Aufbruch


Nun ist es soweit!
Nach der Ankunft am Kieler Hauptbahnhof stehe ich nach einiger Zeit vor dem Fährterminal der Color Line, bin schnell 400,- DM ärmer und reihe mich bei den Motorrädern und Fahrrädern ein.
Immerhin sind schon zwei Reiseradler dabei. Schade, ich hätte mehr erwartet.
Mit dem neben mir stehenden Norweger komme ich nach einiger Zeit ins Gespräch. Er kann recht gut Deutsch, was sich darauf zurückführen lässt, dass er einmal zwei Jahre auf Mallorca gelebt hat. Dann ist’s auch kein Wunder...

Er hat eine 5-wöchige Radtour von Oslo durch Schweden, Polen, die Slowakei und Tschechien gemacht und ist nun wieder auf dem Rückweg. Dabei stellt sich heraus, dass wir vor einer Woche in Prag offensichtlich nur um ein paar hundert Meter aneinander vorbeigelaufen sein müssen. Die Welt ist klein...
Dann endlich dürfen wir in den Schiffsrumpf einfahren. Die Fähre ist riesig und ich muss erst einmal meinen gebuchten Liegestuhl finden. Hektisches Treiben herrscht in den Korridoren und Kabinen. Die Fähre ist heute nahezu ausgebucht. Ich bin der glückliche, der noch den letztmöglichen Liegeplatz buchen konnte.
Auf dem Schiffdeck treffe ich wieder auf den Norweger. Meine Stimmung ist heute ziemlich gedrückt. Es ist, obwohl es Sommer sein sollte – windig, kalt und der Himmel ist von grauen Wolken bedeckt. Außerdem sollten 3 Wochen von zu Hause weg nichts ungewöhnliches für mich sein. Heute ist das irgendwie anders, da mir auf der Fähre bewusst wird, dass zwischen dem gemütlichen zu Hause und mir ein Meer liegen wird. Da besteht keine Möglichkeit im Notfall mal schnell wieder mit Bus und Bahn nach Hause zu fahren. Dazu kommt noch die Freude des Norwegers am nächsten morgen wieder zu Hause sein zu können. Fünf Wochen wären genug für ihn gewesen. Jetzt braucht er erst einmal wieder das Gefühl etwas produktives zu machen, wie er sagt. So denke ich jetzt schon daran, wie es wohl sein muss wenn ich wieder auf dem Heimweg bin – obwohl es bis dahin noch drei Wochen sind.

Wir reden viel über Norwegen, Deutschland, Politik und viele andere Themen. Wie auch darüber wer in Skandinavien Witze über wen macht. So wie wir uns über Ostfriesen oder Sachsen lustig machen, witzeln die Schweden über die Norweger, die Norweger über die Dänen und die Dänen wiederum über die Schweden. Und die Finnen; na ja, die wären eigentlich keine „richtigen“ Skandinavier. Eher schon die Isländer. Aha...
Ein anderes Gesprächsthema sind die Preise in den verschiedenen Ländern. Was wird er wohl für Freudensprünge über die Preise in Osteuropa gemacht haben? Das extremste Beispiel ist ja bekanntlich der Alkohol. So kostet das billigste Bier in Norwegen etwa das 80-fache (!) von dem in Tschechien...
Wo wir schon davon reden. Auf dem Deck wird es langsam zu kühl und wir setzen uns in das Restaurant wo er mir ein Essen spendiert. Er müsse seine letzten 100 Mark noch ausgeben. Das könnte ich mir kaum leisten!
Während ich versuche im Liegestuhl zu schlafen, geht er ins Schiffskino.


Sonnenuntergang über der Ostsee

Wir sehen uns später auf dem Deck wieder und gehen in die Cocktailbar, wo er mir noch einen Kakao spendiert.
Die See wird langsam immer rauer. Ich werde heute Nacht bestimmt nicht gut schlafen können.Nach 12 Uhr sagen wir uns gute Nacht und gehen schlafen.

Im Dunkeln taste ich mich durch den Schlafraum zu meinem Sitz. Bedacht darauf, dass auch auf keine der auf dem Boden schlafenden Personen trete. Und dann hat mir auch noch so ein Drecksack die Wolldecke vom Sitz genommen! Toll, echt toll! So darf ich mich mit meiner Regenjacke begnügen...


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