Die Französischen Alpen (von Hans-Georg Normann)
Da dies der erste "richtige" Bergpass ist, den mein Vater je mit dem Rad bewältigt hat, überlasse ich ihm an dieser Stelle die Beschreibung der Geschehnisse. Es ist vielleicht auch mal ganz interessant das Ganze aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Allerdings zeichne ich mich nicht verantwortlich für eventuelle Beleidigungen oder Beschimpfungen, die in dem folgenden Text möglich sein könnten...
Viel Spaß beim Lesen!
Nachdem uns nun die Flucht aus dem spanischen Colera bei heftigstem Sturm
gelungen ist, fahren wir Richtung nach Hause. Manchmal haben uns
Sturmböen auf den Hügeln der westlichen Pyrenäen doch ganz schön
durchgeschüttelt. Aber je näher wir den französischen Alpen kommen, desto
mehr flaut der Sturm ab. Roswitha konnte dann auch mal für eine Stunde das
Steuer übernehmen. Kurzentschlossen wurde das Etappenziel von irgendwo
Richtung nach Hause auf Richtung französische Alpen und Grenoble geändert.
So langsam steigt denn auch unsere Stimmung wieder. Unseren ursprünglichen
Plan, die Rückfahrt durch die Schweiz anzutreten, mussten wir leider fallen
lassen. Sascha war der Meinung, da man für fast ganz Europa keinen Pass an
der Grenze benötigt, benötigt man für die Schweiz diesen eben auch nicht.
Dass sind halt die Erfahrungen eines Weltreisenden. Also entschließen wir
uns, Richtung Grenoble zu fahren und bei der Heimreise die Schweiz zu
umfahren.
Die Fahrt verlief denn auch ohne besondere Zwischenfälle. Rauf auf die
Autobahn und immer gerade aus. Beim Kartenstudium hatten wir während der
Fahrt gesehen, dass in der Nähe von Grenoble ja auch der Col de la Madeleine
liegt. Da geisterte doch noch die Idee im Hinterkopf rum, dass wir einen
"richtigen" Pass der Tour de France mit dem Fahrrad bewältigen wollten.
In Grenoble hört ja denn auch die Autobahn auf. Aber wir entschließen uns
noch bis Albertville weiter zu fahren. Die Gegend gefällt uns. Vor Albertville
gibt's denn auch einen autobahnähnlichen Abschnitt. Den nehmen wir natürlich.
Bis wir dann auf einmal feststellen, dass wir die Ausfahrt verpasst haben.
Da stehen wir aber schon vor einer Mautstation. Umdrehen? Nein, das geht
nicht. Wir müssen zahlen. An der nächsten Ausfahrt, kam uns vor wie zwanzig
Kilometer, wieder raus und zurück. An der Mautstation, wo wir schon vorhin
gar nicht durch wollten, wurden wir natürlich wieder zur Kasse gebeten.
Egal. Wir steuern den nächsten Campingplatz an. Sascha entscheidet, dass wir
den städtischen Campingplatz nehmen. Nicht komfortabel, aber für ein oder zwei
Nächte wird's schon reichen. Ein Platz ist schnell gefunden. Rechts
von uns, wie könnte es anders sein, ein campingerfahrener Holländer. Aber
was ist das links von uns? Die Frau verschleiert, auf dem Nummernschild nicht
lesbare Zeichen. Stellt sich raus, dass diese Nachbarn aus Kuwait sind. Ob
die den ganzen Weg gefahren sind, oder ob die mit samt Auto geflogen sind?
Waren leider sehr scheu, so dass keine Konversation zu Stande kam.
Der Wetterbericht sagt halbwegs stabiles trockenes Wetter voraus. Deshalb
fassen wir, d. h. Sascha und meine Wenigkeit, den Entschluss, den nächsten
Tag mit dem Fahrrad auf den Col de la Madelaine zu fahren. Auf der Karte
sieht das gar nicht so weit und gefährlich aus. Roswitha und Raphael werden
in der Zeit das Heim hüten oder die Umgegend von Albertville unsicher machen.
Dann noch etwas einkaufen. Mit dem Rad natürlich. Hei, das ist ja ein
Erlebnis. Da verhalten sich deutsche Autofahrer im Vergleich zu den hiesigen
ja schon vorbildlich. Ich weiß nicht was ich anstellen muss, damit die
Blindfische uns sehen! Es kommt uns so vor, als dass wir bei sich jeder
ergebenden Möglichkeit geschnitten, abgedrängt oder fast überfahren werden. Nett.
Und dann diese Radwege! Eine Nummer für sich. Wenn es denn mal welche gibt,
heißt das aber nicht, dass an Kreuzungen und Einmündungen die Bordsteinkante
abgeflacht ist. Man kann sogar das Gefühl haben, dass die hier noch extra
einige Zentimeter höher gemacht wurden. Kurz und Bündig: Albertville ist nix
für Radfahrer sondern scheinbar nur für zahlende Skitouristen.
| Auf dem Col de la Madeleine |
|
Guten Morgen! Die Sonne scheint. Nicht heftig, aber sie scheint. Da wird einem
doch warm ums Herz. Also Fahrräder startklar machen. Sascha bietet sich als
mein persönlicher Domistique an. Völlig neues Gefühl, jetzt habe ich auch
meinen Wasserträger! Jackenträger.
Ich habe natürlich überhaupt keine Erfahrung. Sascha hat ja denn doch schon
einige male einen Pass bezwungen. Aber die höchste Erhebung bei uns zu Hause
ist wohl die Autobahnbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal. Also legen wir mal
los.
Zuerst geht es entlang der Autobahn Richtung Moutiers. Schnell noch einige
Kleinigkeiten beim Bäcker besorgt. Wir durchfahren Tours en Savoie und
wechseln bei La Bathie auf die andere Seite Autobahn. Die Autobahn stört
uns eigentlich nicht weil wir sie kaum sehen und hören. Der Verkehr hält
sich in Grenzen. Die Straßen werden auch immer schmaler und steigen leicht
an. Wir kommen durch eine Reihe kleiner Ortschaften, bis wir dann Notre Dame
de Briancon erreichen. Wir sind am Fuße des Col de la Madeleine. Wir sind
bereits so an die 25 km gefahren, gerade so die richtige Entfernung um warm
zu werden.
Ein Schild weist bis zum Gipfel noch 23 km aus. Ist doch gar nicht mehr so
weit. Und die Sonne scheint ganz zaghaft. Ist doch ideal. Also beginnen wir
den Aufstieg. Immer schön langsam. Ja nicht überpowern. Kaum am ersten
Anstieg, weist ein weiteres Schild auf größeres hin. Nächste Woche ist die
Straße hier für die Tour de France gesperrt. Die ersten zwei oder drei
Kilometer schaffe ich ja noch "spielend". Aber dann wird's kurz mal etwas
heftiger. Luft! Anhalten und zu Kräften kommen. Sascha kommt erst
einige Zeit später. Es ist halt immer wieder das übliche bei mir. Stark
anfangen, aber leider dann auch stark nachlassen. Dabei rauche ich schon
nicht mehr und habe auch schon 15 kg abgenommen.
Sascha kommt in üblicher Mountainbiker-Manier. Kleiner Gang und treten
und treten und treten und ..... Also wieder rauf aufs Fahrrad. Sascha
als Schrittmacher. Mann fährt der langsam! Da fällt man ja um.
Irgendwann überhole ich Ihn dann wieder. Bin ja durchtrainiert. Dreimal die
Woche Fitness .... Durst! Schnell mit einem Schluck aus der Flasche
gestillt. Hier ist ja der Hund verfroren! Nix als Wald und Wiese mit
einzelnen kleinen Dörfern. Und das alles verbunden mit einer kleinen, schmalen
und holperigen Straße. Außer den gelegentlichen Schildern deutet nichts
darauf hin, dass hier eine Woche Später alle Welt hinschaut. Durst!
Schluck, Schluck ... Au weia, Flasche leer....
Wie weit ist es noch? Ich bin bereits so fertig, dass mir das langsam
Schnuppe ist. Wald gibt's so langsam auch keinen mehr. Die Vegetation wird
doch schon merklich spärlicher. Da ist Wasser...... Flasche voll...
Nun kann man wieder treten und treten und treten und treten und treten ....
Einige hundert Meter weiter spricht mich ein alter Dorfbewohner, ich schätze
so in den Siebzigern, an. Ich verstehe natürlich gar nichts und mach ihm
verständlich: Allemange. Das wirkt. Jetzt spricht er deutsch. Nur noch sechs
Kilometer und das schlimmste sollen wir bereits hinter uns haben. Luft!
Das ist ja echt nervtötend. Keinen Hintern in der Hose und dann mit Volldampf
an uns vorbeirauschen. Wie die das bloß machen? Durst! Und die
Motorradfahrer sind auch nicht mehr zu halten. Endlich mal wieder einige
Kurven unter der Motofuzzi. Luft! Ich bin kaputt und liebe mein Fahrrad.
Also schiebe ich es. Bei Sascha merke ich nichts von Anstrengung. Ich kann
meine Sachen auswringen. Bei Sascha sehe ich nicht mal eine Schweißperle auf
der Stirn.
Ich kämpfe mich im wahrsten Sinne des Wortes den Berg hoch. Und dann diese
blöden Sprüche auf der Straße. JAN, VIRENQUE, T, "DU SAU, QUÄL DICH". An uns
denkt hier wohl keiner. Nach der Kurve wird's flacher. Dann kann ich ja mal
wieder aufs Rad steigen. Einen halben Kilometer gefahren. Luft! Durst!
Ich liebe mein Fahrrad doch soooo ..... Und der Gipfel ist sichtbar.
Das geht dann doch noch so eine Zeitlang weiter. Die ansteigende Gerade noch,
dann sollten wir eigentlich da sein. Also noch mal in die Pedale treten. Nach
zweihundert Metern geht das Spielchen wieder los. Luft! Durst! Die
Flasche ist auch schon wieder leer. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit mache
ich sie voll. Egal wo. Hauptsache flüssig. Ich komme da hoch und wenn ich auf
allen Vieren laufe! Am Ende Der Geraden Stillstand! Da hat doch so ein
wahnwitziger Straßenbauer noch mal hundert Meter Erde aufgeschüttet und da
eine Spitzkehre drauf gebaut. Mann, hätte der das nicht woanders machen
können! Trotzdem schaffe ich nochmals zweihundert Meter radfahrend.
Luuuffft! Durst! Die Sonne scheint doch gar nicht mehr. Es ist sogar
leicht nebelig und eigentlich auch kalt. Und Sascha tritt und tritt und tritt
und ..... Und ich schiebe und schiebe und schiebe ... Das hat mit Radfahren
nichts mehr zu tun. Ich quäle meine Pfunde da nur noch hoch. Wenn ich die
Hänflinge bergauf an uns vorbeifliegen sehe, dann meine ich, dass ich noch mal
dreißig Kilo abnehmen müsste. Und dann die Abfahrer. Wenn die mit ihren
Rennmaschinen angerauscht kommen, dann donnert es regelrecht. Luuuffft!
Wir kommen bereits an besagte Spitzkehre. Und das Ziel ist in Sicht.
Jetzt heißt wieder aufsteigen, denn ich will ja radfahrend den Pass erreichen.
Man hat ja schließlich auch seinen Stolz. Geschafft. Hier oben ist ja wirklich
der reinste Bikertreff. Aber egal. Was nicht egal ist: Es ist kalt. Also
schnell Saschas Taschen nach allen anziehbaren Sachen durchsuchen. Eine zweite
Garnitur T-Shirts habe ich sowieso immer dabei. Also erst mal alles anziehen
und dann meinen Kohlehydratspiegel wieder mit Cola auffüllen. Sascha bevorzugt
da am liebsten einige Stücke Torte, am liebsten so richtig schön matschig und
vieeel Sahne, besonders wenn er jemand dabei hat, der es bezahlt.
Die Lebensgeister kommen bei mir doch relativ schnell zurück. Tüdelüdelü...
Schei.... Handy, können die nicht ein andermal anrufen. Min Boss sucht mal wieder
dieses und jenes. Wie gut das der Empfang derart schlecht ist, dass sich das
schnell erledigt. Genießen wir noch die Aussicht. Manchmal verziehen sich auch
die Wolken die mir wahrscheinlich alle persönlich gratulieren wollen. Schnell
noch die üblichen Gipfelfotos und dann wieder startklar machen für die Abfahrt.
Lange Hose aus, T-Shirt aus, T-Shirt aus, Windjacke an. Wie sind gespannt, wie sich
unsere Bremsen gewähren. Statt der üblichen Shimano Teilen haben wir auf ein etwas
anderes Fabrikat gesetzt. Die Leute sagen über sich selbst: " Die ganze
Fahrradwelt ist fest im Griff eines japanischen Teile-Giganten. Die ganze
Fahrradwelt? Nein, in Deutschlands wildem Süden, am Fuße der Schwäbischen Alb,
bauen die unbeugsamen Brake People von MAGURA seit Jahren vollhydraulische Bike -
Bremsen vom Feinsten." Na denn auf eine gute Abfahrt.
Uuuiiiii, das rauscht ja alles so schnell vorbei. Uuuaaaaahhhhh, da kommt ne
Spitzkehre! Mit bis zu Tempo sechzig rauschen wir mit unseren Rädern zu Tal. Ginge
vielleicht noch schneller, aber uns fehlt die Erfahrung. ....die blöde Kuh will
doch wohl nicht auf die andere Straßenseite wechseln. Vorsicht! Schlaglöcher links
und rechts.... und in der Mitte auch! Warum liegt das doofe Viech da auf der
Straße. Ich schwitze schon wieder! ... aber nicht vor Anstrengung. Sascha biegt
nach Rechts ab wo's etwas Bergauf geht, zum ausrollen.
Weiß auch nicht warum ich mir gerade dieses Nest gemerkt habe: Dessous. Wir
benötigen beide eine Pause. Uns tun die Finger vom Bremsen weh! Wir wagen gar nicht
daran zu denken, wie das gewesen wäre, wenn wir Bremsen Marke Fern Ost gehabt
hätten. Da wären die Finger bestimmt schon abgefallen oder hätten einen Abgang über
die Leitplanke gemacht (sofern da welche gestanden hätten).
Machen wir uns auf den zweiten Teil der Abfahrt. Ich weiß nicht, ob wir das
Tempolimit in den Ortschaften einhalten, ....du blöder Hund, mach doch dass
du aus dem Weg kommst..., aber wir haben genug damit zu tun die Straße im Visier
zu behalten, als auch noch auf den futzigen Tacho zu schauen. Bergauf haben wir
irgendwie länger gebraucht. Kam uns eigentlich gar nicht so steil vor, aber
trotzdem bekommen wir ein unheimliches Tempo drauf. Und Sascha muss treten
und treten und treten und treten und treten ... und ich lass laufen und laufen
und laufen und laufen und laufen und laufen... Ist doch von Vorteil, wenn man
"etwas" mehr Gewicht hat. Hin und wieder eine Spitzkehre, wo man das Tempo
komplett wegnehmen muss und dann wieder gib Gummi! Die Abfahrt will kein
Ende nehmen! Klasse.
Irgendwann war sie denn aber doch zu Ende. Und die Treterei ging wieder los.
Schnell noch die Windjacke meinem
Wasserträger Jackenträger übergeben. Kamen auch noch zwei ältere Herren
an uns vorbeigezogen, gaaannnz langsam aber mit Rennmaschinen. Also Schlagzahl
erhöhen und versuchen im Windschatten zu bleiben. Mann, sind die dünn, die
erzeugen ja kaum einen Windschatten. Trotzdem können wir denen einige Kilometer
folgen. Aber irgendwann mussten wir dann doch abreißen lassen.
Je näher wir Albertville kamen, desto mehr merkten wir die Strapazen des Tages.
Wir fahren zwar sehr viel Fahrrad, aber selten über 100 km. Da merkt man eben
doch, dass hier noch ein kleiner Hügel dazwischen lag. In Albertville will es
dann auch gar nicht mehr so richtig rollen. Die Autofahrer interessiert es nicht
was wir vollbracht haben. Also der Alltag hatte uns wieder.
Muss wohl nicht besonders erwähnt werden, das wir kaum im Wohnmobil angekommen,
erst einmal das Getränkedepot (Bier, Wein, Wasser, etc., Hauptsache flüssig)
geplündert haben. Dann so gut es ging eine heiße Dusche und .... ja da war nicht
mehr viel.
| Du Sau! Quäl Dich! |
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Aber wir, wir waren oben, und sogar eher wie Virenque, Lens
Amstrong, Heppe und Co. (Das wir eher und auch noch von der falschen Seite
losgefahren sind, wollen wir mal großzügig übersehen.) Sascha war der Meinung,
dass er schon schwierigere Pässe gefahren ist. Mag sein, aber die Länge, offiziell
24,8 km mit durchschnittlich 7,3 Prozent schlauchen doch ganz schön. Ich glaube,
ich mach so etwas noch einmal.
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