Tag 4: Port d'Alcúdia - Lluc

die Sonne scheint. Ob das auch für mich gilt, wird sich herausstellen. Gleich nach der Dusche... nun ja, das wäre falsch gesagt. Das Wasser ist nämlich zum Duschen viel zu kalt. Also gleich nach dem Zähneputzen rufe ich bei meiner Sparkasse in Deutschland an. Erst einmal werde ich zweimal durchgestellt, dann zeigt man sich ziemlich ratlos. Eigentlich hatte ich gehofft, dass für solche Fälle eine Notfalllösung vorgesehen ist. Doch man versucht mir so gut es geht zu helfen. Ganz im Gegensatz zu der "Hilfe", die ich vor Jahren von der Volksbank erhalten durfte, wo man mich über das Telefon schon beschimpft hatte für eine Überweisung, die sie nicht getätigt hatten. Aber das ist eine andere Geschichte.
Man entschließt sich letztendlich mir eine Blitzüberweisung mit Western Union Money Transfer zu schicken. Für 150 EUR kostet das natürlich auch etwas: 19 EUR. Und nun muss ich auch noch eine Bank finden, die Western Union unterstützt. Erst einmal gehe ich zu dieser Mistbank, die gestern meine Karte eingezogen hat. Man holt die Karte vor meinen Augen aus dem Automaten. Aaaaber... soweit waren wir ja noch nicht! Aushändigen will man sie mir nicht, wie mir der Angestellte in brüchigem Deutsch erklärt. "Ich weiß nicht warum, aber wir müssen die Karte an Ihre Bank schicken". Ist mir jetzt auch scheißegal. Sollen sie doch damit machen, was sie wollen - solange ich sie wiederbekomme. Als einzige "Bank" in der Umgebung für Western Union stellt sich die 2 km entfernte Post in Alcúdia heraus. Also weise ich meine Bank, nach Absprache mit der Post, an das Geld zu überweisen. Bis ich das Geld bekomme, müssen aber noch mindestens zwei Stunden ins Land gehen.


Ich packe meine Sachen im Hostal zusammen und mache mich daran, mit dem bepackten Fahrrad Alcúdia zu erkunden. Ich habe tatsächlich noch 5 EUR im Portemonnaie gefunden, von denen ich noch ein kleines Frühstück einkaufe und es gemütlich auf einer Parkbank mit Blick auf den Wochenmarkt verzehre.
Als die zwei Stunden vergangen sind, mache ich mich wieder auf den Weg zur Post. Die ist natürlich gerammelt voll und durch mich stauen sich die Kunden noch mehr, was einige Beunruhigung auslöst. Und erst passt es dem Beamten nicht, dass ich meine Bank als Absender angegeben habe, dann möchte er die Unterschrift bitte genauso wie in meinem Ausweis haben. Letztendlich wird der Druck auf ihn dann doch zu groß und er drückt mir die 150 EUR unverhofft in die Hände. 150 Euro! Juchhu! Ich bin gerettet!
Und es kann weitergehen! Endlich! Zuerst folge ich der PM 222 nach Puerto de Pollença.


Der besondere Reiz dieser Straße liegt darin, dass sie direkt an der Brandung der Bucht von Pollença verläuft. Zwei Löschflugzeuge der spanischen Armee kreisen tief über der Bucht und unternehmen immer wieder Starts und Landungen auf dem Wasser.
Puerto de Pollença ist wieder ein Ort in der Hand der Touristen mit streng zum Wasser ausgerichteten Hotels. Hier versuche ich endlich einmal eine vernünftige Karte von Mallorca zu bekommen. In den Shops an der Strandpromenade ist leider nichts vernünftiges zu bekommen. Es gibt nur Touristenkarten mit bunten Illustrationen. Das reicht gerade einmal für einen Tagesausflug mit dem Cabrio. Sogar bei der Touristeninformation bekomme ich eine etwas bessere Karte - umsonst. So werde ich mich erst einmal damit begnügen müssen.




Nun möchte ich weiter zum Cap de Formentor, dem nördlichsten Punkt der Insel. Die Straße dorthin kann man schon vom Ort aus gut sehen. Sie schlängelt sich nämlich gleich am erstbesten Berg nach oben. Nun fängt es an mit dem Gebirge! Während der Auffahrt kann ich von hier oben den Betrieb auf dem Aeródromo Militar beobachten. Eines der Löschflugzeuge fährt gerade unter dem starken dröhnen der Propeller in die Hafeneinfahrt, wird dann zum Amphibienfahrzeug und rollt über eine Rampe an Land. Es scheint eine Übung zu sein, denn die Piloten wiederholen dieses Manöver heute bis zum Erbrechen. Kurze Zeit später rollt das Flugzeug wieder den Steg hinab und platscht ins Wasser um zu einem weiteren Start anzusetzen.
Mein "Steigflug" verläuft nicht ganz so schnell. Langsam aber sicher fahre ich immer weiter nach oben bis ich schließlich das Ende des Anstieges mit seinem Aussichtspunkt erreicht habe. Hier halten auch einige Tourenbusse und - wie überall sonst auch - steigen massenhaft Rentner aus. Jüngere Touristen gibt es auf Mallorca um diese Jahreszeit scheinbar kaum.
Von dem Aussichtspunkt bietet sich ein fantastischer Blick von den Klippen über die tief unten tosende Brandung. Helgoland ist nichts dagegen. Wow...

Nun muss ich wieder 5 Minuten zum Planen einlegen. Wie soll ich heute weiterfahren? Das Cap de Formentor würde ich heute sicher noch erreichen und problemlos zurückkehren können. Doch mein gestecktes Ziel, ein auf der Karte eingezeichneter Campingplatz in den Bergen, würde ich dann wohl nicht mehr erreichen können. Auf dem Weg nach Cap de Formentor würde ich noch einmal auf Meereshöhe hinabdüsen, müsste dann wieder ein paar hundert Höhenmeter bewältigen und würde wieder bergab düsen. Das Ganze müsste ich dann natürlich auch zurück machen. Es hat keinen Sinn. Ich erspare mir das für heute und mache mich auf den Rückweg nach Puerto de Pollença.
Gerade noch in den Bergen, befinde ich mich kurze Zeit später wieder am Strand und muss die Jacke sofort wieder ausziehen.



Von Puerto de Pollença fahre ich weiter nach Pollença im Landesinneren. Die Stadt bietet nicht viel. Wie die meisten anderen Orte im Innland, ist auch sie fast ausgestorben. Die kulturellen Sehenswürdigkeiten, wie die Burg, die ursprünglichen Gassen und eine römische Brücke kommen als touristische Anzugspunkte wohl einfach nicht gegen Strand und Meer an.
Hinter Pollença führt die C-710 in ein grünes Tal und nach etwa 6 km beginnt der Anstieg in das richtige Gebirge. Ein langer, langer Anstieg, an dem ich mich über Stunden bergauf kämpfe, ist zu bewältigen. Die Landschaft wird umso grandioser und von ganz oben kann ich auch wieder die Westküste sehen.

Es war eine sehr gute Entscheidung nicht zum Cap de Formentor zu fahren. Erst kurz vor der Dämmerung erreiche ich das Kloster von Lluc. Ein Mann, scheinbar der Förster hier, lässt mich wissen, dass ich für das Campen vom Kloster eine Erlaubnis holen müsste. "But", so lässt er mich wissen, "it's very basically". "No problem" antworte ich mit französischer Betonung. Also irgendwas geht hier jetzt total durcheinander...
Im Kloster ist gerade der letzte Reiseleiter noch dabei seine Rentner und Japaner aus dem Souvenirshop zurück in den Bus zu scheuchen. Ich trete in das riesige Gebäude ein erkundige mich an der "Rezeption" nach der Campingerlaubnis. Interessehalber frage ich noch, was ein Zimmer kostet; von dem ich etwas geschrieben sehe.
"Veintiocho euros con baño completo" lässt sie mich kurz und knapp wissen. 28 Euro sind mir dann doch etwas zuviel. Doch für die "permission to camp" muss ich auch noch 6 Euro abdrücken.

Und der Campingplatz ist dann noch gar nicht so einfach gefunden. Ich muss erst zwei Leute fragen, bis ich ihn finde bzw. als das erkenne: Eine verdreckte Wiese mit Unmengen an Feuerstellen darauf. Der Eingang ist verschlossen und ich muss mein Fahrrad über den verbogenen Maschendrahtzaun hieven. Hinter der Wiese befinden sich im Wald noch mehr Campingmöglichkeiten mit Feuerstellen. Doch alles ist verdreckt und der Platz scheint seit der letzten Schlammflug nicht mehr aufgeräumt worden zu sein. Auf dem Müllcontainer belehrt mich eine Aufschrift in Catalán: "Reciclar es molt important" - Recycling ist sehr wichtig. Der ganze Campingplatz hier hätte mal ein Recycling bitter nötig. Von den Besitzern scheint hier lange niemand mehr gewesen zu sein. Wenigstens knipst irgendjemand eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit das Halogenlicht an. Ach ja, zu den Toiletten muss ich wohl nicht mehr viel sagen... Wenigstens hat man beim Pinkeln durch das vergitterte Fenster einen schönen Ausblick auf die Bergwelt mit ein wenig Gefängnisromantik.

Das Entfachen eines Feuerchens will mir nicht mal mit einer halben Rolle Klopapier gelingen. Das Holz ist einfach zu feucht. Zur Not müssen für das Abendessen eine halbe Baguette-Stange mit fast einem kompletten Camembert, plus Schokolade, plus ungesalzene Haselnüsse, plus Chips herhalten...
Etwa zwei Stunden nach dem Einschlafen wache ich in meiner eigenen Sabber wieder auf. Wie ich so was hasse!
Doch geweckt hat mich scheinbar etwas anderes. Ein Urschrei geht durch den Wald. Auf dem ganzen Platz stehen nur zwei weitere Zelte mit seltsamen Gestalten darin und ausgerechnet zwei Camper beginnen irgendwann sich mit synchronem Gegröle zu einer Fußball Live-Übertragung im Radio vollaufen zu lassen. Ok, ich bin früh schlafen gegangen, dann soll ich den Spinnern doch ihre 90 Minuten gönnen. Ein schöner Gedanke, doch Schluss ist damit nicht. Ich drehe fast durch! Und es erscheint mir sinnlos, diese besoffenen Fußballfans zur Ruhe zu bewegen. Zweimal stecke ich mir nasse Taschentuchfetzen als Ohropax in die Ohren. Die ersten sind nach einer Weile so tief in den Ohren, dass ich sie mit Werkzeug wieder entfernen muss.
Gegen zwölf kommen noch mehr Leute zum mitfeiern und das Gegröle nimmt kein Ende.
Ich drehe durch! Ich drehe durch! Ich drehe durch!
Ich habe nur noch Gedanken, die nach Rache dürsten. Wenn ich doch nur so sein könnte, wie der Mörder in Scream oder die Blair Witch-Hexe. Huuhuahahahaharrrrrrrrrrrrrrrrr...

Heute gefahren:
60,33 km
Gesamt: 199,74 km


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