Endetappe
Es hat die ganze Nacht
geregnet und die Schauer lassen bis auf kurze Unterbrechungen
auch heute morgen nicht nach.
So ist es wieder eine
Tortour, das Zelt zusammenzupacken und dabei trocken zu halten.
WO ich von einem alten, zerdrückten Brötchen mit mühseeliger
zerstückelter Schokolade beschmiert schon eh nicht
so gesättet bin. Die letzten 30 Kilometer bis nach Egersund
werden auch bei diesem Wetter noch irgendwie zu bewältigen sein.
Nach dem Dorf beginnen
wieder mehrere Anstiege und Abfahrten. Das Landschaftsbild wird
durch und durch von Felsen bestimmt, die teilweise von kleinen
Birkenwäldchen überwachsen sind. Das ewige Auf und Ab geht
ziemlich auf die Nerven.

Flache Landschaft
Schließlich ist es
soweit, dass ich eine lange Abfahrt nach Egersund hinab genießen
kann. Auf dem Weg bergab kommen mir zwei norwegische Radfahrer
entgegen. Sie sehen beide wie Zwillinge aus und rufen mir fast
zeitgleich winkend, mit einem Lächeln Hei! Hei! zu.
Vor der Stadt spaltet
sich die Straße. Rechts gehts zum Fährterminal, links zur
Innenstadt. Beide Teile liegen nicht einmal einen Kilometer, aber
mindestens 3km Landweg auseinander. Der grund dafür ist das
trennende Hafenbecken, das etwas weiter nördlich über eine
Brücke überquert werden muss.
Es sind gerade erst
einmal halb drei Mittags. Meine Fähre fährt aber erst um 1 Uhr
in der Nacht. Im Fährterminal erkundige ich mich nach dem
Fahrpreis und darf mein Gepäck im Wartesaal abstellen. Danach
geht es ohne Gepäck in die Stadt, da ich für das Fährticket
noch dringend Geld brauche.
Wieder mal nichts böses
ahnend, schiebe ich meine Kontokarte in den einzigen
Geldautomaten weit und breit und bekomme zweimal die sture
Antwort: Your card is not valid!. Wunderbar! Die
Banken haben schon alle geschlossen. Obwohl es noch vor 4 Uhr
ist. So kann ich auch keine Reiseschecks eintauschen. Die
nächste Möglichkeit an Geld zu kommen bestünde also erst am
Montag. Schön!
Bevor ich total
verzweifle, gehe ich in die Touristeninformation und frage, wo
man hier noch Schecks eintauschen kann. Alle Banken wären
inzwischen geschlossen, bekomme ich als mitleidige Antwort zu
hören. Die beiden Angestellten sehen noch im Heft mit den
Öffnungszeiten nach und diskutieren über etwas. Dabei reden sie
auch über die Post die, wie ich sehe, um 16 Uhr schließt. Es
ist 5 Minuten vor 4. Die Post ist etwa einen halben Kilometer
entfernt. Ich unterbreche die beiden, frage ob man dort Schecks
eintauschen kann und sage ihnen, dass ich ein Fahrrad dabeihabe.
Sie bejahen es und sagen, dass es mit dem Rad noch möglich sein
könnte. Ich bedanke mich, schwinge mich aufs Rad und düse zur
Post.
Nach einer wahnwitzigen
Fahrt stehe ich zwei Minuten vor Schließung in der Post. Ich
habs geschafft! So außer Atem, wie ich hereinkomme, muss
ich aussehen als wenn ich die Schecks gerade geklaut hätte.
Durch die Vorlage meines Reisepasses bekomme ich mein Geld aber
doch noch. Glück gehabt!
Nach einem kurzen Einkauf
mache ich mich wieder auf den Rückweg zum Fährterminal.
Es sind noch nicht einmal
5 Uhr mittags. Bis zum Einstieg in die Fähre habe ich also noch
8 Stunden Zeit. Zeit, die ich gut zum erholen gebrauchen kann.
Ich sitze gemütlich im Wartesaal, schreibe längst fällige
Postkarten wie Tagebucheinträge und leses. Dabei schlinge ich
eineinhalb Fertigkuchen runter. Die gab es im Supermarkt zum
Sonderangebot. Da konnte ich mich natürlich nicht zurückhalten.
Bis kurz vor Mitternacht bin ich der einzige im Wartesaal. Dann
füllt er sich allmählich.
Gegen 1 Uhr werden es
dann immer mehr Leute. Plötzlich ist es so spät, dass ich mich
mit dem wiederfest zurren des Gepäcks auf dem Rad beeilen muss.
Die Fähre steht schon am Terminal und die ersten Autos fahren in
den großen Schiffsrumpf.

Einfahrt in die Fähre
In der Fähre verlaufe
ich mich wieder mal ein wenig. Das System dieser ist auch ganz
anders als das der Color Line. Es dauert lange, bis ich das doch
recht kleine Passagierdeck gefunden habe. Für den Schlafraum
braucht man eine Karte mit Magnetstreifen.
Nun ist es soweit. Ich
entferne mich so langsam von Norwegen. Vom Deck sehe ich noch ein
wenig der in der Dunkelheit vorbeigleitenden Landschaft mit den
immerkleiner werdenden Häuschen und Bäumen nach. Wie sie
schließlich nicht mehr auszumachen ist, kann ich die Position
des Schiffes auf dem GPS an der Rezeption sehen. Das wars.
Norwegen adé...
Strecke: 805 km
Reine Fahrzeit: 54:13