Alte
Bekannte
Packroutine:
Nach dem allmorgendlichen
Rhythmus geht es wieder in die Pedale. Es ist die ganze Zeit
stark bewölkt und die Sonne kommt kaum zum Vorschein. Nach dem
kleinen Ort Granvin fahre ich in Richtung Kvanndal. Die
Uferstraße schlängelt sich kurvenreich, mit einigen Auf
und Abstiegen und Tunneln am Granvinfjorden entlang. Sie
ist recht schmal und mäßig befahren.
In Kvanndal möchte ich
die Fähre nach Utne nehmen. Gerade wie ich um eine Kurve fahre
und Kvanndal sehe, sehe ich gerade eine Fähre wegfahren. Pech
gehabt, denke ich mir schon. Doch die andere Fähre nähert sich
bereits aus weiterer Entfernung. Am Fährterminal ist noch
genügend Zeit für ein kleines Mittagessen. Altes Vollkornbrot
mit Vegetarischer Pastete, die mir langsam zum Hals raushängt.
Lecker!
Eine Fahrt auf die andere
Fjordseite nach Utne kostet 35 NOK. Also noch sehr erträglich.
Von Utne führt eine etwa 40km lange Straße nach Odda am
Sørfjorden entlang. Im Gegensatz zu der Europastraße auf der
anderen Seite des Fjorden ist die praktisch kaum befahren. Immer
wenn eine Fähre in Utne anlegt, kommt ein riesiger Schwall von
Autos und qualmenden LKW. Danach ist für lange Zeit wieder Ruhe
und nichts und niemand stört einen beim Radfahren. Westlich der
Straße sind unmengen von Feldern am Berghang, auf denen Äpfel
und anderes Obst wachsen. Einige Zeit später ist auch die
riesige Zunge des Båganut Gletschers zu sehen.
Vor Odda stellt sich mir
ein 1600 Meter langer Tunnel in den Weg, der nicht umfahren
werden kann. So etwas habe ich immer gehofft vermeiden zu
können, doch es bleibt mir keine andere Möglichkeit. Ich ziehe
mir die Regenjacke gegen die Feuchtigkeit im Tunnel über,
vergewissere mit noch einmal kurz, dass auch kein Verkehr kommt
und fahre los. Dieser Tunnel ist wieder einer der unangenehmsten,
besonders dieser. Der Boden ist nass und glitschig, von oben
tropft andauernd kaltes Wasser und die Motoren des
entgegenkommenden Autos hören sich gleich doppelt so laut an wie
sie wirklich sind. So denke ich fast, dass die Autos noch einmal
Gas geben um mich zu überfahren. Aus meiner Fahrtrichtung kommt
zum Glück kein Auto. Stellenweise gibt es im Tunnel kein Licht
und das Licht meiner Fahrradlampe hat kaum Auswirkungen da es auf
dem schwarzen Fels und Asphalt so gut wie gar nicht reflektiert
wird. Nach nicht enden wollender hartnäckiger Konzentration auf
den Lichtpunkt am Tunnel Ende und den hellen Seitenstreifen ist
die Durchfahrt endlich geschafft und ich muss erst mal anhalten.
Eine vollkommen neue
Kulisse bietet sich mir hier. Doch nicht die neuer Landschaften
und Natur. Nein. Die Kulisse einer Industriestadt. Qualmende
Schlote, viele Fabriken, ein dreckiger Hafen und klein versinkend
dazwischen die bunten Holzäuschen. Nicht gerade erhebend...
In der Stadt gibt es
einen steilen Aufstieg zum See Sandvinvatnet. Hier scheint wieder
alles in Ordnung zu sein. Die schreckliche Industriestadt kaum
hinter mir gelassen, habe ich sofort einen wunderbaren Ausblick
auf den riesigen Folgefonn Gletscher.
Nach dem See steigt die
Straße stetig an. Der rauschende Fluss verbreitet unglaublich
feuchte Luft, so dass zur Schweißnässe auch noch diese
dazukommt. Plötzlich sehe ich mitten im Wald ein Schild.
Låtefossen 1,2km steht darauf geschrieben.
Unglaublich! Das mir so etwas aus Zufall passiert! Hier bin ich
erst vor einigen Jahren gewesen und stoße Zufällig auf den
Wasserreichsten Wasserfall Norwegens auf dieser Tour.
Die 1,2 km bis zum
Wasserfall vergehen recht schnell. Die Luft ist durch die die
Felsen hintertösenden Fluten noch feuchter als vorher.
Natürlich sind hier auch Japaner. Doch das alles ist mir recht
egal denn ich sehe: Toiletten!
Meine Freude vergeht aber
wieder schnell da man für die Dinger scheinbar einen Schlüssel
braucht. Also stelle ich mich einfach daneben. Bei so viel Wasser
wie es hier gibt wird das wohl nichts ausmachen...
Ein kleines Stück weiter
im Ort gibt es einen Supermarkt der aber schon um 4 Uhr mittags
geschlossen hat. Von hier geht es noch ein ordentliches Stück
bergauf das ich teilweise mit schwirrenden Fliegen
schieben muss.

Abfahrt zum Sørufjorden
Schließlich geht es auch
wieder bergab. Von hier an muss ich mich nur noch bis zum
Campingplatz Fjæra herunterrollen lassen. Die Straße führt
vorbei an wunderbaren Wasserfällen. Und beitragend zu meiner
guten Laune lockert sich die Wolkendecke auf und die Sonne
beginnt zu scheinen. Doch der Campingplatz ist trotz meiner guten
Laune geschlossen. Es ist schon nach 6 Uhr abends und der
nächste ist erst in über 30 km Entfernung. Es bleibt keine
andere Möglichkeit. Die Straße am Sørufjorden ist gut
ausgebaut. Mitten auf der Strecke gibt es eine Mautstation, ich
als Radfahrer darf aber gebührenfrei durch. Ich werde später
merken warum...
Die Straße geht immer
wieder auf und ab und bietet hin und wieder einen schönen Blick
auf den Fjord. Das Dumme ist nur, dass die Sonne so ungünstig
steht, dass ihre sich im Wasser reflektierenden Strahlen mir
direkt in die Augen blenden.
Dann kommt unvermittelt
ein mehrere Kilometer langer Tunnel. Ich umfahre ihn auf einer
kleinen Nebenstraße die steil in das unten liegende
Fischerdörfchen führt. Von dort unten geht es wieder steil
bergauf. Und wie! So sehr, dass ich kaum vorwärts komme. Die
Steigung nimmt und nimmt kein Ende. Und hinter jeder Kurve sehe
ich nur, dass die Straße weiterhin ansteigt. Der Fjord bleibt
immer tiefer unter mir liegen. Es ist verwunderlich wie sich an
dem etwa 80° steilen Hang noch Bäume festkrallen können. Ich
verzweifle fast wieder dadurch, dass ich kein Ende der Steigung
sehe. Irgendwann kommt mir ein Auto entgegen, dass wohl auch
irgendwoher kommen muss. Ich bin insgesamt mindestens 2 Stunden
damit beschäftigt das Rad berauf zu schieben und es ist einfach
kein Ende zu sehen. An einer Stelle verschwindet die Straße kurz
in einem Tunnel, führt dann über eine etwa 100 Meter hohe
Hängebrücke über eine Schlucht und verschwindet dann wieder in
einem kurzen Tunnel. Von der Brücke aus gesehen liegt der Fjord
etwa 180 Meter unter mir. Was für eine Höhe!

Brücke überm Fjord
Im Sonnenuntergang bietet
der Fjord eine wunderbare Kulisse. Doch das alles hilft nicht
gegen meine schlechte Laune anzukommen. Selbst die auf der
Straße stehenden Schafe scheinen das zu bemerken. Sie setzen
sich erst in Bewegung wie ich sie anblicke. Ich muss noch nie so
wütend ausgesehen haben. Im Nachhinein wirklich Angsterregend...

Blick auf den Sørufjorden
Dann, endlich! Endlich!
Endlich! Endlich! Es geht wieder bergab! Ich rolle die Straße
bis zum kleinen Ort Kyrping unentwegt bergab. Vom Dorf fahre ich
noch ein Stück zur Tankstelle um dort einzukaufen und kurz zu
Hause anzurufen. Es ist inzwischen nach 9 Uhr abends.
Dann fahre ich zum
Campingplatz, der wie soll es auch anders sein ganz
unten am Fjord liegt. Das ganze Stück bis zur Tankstelle muss
ich morgen wieder hochfahren.
Unten am Campingplatz
spreche ich vor der Rezeption auch mit einem älteren Deutschen
Paar. Nachdem sie gesehen und gehört haben wie ich hier bin ist
der erste Satz der Frau: Mit DEM Sattel?.

Idyllischer
Campingplatz
Als wenn mir das jetzt
noch wichtig wäre. Ich suche mir einen wunderbaren Platz am
Fjord. Neben einem kleinen Weg der zwischen zwei Felsen durch an
einen Steg führt ist noch etwas Platz. Ich stelle das Zelt
direkt unter den vom einen Felsen überhängenden Baum und habe
einen wunderbar idyllischen Platz. Der Vorteil eines Zeltes, denn
ein Caravan hätte hier nicht hin gepasst. Beim Kochen des
Abendessens habe ich einen schönen Blick auf die tief am Himmel
stehende Sonne. Auch wenn mir die Spargelsuppe überkocht und
ungenießbar ist...
Strecke: 564,39 km
Reine Fahrzeit: 37:27