Larrau - Port de Larrau - Valles Visaurin

Am Morgen lichtet sich die Wolkendecke langsam wieder und wir machen uns auf den Weg nach Spanien. Hierbei müssen wir den Pass Port de Larrau überqueren. Bevor wir abfahren, sehe ich mitten auf der Straße einen Hund sitzen, der ständig nach den Flöhen in seinem Fell kratzt. So sitzt er dort und nimmt bei seiner "Körperpflege" keine Rücksicht auf einen heranrasenden Peugeot. Der Fahrer hupt und macht in großer Geschwindigkeit einen Schlenker um den Hund, wobei seine kleine Blechküste fast umzukippen droht. Das Flohtier sieht das weniger hektisch, würdigt den Wagen eines Blickes, und kratzt weiter.

Die Auffahrt zum Pass habe ich noch gut aus dem letzten Jahr in Erinnerung. Im ersten Gang quält sich das schwere Wohnmobil nach oben. Die Auffahrt ist dermaßen steil, wie man es in den Alpen nur selten erlebt. Ich genieße die Aussicht, die Berge, das Massiv, diese ganze tolle Landschaft. Auf halbem Weg treffen wir auf Wildpferde. Sie sind nicht scheu, lassen sich wunderbar aus der Nähe fotografieren und machen den wenigen Autos auf der Straße nur widerwillig Platz.
Vom Pass bietet sich dann ein wunderbarer Ausblick auf die spanische und auf die französische Seite der Pyrenäen. Dichte Wälder bedecken die Berge im Süden und gehen noch weiter südlich in trockene Landschaft mit kargem Bewuchs über, wo sie ihre karge Farbe verlieren.



| Auffahrt zum Port de Larrau |


Nun wird alles Spanisch. Die Verkehrsschilder und die Menschen, die sich jedoch im Grunde auch hier noch als Basken fühlen. Die Peugeots werden hier durch kleine Seats ersetzt. An der Abfahrt nach Isaba nehmen wir einen Anhalter mit. Ein Wanderer im mittleren Alter, mit Dreitagebart und mittellangen Haaren. Bei ihm ergibt sich für mich die erste Gelegenheit, mal wieder mein Spanisch aufzufrischen. Während ich mit ihm über das Woher und Wohin rede, sitzen Mama und Raphael misstrauisch in der hintersten Ecke der Sitzbank, verstehen kein Wort, und beäugen ihn misstrauisch. Er erzählt mir, dass er aus Ochagavia kommt und nun weiter nach Isaba möchte. Außerdem sei er Professor auf der Universität in Sevilla und möchte sich nun einmal eine Zeit lang in den Pyrenäen entspannen. Mit seinem reichlich großen Rucksack scheint das per Anhalter auch besser zu funktionieren als zu Fuß...
So langsam beginnt es im Wohnmobil zu stinken. Nein, es ist nicht der Anhalter. Der Abwassertank ist voll und bei der kurvenreichen Fahrt kommt das Abwasser so stark in Bewegung, dass sich der schreckliche Geruch im ganzen Wohnmobil verteilt. Nun ist es hier in den Bergen gar nicht so einfach eine Station für das Ablassen von Abwasser zu finden. In meinem brüchigen Spanisch frage ich den Anhalter, ob er mir bei der Suche nach einer solchen Möglichkeit im nächsten Ort behilflich sein könnte. An der Tankstelle in Isaba machen wir uns schlauer. Nein, hier gäbe es leider keine Möglichkeit - weit und breit nichts, lässt uns die Dame dort wissen. Obwohl - man könnte ja vielleicht... - Abwasser? - Nein, eigentlich doch nicht. Doch so wirklich genau scheint das hier niemand zu nehmen.



| ¡España! |


Nach einer kurzen Besichtung des wunderschönen Bergdorfes Roncal machen wir uns wieder auf den Weg. Von nun an durchfahren wir die Pyrenäen fast auf voller Länge von Westen nach Osten. Die Geografie der Pyrenäen ist eine komplett andere als in den Alpen. Täler, die von West nach Ost verlaufen, gibt es fast gar nicht. So müssen immer wieder Bergpässe auf holprigen Nebenstraßen bewältigt werden. So wie die kleine Straße, die vom Valle del Roncal über das Dorf Ansó und zwei Pässe in das Valle de Echo führt. Während der Fahrt kann man immer wieder die zahlreichen Geier dieser Gegend in ihrem Gleitflug beobachten.



| Roncal |


In Echo biegen wir nach Norden ab und machen uns auf den Weg nach Norden. Die Straße führt uns in das Reserva nacional de los Valles Visaurin. Eine Sackgasse, denn einen befahrbaren Pass nach Frankreich gibt es nicht und die Straße endet vor den über 2100 Meter hohen Felswänden des Puerto de Pala, welcher nur zu Fuß zu überqueren ist. Die Straße ist von abenteuerlichen Felsformationen eingeschlossen. Sie ist schmal und es gibt viele grob in den Stein gehauene Tunnels.
Über eine alte Steinbrücke biegen wir schließlich rechts ab. Wir sind erst noch am zweifeln ob dies auch der richtige Weg zum Campingplatz ist. Die Brücke verläuft über eine tiefe Klamm und der Weg dahinter besteht aus mehr Schlaglöchern als Asphalt. Nun, da müssen wir durch! Und tatsächlich treffen wir nach einer holprigen Fahrt endlich auf einem gemütlichen Campingplatz ein. Im Wohnmobil stinkt es bereits erbärmlich nach Abwasser.
Der Platzwart ist sehr freundlich und gibt sich alle Mühe uns erst einmal auf dem riesigen Areal den schönsten Platz zuzuweisen. Vom unten aus dem Tal gesehen kann man sich kaum vorstellen, dass an diesem Berghang ein schöner großer Campingplatz Platz finden würde. Ich frage den Platzwart nach einer Möglichkeit, dass Dreckwasser abzulassen. Kurze Zeit später hält er mir einen Gartenschlauch und Brause vor die Nase. Nun können wir ja loslegen, meint er. Und erst jetzt fällt mir auf, dass ich das spanische Wort für Dreckswasser mit dem für Waschwasser vertauscht habe: Aqua limpia. Peinlich, peinlich...
Ok, das empfindet er auch nicht als so schlimm und ich bewundere seine Geduld mittlerweile. Nein, eine Anlage zum ablassen von Dreckswasser habe er nicht. Aber wir können das Zeugs ja in die Toiletten kippen. Schnell sind Eimer herangeschafft und Hand in Hand mit dem Platzwart und dem Gärtner entleeren wir den Tank des Wohnmobils. Eine wirklich gute Zusammenarbeit trotz erschwerter Kommunikation. Dazu kommt noch, dass der Platz wunderschön gelegen ist. Man hat einen tollen Ausblick auf das unten liegende Tal. Und über dem Campingplatz ragen hohe Felswände empor, an denen man zahlreiche Geier bei der Aufzucht ihres Nachwuchses beobachten kann.



| Das Valle de Echo |


Gegen Abend unternehmen mein Vater und ich noch eine Radtour den Berg rauf. Raphael begleitet uns noch die ersten zwei Kilometer und macht sich dann mit Vorfreude auf die Abfahrt wieder auf den Rückweg.
Langsam kriechen wir mit unseren Fahrrädern den Berg hinauf. Serpentine um Serpentine, Kurve um Kurve. Bis die Straße schließlich an einer "Alm" endet. Eigentlich schade, denn nach einer guten Stunde bergauf Fahrens habe ich immer noch nicht genug und bin gerade in Topform. Wir versuchen unsere Tour noch über holprige Waldwege fortzusetzen. Doch je tiefer wir in den Wald vordringen, desto felsiger wird der Untergrund und an ein Fortkommen mit unseren Trekkingsrädern ist jetzt gar nicht mehr zu denken. Also geht es wieder auf den Rückweg. Mit meinen neuen Hydraulikbremsen macht eine solche Abfahrt gleich doppelt spaß und ich traue mir schon viel höhere Geschwindigkeiten auf der kurvenreichen Strecke zu als sonst. Nach einer langen Abfahrt erreichen wir schließlich wieder den Campingplatz.

Am Abend werden wir dort noch von einem heftigen Gewitter überrascht. Das Szenario ist unglaublich beeindruckend. Die Wolken scheinen von allen Seiten zu kommen und während es in Strömen gießt, zucken von allen Seiten Blitze, die den dunklen Campingplatz und das darunter liegende Tal für Sekundenbruchteile in unheimlichem Licht erscheinen lassen.

Beim Thema: Der Campingplatz hat keinen Stromanschluss und der Gärtner hat mich schon heute Mittag wissen lassen, dass er den Generator immer so um 12 Uhr ausschaltet. Oder vielleicht auch erst um 1 Uhr. Oder auch 2 Uhr. Je nachdem wie ihm gerade ist. Und morgens wird er dann wieder angeschaltet. So um 6 Uhr. Aber auch da behält er sich vor die Uhrzeit selbst zu bestimmen. Wie ihm gerade ist...