Urwald


Die Nacht war wirklich nicht der reinste Tiefschlaf. Um 9.30 Uhr am Morgen soll das Schiff ankommen. Während ich durch den Krach der aufstehenden Leute nicht mehr weiterschlafen kann, schläft der Norwegische Radfahrer – eingerollt in seinen Schlafsack – weiter wie ein Murmeltier. Er wird nicht einmal von der Lautsprecheranlage, deren Stimme mit lieblichen Tönen klassischer Musik hinterlegt ist, wach. So wecke ich ihn einfach.
Er muss heute nur noch 15 Kilometer bis nach Hause fahren, will mir aber den Weg aus der Stadt heraus noch ein Stück zeigen.
Ich sehe mir vom Deck aus vor der Ankunft noch etwas den Oslofjord an. Der Himmel ist größtenteils blau und nur ein paar weiße Wölken bedecken den Himmel.

Am Zoll wird er lächelnd durchgelassen, während der dumme Deutsche noch einmal ausgefragt werden muss. So werde ich offen gefragt ob ich Drogen dabei habe, wie lange ich bleiben will und wohin ich will. Ich mache wohl gerade noch einen seriösen Eindruck obwohl ich nicht weiß, wo mein Ziel ist und beteuere keine Drogen dabei zu haben. Wir fahren eine ziemlich lange Strecke am Hafen entlang. Schon hier stehen für mich viele kleine Auf –und Abstiege bereit. Wie wir uns voneinander verabschieden gibt er mir noch sein Fährticket, auf das er flüchtig Namen, Adresse und E-Mail geschrieben hat. Er heißt Thor Even. Seltsam, dass wir uns bis jetzt nicht mit Namen vorgestellt hatten...

Nun bin ich alleine. Das erste Mal auf dieser Tour. Mit intensivem Studium meiner Landkarte schaffe ich es recht schnell aus der Stadt heraus. Auch das Wechseln von Geld und der Kauf einer Telefonkarte sind kein Problem. Die zu befahrende Hauptstraße, die ich gewählt habe beginnt plötzlich sich ohne Nebenstreifen durch eine schmale Schlucht fortzusetzen. Bei den wie die Säue über die Straßen rasenden Lastwagen erscheint mir eine Weiterfahrt auf dieser Straße viel zu riskant.
Kurz zuvor habe ich ein kleines Schild gesehen, dass den Weg zum nächsten Dorf über eine Nebenstraße anzeigt. Doch hier geht es viel zu steil bergauf. Das kann es nicht sein. Also, wieder zurück. Wie ich dann wieder an der Hauptstraße stehe traue ich mich doch wieder nicht diese weiterzufahren. Irgendwohin muss diese verdammte Nebenstraße doch führen!
Also fahre ich die kleine Straße doch hoch. Sie führt steil bergauf zu einer Müllkippe. Nein, wie idyllisch! Dann geht es noch einmal weiter steil bergauf über einen Schotterweg. Die inzwischen heiß brennende Sonne bringt den Schweiß zu fließen.
Oben angekommen, treffe ich auf ein paar Gehöfte in Wiesen und Wäldern. Dahinter scheint der Weg an einer Wiese zu enden. Aber nein. Der Ort ist immer noch ausgeschildert. Über einen etwa 50 cm breiten Wanderweg, der mitten in das Dickicht des Waldes führt. Woher sollte man auch unten an der Hauptstraße wissen, dass die Ausschilderung nur für Wanderer gedacht war?
Ich weiß nicht woher ich diese Verrücktheit habe, aber ich fahre weiter. Mitten im Wald liegt plötzlich eine umgeknickte Tanne auf dem Weg. Nachdem ich drüber bin sind die Packtaschen deutlich dreckiger und meine Schuhe sind schlammgetränkt. Auf der ganzen Abfahrt liegen mir noch einmal 2 Tannen quer über dem Weg. Ich kann so langsam nicht mehr glauben, dass das nur Zufall sein kann. Ob an dem Märchen mit den Trollen vielleicht doch was dran ist?

Urwald
Tief im Norwegischen "Urwald"

Zwischenzeitlich stehe ich vor einem Gatter, dass sich nicht öffnen lässt. Doch an der Seite ist eine kleine Leiter, über die ich mein bepacktes Rad unmöglich tragen kann. Also, Gepäck ab, mit dem Rad Stück für Stück rüberhieven und dann wieder alles aufpacken. Was für ein Spaß.
Unten am Bach mündet der Wanderweg auf einen Feldweg. Hinter einer Holzbrücke kann ich entweder links oder rechts fahren. Mit Depp kommt rechts offensichtlich wahrscheinlicher vor. Nach fast einer Stunde radeln, wieder absteigen und schieben, wieder aufsteigen usw. ist der Weg nicht mehr als ein Geröllfeld. Letztendlich wird es so extrem, dass ich einige Taschen von Rad nehmen muss, erst sie und dann das Rad ein Stück hoch trage. Arbeit in wahnsinnig kleinen Schritten. Genauer gesagt; eine scheiß schweißtreibende Arbeit! Der Aufstieg will einfach nicht enden und ich kann einfach nicht ausmachen, wo er endlich endet.
An einem Bach frische ich mich erst einmal auf. Die Trinkwasservorräte in meinen Flaschen sind längst aufgebraucht.
Dann müssen auch noch sumpfige Stellen, über die nur glitsche Baumstämme queren, über quert werden. Wahrscheinlich weiß keiner wo ich diese sture Dickköpfigkeit habe die letztendlich gebrochen wird. Nun geht es einfach nicht mehr weiter. Der Weg spaltet sich in einen Wildpfad und ein ausgetrocknetes steil ansteigendes Bachbett. Ich kann es einfach nicht glauben, gehe noch ein Stückchen zur Vergewisserung das Bachbett hinauf und scheitere. Kein Weg weiter.

Wenn ich hier nicht übernachten will bleibt nur noch die Möglichkeit zurückzufahren und die Linksabbiegung zu nehmen. Da bin ich vor etwa zwei Stunden gewesen.
Auf der nicht enden wollenden Abfahrt wundere ich mich wirklich, dass die Felgen kleine bleibenden Schäden abbekommen. Und das bei einer Strecke die nicht einmal für normale MTB’s geeignet sein sollte.

Und wie soll es auch anders sein? Diese Strecke führt mich direkt wieder auf zur Hauptstraße. Zu einer Stelle die ein Stückchen höher gelegen ist, als die wo ich sie verlassen habe. Und hier gibt es auch schon wieder einen Seitenstreifen. Grummel...

Tyrifjorden
Tyrifjorden

Diese Straße, die E16, führt nun ständig leicht bergauf. Bis sich am höchsten Punkt ein wunderbarer Ausblick auf den See Tyrifjordem bietet. Am See entlang geht’s weiter in Richtung Hønefoss. Die Strecke zieht sich sehr in die Länge. Besonders ärgerlich ist, dass Radfahrer grundsätzlich über Abstiege die abkürzenden Tunnel umfahren müssen. Ein erster Eindruck von den norwegischen Verkehrsverhältnissen ist entstanden. Noch vor Hønefoss bin ich so fertig mit den Nerven, dass ich gleich den ersten Campingplatz aufsuche. Eine Nacht kostet zum Glück nur 60 NOK, also etwa 15 DM. Zwischendurch habe ich eingekauft und kann mir so ein schönes Abendessen gönnen.
Eine andere Geschichte: Das Handy scheint sich bis jetzt nur als Ballast bewiesen zu haben. Es hat nicht einmal funktioniert, wie ich mich während der Fahrt direkt vor einen Telenor – Sendemast gestellt habe. So viel zu E-plus. Ich will es aber trotzdem versuchen und lasse mir den Akku von der freundlichen Dame an der Rezeption aufladen.

 

Strecke: 66,9 km

Reine Fahrzeit: 5h:43min

Vorheriger Tag | Übersicht | Nächster Tag