Tag 5: Lluc - Valldemossa

Der Wecker klingelt um 7. Es ist noch dunkel. Außerdem bin ich zu müde. Ich stelle ihn nach auf 7.40 Uhr. Letztendlich krieche ich um kurz nach acht aus dem Schlafsack. Es ist feuchtkalt. Meine Blase platzt fast. Der erste Gang führt zur Toilette. Wenn nicht nur auch noch diese riesige Pfütze dazwischenliegen und mir den Weg verlängern würde. Erst das Frühstück macht mich etwas aktiver. Schoko-Müsli. Der verschlafene Blick bleibt wie jeden Morgen desinteressiert auf der Verpackung kleben:

"Fabricado en la RFA por Peter Kölln, Köllnflockenwerke, D-25333 Elmshorn"

Hmpf, dass ich mir hier in Spanien auch noch Müsli kaufen musste, was nur 8 km von zu Hause entfernt hergestellt wurde...
Beim Einpacken werden die Finger eiskalt. Die Sonne hat gerade erst die ersten Berggipfel erreicht. Es ist das erste Mal, dass ich mir auf dieser Tour Handschuhe wünsche - die ich natürlich nicht mitgenommen habe. Das Gebirgsklima hat es um diese Jahreszeit schon in sich.
Um halb zehn fahre ich endlich los. Nach der kurzen Abfahrt, die ich gestern Abend noch genießen durfte, folgt nun ein deftiger Anstieg. Ein langer Anstieg. Nach einer halben Stunde sehe ich das Kloster Lluc aus gut 200 Metern Höhe unten im Talkessel liegen. Es geht weiter bergauf.


Das Wetter ist herrlich und es beginnt ein richtig schöner Sonnentag. Bei der Abzweigung nach sa Cobra fahre ich mit Freude noch den Pass dort rauf, nur um mal eben einen Blick auf das Meer und die andere Seite des Berges zu werfen. Es lohnt sich auf jeden Fall. Und außerdem kann ich das Ganze ja auch wieder in rasantem Tempo bergab fahren.
Hinter einem Tunnel treffe ich auf den Stausee Gorg Blau. Hier kommen mir recht viele Rennradler entgegen, von denen mir einige fröhlich zujubeln. Ob die jetzt zu irgendeinem berühmten Team gehören - keine Ahnung - so was kann ich nicht entziffern. Dafür habe ich zuwenig Ahnung.
Das Wasser vom Stausee hier wird hoch in den Stausee Cúber gepumpt. Dort muss ich auch hin. Nach einem recht langen Anstieg habe ich auch das geschafft.


Mit Aussicht auf den Cúber geht es weiter bergauf. Auf einer Wiese stehen einige Esel, die mir recht fotogen erscheinen. Außerdem ist hier eine Leiter über den Zaun montiert; wie beim Streichelzoo. Also schwinge ich mich gleich rüber. Doch für ein schönes Foto muss ich mich gar nicht annähern. Die Mulis scheinen mehr Interesse an mir gefunden zu haben, als ich an ihnen. Und mit Aussicht auf Futter werden auch diese Viecher recht schnell. Irgendwie sind die größer, als ich dachte. Ahhhh!... Nichts wie zurück über den Zaun! Von hier geben sie auch ganz nette Motive ab. Jedoch sind sie nicht sehr interessiert an meinen Haselnüssen. Die Herren Esel sind wohl besseres gewöhnt von der Hauptsaison, eh? Verwöhnte Snobs!

An einer Zona Militar vorbei sind es von hier nur noch wenige Höhenmeter zum letzten Tunnel und höchsten Punkt des Passes. Und auf der anderen Seite wartet das "Paradies" auf mich.
Von hier hat man eine grandiose Aussicht bis runter nach Sóller und noch viel weiter. Es gibt nirgends ein Schild, dass die Höhe angibt. Auch auf Karten sind diese nicht verzeichnet. Später erfahre ich, dass dieser Pass ca. 850 Meter hoch sein muss. Von nun an gilt es alle in den letzten 24 Stunden erklommenen Höhenmeter wieder abzubauen. Ich genieße es unheimlich, fast 30 Minuten lang ununterbrochen mit 40 km/h die Straße hinabzurauschen. Kurve um Kurve, rein in die Bremsen, Gas geben...
Unten in Sóller hat der Spaß dann ein Ende. Plötzlich riecht die Luft stark nach Abgasen, überall ist wieder der nervtötende Lärm der kleinen Mopeds und Roller und es wird schweißtreibend warm unter meiner Jacke. Der Unterschied zwischen der stillen Bergwelt und dem hier ist umwerfend.

In einer Zeitschrift habe ich einen Artikel gelesen, wo die Autorin nur so von Puerto de Sóller schwärmte. Einer der Gründe, warum ich überhaupt nach Mallorca geflogen bin. Doch in Realität empfinde ich den Ort als Enttäuschung. Überall wird gebaut und überall sind Hotels, Touristencafés und Parkplätze.
Hier hält es mich nicht lange und nach einer kurzen Pause fahre ich zurück nach Sóller, um von dort wieder auf die Küstenstraße zu kommen. Es geht wieder bergauf. Die Küstenstraße muss erst über einen Gebirgszug, bevor sie wirklich an der Küste verläuft und dort immer noch weiter steigt. Dann zwischen Straße und Meer muss scheinbar genügend Platz für die Fincas und Villen der Einwanderer sein. Alles in allem frage ich mich jetzt schon länger, was so viele Deutsche dazu bewegt, sich hier anzusiedeln. Die Insel ist klimatisch und Landschaftlich toll - das ist klar. Doch mit der Zeit wirken die Fincas auf mich alle gleich. Meistens stehen irgendwo Steine, Zementsäcke und Paletten und daneben ein Haufen Bauschutt. Ob die Palmen diese Zumüllung wieder wettmachen, wage ich zu bezweifeln. Und um jede Finca ist der Zaun grundsätzlich so weit gezogen, bis er an den nächsten stößt. Da bleibt nicht viel Platz für Campen und unberührte Natur. Außerdem ist so ziemlich jeder nicht in der Karte verzeichnete Weg - und das sind bestimmt 90% - mit einem Schild folgenden Inhalts versehen: "Coto Privado de Caza". Was soviel heißt wie Privat und Eintritt verboten. Waldwege und Feldwege gibt es also praktisch nicht. Und das verlangt dem landschaftlichen Reiz dieser Insel viel ab.

Nach einem langen Anstieg geht es bei Deià wieder ein Stückchen bergab. Und danach geht es wieder bergauf. Nur bergauf. Was anderes gibt es gar nicht mehr. Von einer Küstenstraße kann gar nicht mehr die Rede sein. Die Küste ist immer tiefer rechts unten. Meine Kräfte sind sicher noch ausreichend, doch es beginnt sich langsam alles zu versteifen und besonders der Hintern beschwert sich inzwischen mit spürbaren Schmerzen. In diesem Zustand erreiche ich nach einer Ewigkeit endlich Valldemossa.
In Valldemossa fahre ich spontan die Touristeninformation an und frage nach einem Campingplatz. Darüber hätten sie keine Informationen. Ich wäre zwar bereit gewesen heute wild zu campen, doch nachdem ich einen Einblick in die territorialen Verhältnisse hier an der Küste bekommen habe, kann ich darauf auch gerne verzichten. Außerdem bin ich von der schwierigen Etappe heute vollkommen durchgeschwitzt.
Also frage ich nach einem billigen Hostal. Ja, da gäbe es eines für 23 Euro die Nacht und mit Frühstück. Ich freue mich darüber, dass es so "billig" ist und mache mich sofort auf den Weg dorthin. Etwas verblüfft stehe ich kurze Zeit später in der Eingangshalle. Es ist für meine Verhältnisse ziemlich feudal eingerichtet. Ich gehe noch einmal nach draußen und vergewissere mich, dass das auch wirklich das Hostal ist. Es ist das Hostal. Die Übernachtung kostet in Wirklichkeit zwar 27 Euro, doch damit kann ich leben.
Heute Abend lasse ich mal so richtig den reichen Urlauber raus. So gehe ich, nachdem ich mich geduscht habe und wieder einigermaßen menschlich aussehe, sogar für 12 Euro in einem Restaurant essen und lasse tatsächlich ein wenig Trinkgeld springen. Immerhin war die leckere Tortilla Espaņola meine erste warme Mahlzeit seitdem ich hier bin.
Während ich das schreibe, liege ich hier im Hostal auf meinem Bett und habe einen wunderbaren Ausblick auf Palma und s'Arenal - gerade mal 18 km entfernt von hier. Palma wird mein Ziel für morgen sein, doch vorher werde ich noch den Südwesten der Insel befahren um den letzten Tag meiner Radreise auf Mallorca richtig zu genießen. Hoffentlich wird das Wetter auch morgen so schön sein wie heute. Danach werde ich mich von Palma überraschen lassen.

Heute gefahren:
66,20 km
Gesamt: 265,94 km


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