Alte Bekannte


Packroutine:

Start 0:30h
1:30h 1:45
Nach dem allmorgendlichen Rhythmus geht es wieder in die Pedale. Es ist die ganze Zeit stark bewölkt und die Sonne kommt kaum zum Vorschein. Nach dem kleinen Ort Granvin fahre ich in Richtung Kvanndal. Die Uferstraße schlängelt sich kurvenreich, mit einigen Auf –und Abstiegen und Tunneln am Granvinfjorden entlang. Sie ist recht schmal und mäßig befahren.

In Kvanndal möchte ich die Fähre nach Utne nehmen. Gerade wie ich um eine Kurve fahre und Kvanndal sehe, sehe ich gerade eine Fähre wegfahren. Pech gehabt, denke ich mir schon. Doch die andere Fähre nähert sich bereits aus weiterer Entfernung. Am Fährterminal ist noch genügend Zeit für ein kleines Mittagessen. Altes Vollkornbrot mit Vegetarischer Pastete, die mir langsam zum Hals raushängt. Lecker!

Eine Fahrt auf die andere Fjordseite nach Utne kostet 35 NOK. Also noch sehr erträglich. Von Utne führt eine etwa 40km lange Straße nach Odda am Sørfjorden entlang. Im Gegensatz zu der Europastraße auf der anderen Seite des Fjorden ist die praktisch kaum befahren. Immer wenn eine Fähre in Utne anlegt, kommt ein riesiger Schwall von Autos und qualmenden LKW. Danach ist für lange Zeit wieder Ruhe und nichts und niemand stört einen beim Radfahren. Westlich der Straße sind unmengen von Feldern am Berghang, auf denen Äpfel und anderes Obst wachsen. Einige Zeit später ist auch die riesige Zunge des Båganut – Gletschers zu sehen.
Vor Odda stellt sich mir ein 1600 Meter langer Tunnel in den Weg, der nicht umfahren werden kann. So etwas habe ich immer gehofft vermeiden zu können, doch es bleibt mir keine andere Möglichkeit. Ich ziehe mir die Regenjacke gegen die Feuchtigkeit im Tunnel über, vergewissere mit noch einmal kurz, dass auch kein Verkehr kommt und fahre los. Dieser Tunnel ist wieder einer der unangenehmsten, besonders dieser. Der Boden ist nass und glitschig, von oben tropft andauernd kaltes Wasser und die Motoren des entgegenkommenden Autos hören sich gleich doppelt so laut an wie sie wirklich sind. So denke ich fast, dass die Autos noch einmal Gas geben um mich zu überfahren. Aus meiner Fahrtrichtung kommt zum Glück kein Auto. Stellenweise gibt es im Tunnel kein Licht und das Licht meiner Fahrradlampe hat kaum Auswirkungen da es auf dem schwarzen Fels und Asphalt so gut wie gar nicht reflektiert wird. Nach nicht enden wollender hartnäckiger Konzentration auf den Lichtpunkt am Tunnel Ende und den hellen Seitenstreifen ist die Durchfahrt endlich geschafft und ich muss erst mal anhalten.
Eine vollkommen neue Kulisse bietet sich mir hier. Doch nicht die neuer Landschaften und Natur. Nein. Die Kulisse einer Industriestadt. Qualmende Schlote, viele Fabriken, ein dreckiger Hafen und klein versinkend dazwischen die bunten Holzäuschen. Nicht gerade erhebend...

In der Stadt gibt es einen steilen Aufstieg zum See Sandvinvatnet. Hier scheint wieder alles in Ordnung zu sein. Die schreckliche Industriestadt kaum hinter mir gelassen, habe ich sofort einen wunderbaren Ausblick auf den riesigen Folgefonn – Gletscher.
Nach dem See steigt die Straße stetig an. Der rauschende Fluss verbreitet unglaublich feuchte Luft, so dass zur Schweißnässe auch noch diese dazukommt. Plötzlich sehe ich mitten im Wald ein Schild. ‚Låtefossen – 1,2km’ steht darauf geschrieben. Unglaublich! Das mir so etwas aus Zufall passiert! Hier bin ich erst vor einigen Jahren gewesen und stoße Zufällig auf den Wasserreichsten Wasserfall Norwegens auf dieser Tour.
Die 1,2 km bis zum Wasserfall vergehen recht schnell. Die Luft ist durch die die Felsen hintertösenden Fluten noch feuchter als vorher. Natürlich sind hier auch Japaner. Doch das alles ist mir recht egal denn ich sehe: Toiletten!
Meine Freude vergeht aber wieder schnell da man für die Dinger scheinbar einen Schlüssel braucht. Also stelle ich mich einfach daneben. Bei so viel Wasser wie es hier gibt wird das wohl nichts ausmachen...

Ein kleines Stück weiter im Ort gibt es einen Supermarkt der aber schon um 4 Uhr mittags geschlossen hat. Von hier geht es noch ein ordentliches Stück bergauf das ich teilweise – mit schwirrenden Fliegen – schieben muss.

Abfahrt zum Sørufjorden
Abfahrt zum Sørufjorden

Schließlich geht es auch wieder bergab. Von hier an muss ich mich nur noch bis zum Campingplatz Fjæra herunterrollen lassen. Die Straße führt vorbei an wunderbaren Wasserfällen. Und beitragend zu meiner guten Laune lockert sich die Wolkendecke auf und die Sonne beginnt zu scheinen. Doch der Campingplatz ist trotz meiner guten Laune geschlossen. Es ist schon nach 6 Uhr abends und der nächste ist erst in über 30 km Entfernung. Es bleibt keine andere Möglichkeit. Die Straße am Sørufjorden ist gut ausgebaut. Mitten auf der Strecke gibt es eine Mautstation, ich als Radfahrer darf aber gebührenfrei durch. Ich werde später merken warum...
Die Straße geht immer wieder auf und ab und bietet hin und wieder einen schönen Blick auf den Fjord. Das Dumme ist nur, dass die Sonne so ungünstig steht, dass ihre sich im Wasser reflektierenden Strahlen mir direkt in die Augen blenden.

Dann kommt unvermittelt ein mehrere Kilometer langer Tunnel. Ich umfahre ihn auf einer kleinen Nebenstraße die steil in das unten liegende Fischerdörfchen führt. Von dort unten geht es wieder steil bergauf. Und wie! So sehr, dass ich kaum vorwärts komme. Die Steigung nimmt und nimmt kein Ende. Und hinter jeder Kurve sehe ich nur, dass die Straße weiterhin ansteigt. Der Fjord bleibt immer tiefer unter mir liegen. Es ist verwunderlich wie sich an dem etwa 80° steilen Hang noch Bäume festkrallen können. Ich verzweifle fast wieder dadurch, dass ich kein Ende der Steigung sehe. Irgendwann kommt mir ein Auto entgegen, dass wohl auch irgendwoher kommen muss. Ich bin insgesamt mindestens 2 Stunden damit beschäftigt das Rad berauf zu schieben und es ist einfach kein Ende zu sehen. An einer Stelle verschwindet die Straße kurz in einem Tunnel, führt dann über eine etwa 100 Meter hohe Hängebrücke über eine Schlucht und verschwindet dann wieder in einem kurzen Tunnel. Von der Brücke aus gesehen liegt der Fjord etwa 180 Meter unter mir. Was für eine Höhe!

Brücke überm Fjord
Brücke überm Fjord

Im Sonnenuntergang bietet der Fjord eine wunderbare Kulisse. Doch das alles hilft nicht gegen meine schlechte Laune anzukommen. Selbst die auf der Straße stehenden Schafe scheinen das zu bemerken. Sie setzen sich erst in Bewegung wie ich sie anblicke. Ich muss noch nie so wütend ausgesehen haben. Im Nachhinein wirklich Angsterregend...

Blick auf den Sørufjorden
Blick auf den Sørufjorden

Dann, endlich! Endlich! Endlich! Endlich! Es geht wieder bergab! Ich rolle die Straße bis zum kleinen Ort Kyrping unentwegt bergab. Vom Dorf fahre ich noch ein Stück zur Tankstelle um dort einzukaufen und kurz zu Hause anzurufen. Es ist inzwischen nach 9 Uhr abends.
Dann fahre ich zum Campingplatz, der – wie soll es auch anders sein – ganz unten am Fjord liegt. Das ganze Stück bis zur Tankstelle muss ich morgen wieder hochfahren.
Unten am Campingplatz spreche ich vor der Rezeption auch mit einem älteren Deutschen Paar. Nachdem sie gesehen und gehört haben wie ich hier bin ist der erste Satz der Frau: „Mit DEM Sattel?“.

Idyllischer
Campingplatz
Idyllischer Campingplatz

Als wenn mir das jetzt noch wichtig wäre. Ich suche mir einen wunderbaren Platz am Fjord. Neben einem kleinen Weg der zwischen zwei Felsen durch an einen Steg führt ist noch etwas Platz. Ich stelle das Zelt direkt unter den vom einen Felsen überhängenden Baum und habe einen wunderbar idyllischen Platz. Der Vorteil eines Zeltes, denn ein Caravan hätte hier nicht hin gepasst. Beim Kochen des Abendessens habe ich einen schönen Blick auf die tief am Himmel stehende Sonne. Auch wenn mir die Spargelsuppe überkocht und ungenießbar ist...

Strecke: 564,39 km

Reine Fahrzeit: 37:27

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