Tag 2: Aeropuerto de Palma de Mallorca - Colònia de Sant Pere

Gut geschlafen habe ich nicht gerade. Als um 4.30 Uhr der Wecker klingelt, bin ich schon seit fast einer halben Stunde wach. Zum Frühstück bringe ich kaum etwas runter. Die Magen-Darm-Grippe aus den letzten Tagen macht sich noch bemerkbar. Ich hoffe, dass ich die wenigstens soweit überstanden habe.
Mit einem kleinen geliehenen KIA bringt mich Frank in rasender Geschwindigkeit über die leeren Straßen zum Flughafen. Der Flughafen ist schon recht voll. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Weg zum Check-In und weiter in den Wartesaal. Wenigstens machen die anderen Passagiere auf mich keinen "Ballermann-Eindruck". Vielleicht bin ich einfach zu sehr von Vorurteilen belastet oder es liegt daran, dass keine Hauptsaison ist.


Über den Flug selbst gibt es nichts Außergewöhnliches zu berichten. Wir starten noch in der Dunkelheit, es gibt einige recht starke Turbulenzen, die den Flug verlängern und ich bekomme mein vegetarisches Essen nicht. Erst beim Anflug auf Mallorca lockert sich die dichte Wolkendecke etwas auf und gestattet einen kleinen Blick auf die schroffen Gebirgszüge und Küsten. Der Gebirgszug im Westen der Insel ist größer als ich erwartet hätte und ich bin schon gespannt, wie die Landschaft erst von unten aussehen wird.
Meine erste Tätigkeit am Flughafen ist der Gang zur Toilette. Hoffentlich, hoffentlich sind das die letzten Atemzüge der abklingenden Grippe. Als ich am Gepäckband ankomme, nimmt gerade ein Flughafenangestellter mein Fahrrad vom Gepäckband. Aus irgendeinem Grund ist es klatschnass. Ich bedanke mich und überprüfe sofort die Funktion der Hydraulikbremsen usw. Alles funktioniert noch. Uff!


Bis ich das Fahrrad endlich bepackt habe, stehe ich alleine in der großen Ankunftshalle und komme mir schon etwas verloren vor. Alle anderen wurden bereits von Taxis und Transfer-Bussen abgeholt, während ich meinen Weg alleine finden muss. Es gibt keine Passkontrolle oder ähnliches und schnell bin ich draußen.
Wow! Es ist richtig schön mild und der mediterrane Duft strömt einem sofort in die Nase. Schnell ziehe ich die Jacke aus und später auch die unteren Hosenbeine der Zip-Off Hose. Es kann losgehen!
Von den Terminals aus gibt es sogar eine Beschilderung für Fahrräder! Doch trotzdem muss ich an der nächsten Tankstelle erst einmal nach einer vernünftigen Landkarte fragen. Der Tankwart kann mir leider nur eine sehr schlechte Touristenkarte anbieten. Ich lehne dankend ab.
Das ist meine erste Konversation auf Spanisch seit Langem. Ich bemerke, dass mein "Castellano" ganz schön eingerostet ist. Ein Grund mehr, hier meine freien Tage zu verbringen.
Schon kurz hinter dem Flughafen verfahre ich mich das erste Mal und muss irgendwie mit meiner schlecht aufgelösten Karte aus Deutschland klarkommen. Die Straße führt mich nach Palma, dass ich mir eigentlich für das "Finale" aufbewahren wollte. Also mache ich das Beste draus und umfahre den Flughafen in einem Halbkreis in Richtung Osten. Über die stark befahrene C715 geht es weiter. Dabei passiere ich schon viele Orte, die gar nicht auf meiner Landkarte verzeichnet sind. Und ich bemerke schnell, wie gebirgig Mallorca auch im Innland ist. Es geht viel auf und ab, wobei ich sicher so einige hundert Höhemeter sammle.
Vor Algaida verlasse ich die C715 endlich und folge einer kleinen Landstraße nach Randa. In Randa verzichte ich doch darauf wie geplant den 548 Meter hohen Berg zum Kloster raufzufahren. Ich bin heute noch nicht sonderlich fit und irgendwo meine dann auch ich mir mal Grenzen setzen zu müssen. Von Randa fahre ich weiter nach Montuïri. Die kleinen Dörfer hier im Inselinneren haben viele kleine Gassen, deren Steigungen sich sehen lassen können. In Montuïri treffe ich zufällig auf einen kleinen Laden, der heute geöffnet hat. Freudig decke ich mich erst mal mit reichlich zu trinken ein - unwissend, dass heute noch genug vom Himmel kommen wird.
Im Süden ist schon eine ganze Weile lang eine dunkle Wolkenfront zu erkennen, die sich aber nur langsam nähert. Hinter Sant Joan holt sie mich endlich ein und es beginnt stärker und stärker zu regnen. Da der Regen recht warm ist, verzichte ich erst mal auf meine Regenhose. Ein dummer Fehler, wie sich später herausstellen wird. Hinter dem Dorf Petra kommen Sturmböen dazu und beides zusammen führt dazu, dass ich kaum vorwärts komme. Die Böhen drücken mich immer wieder auf die Straße und peitschen mit schmerzhaft den Kies von der neben der Straße verlaufenden Baustelle ins Gesicht. Hier bleiben kann ich nicht, vorwärtskommen ist aber auch kaum möglich.
In Manacor ist der Spuk endlich vorbei. Ich bin klatschnass und das Wasser steht mir in den Schuhen. Dass sie wasserdicht sind, hilft mir jetzt auch nicht mehr viel weiter.

Bis jetzt weiß ich noch nicht, wo ich heute übernachten kann. Daher suche ich hier in der Stadt erst mal nach einer Touristeninformation. Wie so oft, habe ich auch hier das Gefühl: Gut ausgeschildert sind die Touristeninformationen in Spanien ja, was aber noch nicht heißt, dass man sie damit auch finden soll. Ein alter Mann kann mir zwar erklären, wo sie ist, er lässt mich aber gleich wissen, dass sie heute geschlossen ist. Sonntag.
Nun, ich wollte zwar weiter zur Ostküste fahren, doch der einzige Campingplatz auf meiner Karte ist in nördlicher Richtung bei Colònia de Sant Pere zu sehen. Also folge ich der dorthin verlaufenden Landstraße mit der komplizierten Bezeichnung PMV-332-2. Hier entdecke ich das erste Mal eine Gegend, die nicht allzu stark zersiedelt ist. Es gibt "nur" noch Fincas in etwa 500 Metern Entfernung zueinander.


Die vielen Anstiege machen mir zu schaffen und irgendwann scheint mir dann noch die Sonne auf den Kopf. Sonne... jetzt fängt wieder diese abgestumpfte Fahrerei an, bei der der Kopf überhitzt wird und man nur noch dumpf durch die schöne Landschaft fährt. Bei diesem negativen Denken bemerke ich gar nicht, wie meine Wahrnehmung durch den andauernden Regen schon abgestumpft ist und die Sonne bewirkt letztendlich das Gegenteil. Plötzlich entdecke ich um mich herum eine hell erleuchtete Landschaft in tollen Farben. Sofort ziehe ich den Fotoapparat aus der Tasche. Ich kann es gar nicht fassen wie sehr sich die Landschaft hier durch so ein bisschen Sonnenschein verändern kann.
So macht die Weiterfahrt nach Colònia gleich doppelt Spaß. Über die Hauptstraße nach Capdepera ziehen riesige Vogelschwärme von Feld zu Feld und machen einen Höllenlärm dabei. Bei Colònia kann ich mein Glück kaum fassen. Es ist tatsächlich eine "Cala de los Camping", eine Campingbucht, ausgeschildert! Doch die Ausschilderung verläuft dann leider im Leeren und endet an einem algenüberwucherten Strand. Das kann es nicht sein und ich suche weiter. An einem anderen Strand treffe ich auf einen Kleinbus mit Surfbrettern. Darin ist ein junger Mann mit langen blonden Haaren, der gerade den Gang der Wellen mit seiner im Auto montierten Videokamera filmt.
"¿Perdon?"
Leicht erschrocken kommt er aus dem Wagen: "Challo!"
"Deutsch?", frage ich verwundert.
"Nein, aber ein bisschen."
"Die Campingbucht, yo busco la cala de los camping."
In einem ziemlich guten, skandinavisch angehauchten, Deutsch erklärt er mir, dass die Campingbucht geschlossen ist. "Aber Du kannst auch da vorne schlafen, da ist schon ruhig und storen tut da auch keiner."
Stimmt. Ein paar Meter weiter ist wirklich ein schönes Stückchen Strand. Zwar etwas vermüllt, aber für den Zweck wunderbar. Ich bedanke mich für den Tipp (oder eher: die Motivation) und mache mich daran das Zelt aufzubauen. Das Kochen mit dem feuchten Holz gelingt mir zwar nicht, aber dafür habe ich einen wunderschönen Ausblick auf die Bucht mit ihrem blauen Wasser.

Heute gefahren:
88,31 km
Gesamt: 105,45 km


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