigen Rückenwind und komme wunderbar vorwärts. Die Sonne scheint den ganzen Tag und in den Städten sind die ersten Menschen in T-Shirts zu sehen. Keine Spur mehr vom morgendlichen Frost.
Am Nachmittag bin ich wieder in Uetersen. Es ist keiner zu Hause. In Ruhe genieße ich den Luxus eines frischen Kühlschrankes und einer warmen Dusche. Es war die erste Radreise, die ich zu Hause begonnen und zu Hause beendet habe. Und nachdem ich nun auch die Heimat besser kennen gelernt habe, kann ich mir erst recht die weite Welt vornehmen... 
| Heute gefahren: | 72,59km |
| Gesamt: | 625,70km |