Larrau

Über kleine Landstraßen der südlichen Aquitaine tauchen wir langsam in die Pyrenäen ein. Schließlich finden wir uns auf der angepeilten Passstraße über die Pyrenäen wieder. Auf rund 50 Kilometern erwartet uns die schlecht ausgebaute Straße nach Larrau, dem letzten kleinen Dorf vor Spanien inmitten von Bergen. Ich kenne die Straße. Im letzten Jahr habe ich mir die Passüberquerung hier auf dem Weg nach Santiago de Compostella zum Geburtstag "geschenkt". Das Wetter zeigt sich wie im letzten Jahr wieder von seiner guten Seite: Strahlend blauer Himmel über den kräftig grünen Nordpyrenäen.
Die Felsen zu beiden Seiten werden immer höher. Nach einem letzten großen Anstieg haben wir Larrau erreicht. Wir quartieren uns auf dem netten kleinen Campingplatz ein, den ich ebenfalls noch aus dem letzten Jahr kenne. Leider habe ich zuvor gar nicht bedacht, dass unser Wohnmobil über 7 Meter lang ist. Es ist gar nicht so einfach auf dem steil abfallenden Campingplatz eine genügend große Nische für dieses riesige Gefährt zu finden. Überhaupt ergeben sich mit einem Wohnmobil ganz andere Probleme. Unser Stromstecker passt wieder nicht in den französischen Stromverteiler. Der Platzwart versucht uns so gut es geht ohne Adapter zu helfen. Gar nicht so einfach wenn keiner von uns die Sprache des anderen spricht. Er kann weder Deutsch, Englisch oder Spanisch, noch können wir Französisch oder Baskisch sprechen. Schließlich greift er zur Zange und zack! Deutscher Stecker ab, Französischer Stecker dran! So einfach geht das...
Am Abend unternehme ich mit meinem Vater und meinem kleinen Bruder Raphael eine kleine Radtour ins Gebirge. Wie im letzten Jahr getan habe, so folgen wir wieder einem kleinen holprigen Weg in ein verlassenes Tal nach Süden. Dabei passieren wir eine Kuhherde, die ich auch noch vom letzten Jahr zu kennen glaube. Raphael macht sich etwas früher auf den Rückweg. Später berichtet er davon, dass eine der Kühe nach ihm ausgetreten habe. Dummerweise war er bei der Abfahrt zu schnell und die Kuh traf daneben - einen ihrer Artgenossen...

Es ist schön nach einem Jahr mal wieder hier zu sein. Die Strapazen der Anreise mit dem Rad sind fast vergessen, doch die grandiosen Landschaften sind geblieben. Und irgendwie habe ich schon ein schlechtes Gewissen nicht mit dem Fahrrad zurückgekehrt zu sein...



| Larrau |


Am nächsten Morgen ist die Stimmung betrübt. Regen tropft gegen die Plexiglasscheiben. Trotzdem nutzen wir eine Regenpause und machen uns fertig für eine Wanderung. Die ersten Kilometer legen wir gemeinsam auf einer rasanten Abfahrt zurück. Hier kann ich das erste Mal meine neuen Hydraulikbremsen ausprobieren. Ich bin erstaunt was für ein großes Spiel sie mir beim Wechsel der Geschwindigkeiten lassen. Endlich wieder in den Bergen!
Vom Restaurant Laugibar geht es zu Fuß weiter. Auf dem Weg durch die Schlucht des Erréka und d'Olhadubi in Richtung der fast legendären Hängebrücke Georges d'Holzarté. Durch urige Landschaft mit Gebirgsurwald und großen Farnwiesen steigen wir immer weiter bergauf. Die Pyrenäen haben hier eine Ursprünglichkeit bewahrt, wie sie in den Alpen wahrscheinlich gar nicht mehr zu finden ist.

Von hier oben haben wir einen netten Ausblick auf die sich spaltende Schlucht. An den Berghängen ziehen dicke Nebelschwaden nach oben. Es ist als stünden wir mitten in einem Regenwald.
Einige Zeit später können wir endlich die Puente d'Holcarté sehen. In einem dünnen Band spannt sie sich in einer Höhe von 170 Metern über die Schlucht.
Aus der Ferne hören wir plötzlich ein leichtes Grollen. Nachdenkliche Blicke von allen. "Das ist ein Flugzeug.", sage ich.
Zehn Minuten später, wir stehen gerade an der Brücke, beginnt es plötzlich mit Blitz und Donner in Strömen zu regnen. "Na? Ist ja ein tolles Flugzeug!", bekomme ich jetzt von den anderen zu hören. Ok, ok, ok... Ich würde sagen es ist eine Concorde der "Petrus Airlines". Wenigstens verleitet der Regen zur flinken Überquerung der hohen Brücke. Der schützende Wald am anderen Ende lockt. Unter Schönwetterbedingungen wäre das über dieser wackeligen Brücke sicherlich nicht so schnell möglich gewesen. Auf der anderen Seite versuchen wir dennoch unsere Wanderung fortzusetzen. Auf immer matschiger werdenden Wegen kämpfen wir uns durch den Wald nach oben. Im dumpfen Licht des Gewitters sieht man an einigen Bäumen den Schriftzug der E.T.A. Unheimlich...



| Georges d'Holcarté |


Nach einer Weile mache ich den Vorschlag, doch lieber umzukehren.
Ungewohnt... einstimmig entscheiden sich alle für die Rückkehr.
Also geht es wieder zurück über die Hängebrücke. Die Wege haben sich stellenweise zu kleinen Bächen verwandelt und ohne Wanderstock ist es schwer Halt zu finden. Die Luft ist feucht und die Nebelschwaden werden immer dichter. Es ist nicht einfach auf den kleinen Wegen mit dem Steil abfallenden Hang daneben. Doch letztendlich kommen wir wieder heil unten an.



| Georges d'Holcarté |


Jetzt muss nur noch der Anstieg von Laugibar nach Larrau bewältigt werden. Das große Keuchen beginnt und auch meine untrainierte Mutter schafft es mit ihrem Stadtrad die gut 300 Höhenmeter zu bewältigen. Danach lehnen wir uns erst mal im Wohnwagen zurück und später unternehmen Raphael und ich noch eine kleine Tour durch die schöne Landschaft um Larrau herum.