Überschwemmte Dörfer und Las Vegas in den Bergen

Wir verlassen Torla über die N260 in Richtung Südosten. Je weiter wir nach Süden kommen, desto trockener wird die Landschaft wieder. Es gibt hier unheimlich viele Geisterdörfer. Oftmals sind es kleine an auf den Bergen gelegene Ansammlungen von zerfallenen Häuschen, in deren Mitte noch - scheinbar unversehrt - ein Kirchturm steht. Die Menschen müssen Scharenweise aus dieser schönen Region ausgewandert sein. Sehr viele Dörfer sind auf der Karte gar nicht verzeichnet, da sie kaum oder gar keine Einwohner mehr haben. Die einzigen Menschen in dieser Gegend abseits der Städte scheinen nur noch eine Hand voll Bauern zu sein, die sich hartnäckig hier halten. Es ist beinahe unheimlich wie sehr die Landflucht in Spanien in Erscheinung tritt. Auf dem Schulaustausch in Salamanca habe ich mit der Familie meiner Austauschschülerin mal ihr Heimatdorf besucht. Sie haben dort zwar ein eigenes Häuschen, ziehen es aber trotzdem vor in den anonymen Wohnblöcken in der Vorstadt zu wohnen. Auch dieses Dorf nahe Salamanca war fast vollkommen verlassen. Nur aufgrund eines wichtigen Feiertages sind einige Menschen kurzfristig zurückgekehrt, um ihre Ahnen zu ehren. Danach ging es wieder zurück in die Stadt und in das Leben in der Mietwohnung.



| Embalse de Mediano |


Die Bewohner des Dorfes Mediano hatten gar keine andere Wahl als auszuwandern. Damit die Städte in der südlich gelegenen Ebene mit ausreichend Trinkwasser versorgt werden konnten, wurden zwei riesige Seen aufgestaut. Einer davon ist der Embalse de Mediano, benannt nach dem kleinen Dorf, dessen größter Teil nun unter Wasser liegt. Nur der Kirchturm ragt noch wie ein Mahnmal aus dem Wasser.
Es ist stechend heiß, trotzdem ist der Wasserstand in diesem Sommer nicht so weit abgesunken wie in anderen Jahren, wo man angeblich sogar das Kirchenschiff betreten kann. Das liegt nun etwa unter 10 Meter unter dem Wasser. Ein zurzeit trockenliegender Damm führt zu den Überresten von ein paar Bauernhäusern. Die verschlammten Tröge für das Vieh wurden lange nicht mehr benutzt. Von den Häusern stehen nur noch die Grundmauern, die vom ursprünglichen Aussehen nur wenig erahnen lassen.

Wir müssen heute noch einige Kilometer schaffen und fahren weiter. Die Berge der Pyrenäen werden immer kleiner und gehen im Süden schließlich in die Ebene von Katalonien über. Nun, was bezeichnet man in Spanien schon als "Ebene"? Oftmals sind das - wie diese hier - Hochebenen, deren hügelige Landschaft ein ständiges Auf und Ab zwischen etwa 100 Höhenmetern bedeutet. Eine doch recht anstrengende Landschaftsform für Radfahrer, wie ich im letzten Jahr erfahren durfte. Doch diese Landschaft mit in unser Programm aufzunehmen würde den zeitlichen Rahmen unseres Urlaubes sprengen. So biegen wir recht schnell wieder nach Osten ab und folgen der N230 bis nach Puente de Montaņa, wo wir uns wieder mitten in den Pyrenäen befinden.



| Faszinierend: Die südlichen Pyrenäen |


Über einen kleinen Pass fahren wir weiter nach Tremp, wo wir erst einmal einkaufen. Es ist unheimlich schwül und bei der Abfahrt beginnt es zu regnen. Wir fahren den Regenwolken immer weiter in Richtung Osten davon.
Die nun folgende Straße nach Tremp würde den abenteuerlichen Pisten in Roadrunner alle Ehre machen. In scharfen Kurven schlenkert sie sich am Fels entlang während am Straßenrand oft nur ein Blick in den Abgrund bleibt. Die Kurven sind nur notdürftig durch Maschendrahtzaun gesichert und so sehr mit tiefsten Schlaglöchern übersät, dass wir uns in den Kurven gerne an allem greifbaren in dem schwankenden Wohnmobil festhalten.
Auf der Passhöhe bietet sich wieder ein wundervoller Ausblick. Ein schmaler in das Tal ragender Felsgrat fordert Raphael und mich geradezu zum Klettern auf. Auf dem schmalen Fels lässt es sich auf gleicher Höhe immer weiter laufen. Doch bis zum Ende des Grates wagen wir uns nicht, da er dort etwa 200 Meter über dem Abgrund herausragt und es darunter noch weiter bergab geht.
Den hier fließenden Fluss können wir nicht sehen, doch sein Name sagt schon alles: el Caņón. Steil und kurvenreich führt uns die Straße an seiner Schlucht entlang wieder nach unten. Schließlich hat die ganze Kurverei endlich ein Ende und auf gerader Straße finden wir uns zwischen Olivenplantagen wieder.


| Im Gebirge / Andorra |

Während wir durch das tiefe Tal des Segre fahren, entscheiden wir uns spontan von einem Abstecher in das nahe gelegene Andorra, auch wenn ich davon weniger begeistert bin. Ich habe zu beginn der Reise meinen Ausweis nicht eingepackt, da ich ihn in diesem Teil Europas als Unnütz angesehen habe. So krame ich noch einige Zeit lang in meinem Portemonnaie alles zusammen, was mich einigermaßen als deutschen Staatsangehörigen ausweisen könnte. Das geht von der Jahresfahrkarte für den Hamburger Verkehrsverbund über den Schülerausweis bis zur abgelaufenen Bahncard. Mal sehen, ob die Zollbeamten diese seltsame Mischung als eine Art "Pass" anerkennen werden...
Dann, an der Grenze: Pustekuchen! Es will uns überhaupt niemand kontrollieren!
Andorra scheint das Land des Shoppings schlechthin zu sein. Kaum kommen wir über die Grenze, sehen wir nur noch massenhaft kleine Läden und Einkaufszentren, die vorzugsweise Elektronikartikel verkaufen. Auch Casinos und Tankstellen mit Dieselpreisen von 55 Cent sind zahlreich vertreten. Von Natur ist hier nichts mehr zu sehen. Alles zwängt sich rücksichtslos in jede bebaubare Ecke. Und es regnet - in Massen! So stark, dass die Gullys überlaufen und der kleine Valira d'Orient zu einem reißenden Strom anschwillt. Ein weiteres Problem ergibt sich durch unser recht großes Fahrzeug. Bis hin zur Innenstadt haben wir immer noch keinen Parkplatz gefunden, drehen um und versuchen in der anderen Richtung unser Glück. Leider ist dieses Land so dermaßen eng, dass wir bis zur Grenze weder einen Parkplatz noch eine Möglichkeit zum Wenden gefunden haben und zu Ausreise regelrecht gezwungen sind.
Die Fahrzeuge vor uns werden durchgehend auf die Durchfahrtsspur gewunken. Aber nein! Ein dickes Wohnmobil! Das scheint der Herr Zöllner sich doch ganz gerne einmal ansehen zu wollen! Flugs werden wir in zur Kontrolle gewunken und müssen auf unseren Kontrolleur warten. Der feine Herr lässt sich natürlich nicht lumpen und wir müssen ihm den Hocker vor den Eingang zum Wohnmobil setzen. Sonst kommt er nicht über die Stufe. Darf's denn noch ein roter Teppich sein, Seņor? In aller Ruhe lässt er sich von uns nach Fingerzeig mehrere Schränke öffnen und verlässt dann desinteressiert wieder das Wohnmobil. Die Pässe? Uff! Von denen wollte er nichts sehen. So ist das Kapitel Andorra endlich geschafft und so schnell führt es uns hier sicher nicht mehr hin.