Tag 3: Höxter - Herzhausen am Edersee

Anstatt Duschmarken wurden mir nur noch alte DM-Stücke in die Hand gedrückt. Was gestern einer meiner Radlerkollegen mit den Worten "Es wundert mich, dass man bei diesen Duschen keine Reichsmarkstücke mehr einwerfen muss" ausgedrückt hat, bekomme ich heute Morgen zu spüren. Solange man ein wenig Feingefühl für den Warmwasserhahn behält, klappt's noch.
Das Duschen hätte ich mir sparen können. Bei der Abfahrt beginnt es zu regnen. Vorbei das gute Wetter von gestern.
Der Ort Höxter ähnelt schon sehr den kleinen Städtchen im Sauerland, viele Fachwerkhäuser und große Kirchen. Ich kaufe mir die lang ersehnte Fahrradkarte und fahre weiter auf dem Weserradweg. Der Fahrradverkehr hat sich heute fast nur noch auf Gruppen von Reiseradlern reduziert, die mir winkend und grüßend entgegenkommen. Scheinbar bin ich mit meinem vielen Gepäck doch immer noch mit Abstand der größte Exot.
Neben dem Atomkraftwerk Würgassen verlasse ich sie Weser nach Süden hin. Heute gibt es mal wieder einen Flugplatz zu fotografieren. Doch der Flugplatz Hölleberg macht seinem Namen alle Ehre. In einer sehr langen Auffahrt bewege ich mich langsam über die Grenze ins Hessenland vor. Nach langem Treten komme ich endlich am Flugplatz, dem selbstverständlich höchsten Punkt der Umgebung, an. Gleich nach meiner Ankunft läuft mir der Fluglotse über den Weg. Er hilft mir sehr gerne und lässt mich auf dem gesamten Flugplatz fotografieren. Verkehr scheint es heute sowieso keinen zu geben. Viele Fotos später und nach einem ausgedehnten Klönschnack (was immer das auf Hessisch heißen mag) mache ich mich wieder auf den Weg.

Blick vom Hölleberg
Blick vom Hölleberg

Es folgt eine rasante Abfahrt ins Diemeltal. Vom Fluglotsen habe ich noch einige nützliche Informationen zum den Diemelradweg bekommen.
Schon oben am Flugplatz konnte ich die quäkenden Geräusche eines Lautsprechers vernehmen. In Deisel erfahre ich den Grund dafür. Mit ohrenbetäubendem Geschrei und Hintergrundmusik karrt ein von zwei Kamelen geschobener Zirkuswagen durch die Häusergassen. "...VORSTELLUNG! HEUTE! UM 16UHR BEIM GROSSEN ZIRKUS XY!!! DING DONG, QUÄK! TARATABUM!!!..." Kein Mensch ist auf der Straße zu sehen. Alle scheinen sich hinter heruntergezogenen Jalousien verschanzt zu haben, doch gegen diese Lautstärke kommt auch kein Gemäuer an.
Kurze Zeit später hupt mich bei Trendelburg ein Auto an. Ich erschrecke wieder mal und reagiere wütend auf dieses sinnlose Gehupe. Der Autofahrer bleibt an der nächsten Bushaltestelle stehen und ich bereite mich schon auf einen Streit vor. Doch zu meiner großen Verwunderung steigt der Fluglotse vom Hölleberg aus dem Auto und reicht mir meine Spiegelreflex entgegen. Die hätte ich oben vergessen! Ich bin sprachlos. Vielmals bedanke ich mich bei ihm und betone wie viel mir die Kamera bedeutet. Das Fehlen der Kamera wäre mir wohl erst viel später aufgefallen, wozu ich noch den ganzen Hölleberg wieder hätte herauffahren müssen. Er betont immer wieder wie selbstverständlich das für ihn sei, doch ich könnte ihn für diese heldenhafte Tat umarmen. "Und den Eintrag im Tagebuch nicht vergessen!", sagt er mir noch zum Abschied.

Der Diemelradweg
Der Diemelradweg

Bis nach Warburg fahre ich immer an der Diemel entlang. Der Radweg führt durch kleine Dörfer und es sind nur noch wenige Reiseradler zu sehen. In einem Dorf höre ich hinter mir eine Stimme. "Bitte?" frage ich zurück. Ein Gaststättenbesitzer kehrt gerade die Straße vor seinem Restaurant und antwortet "Gute Reise sagte ich".
"Oh, ach so, ok, danke!"
"Vorsicht! Mauer!" Oha...

Kurz hinter Warburg verlasse ich die Diemel und folge nun der Twiste. Ausgemergelt von der langen Strecke freue ich mich in Volkmarsen über den geöffneten Supermarkt. Hinter der Kasse sitzt ein alter Mann still in einer Ecke und eine Frau, scheinbar seine Verwandte, kümmert sich um ihn. Er hatte offenbar einen Kreislaufzusammenbruch. Die Kassiererin keift in harschem Ton: "Der bleibt hier nich drinne sitze! Is das klar?!"
Was für ein liebevoller Kundenservice!

Neben dem Twistestausee fahre ich steil bergauf. Grund: Der nächste Flugplatz liegt nahe. Und wie selbstverständlich liegt auch dieser ganz oben auf einem Berg. An einer Straße warnt mich ein Schild "Bundeseigene Straße, Militär, blablabla..." Der Truppenübungsplatz hier ist längst stillgelegt, doch die von den Panzern gefahrenen Furchen neben der Straße sind immer noch gut zu erkennen.

Bundeswehr-Logik
Bundeswehr-Logik

Vollkommen außer Atem komme ich oben am Flugplatz an. Der Anstieg wollte gar kein mehr Ende nehmen - bis ich endlich das Flugplatzgebäude sah. Keine Sau ist hier zu sehen und Flugbetrieb scheint es sowieso nicht zu geben. Also gehe ich ohne zu Fragen quer über den Flugplatz und fotografiere alles. Das Besondere an der Landebahn hier ist, dass die startenden Flugzeuge über eine steile Handkante (eine art Klippe) ab -und anfliegen. Von hier oben bietet sich ein schöner Ausblick auf die umliegenden Dörfer und Bad Arolsen.


Auf dem Flugplatz Mengeringhausen bei Bad Arolsen
Auf dem Flugplatz Mengeringhausen bei Bad Arolsen

Über die stark befahrene B252 düse ich wieder ins Tal hinab. Es gibt keinen Radweg und die Straße verläuft streckenweise dreispurig. In einem grauenvoll langen Anstieg quälte ich mich hoch nach Korbach. Immer wieder kommen LKWs und Autos in hoher Geschwindigkeit vorbeigedonnert. Ich bin froh, wie ich endlich eine Abfahrt in Korbach finde und der Anstieg ein Ende hat. Auch hier besuche ich noch einmal einen Flugplatz. Zu meiner Verwunderung ist hier viel Betrieb. Der Fluglotse läuft unten auf dem Feld herum und beobachtet mit kritischem Blick die "Flugversuche" seines Sohnes mit dem Modellflugzeug. Er kaut gerade ein Brötchen mit dickem Steak darauf, während ich ihn anspreche. Auch hier gibt es keine Probleme. Ich kann ohne weiteres Fotos machen.
Ich unterhalte mich mit ihm noch ein wenig über alles Mögliche. "Schöne Gegend hier nicht?" Ich kann dies nur bestätigen. Im Osten steht die Sonne bereits Tief über den Ausläufern des Rothaargebirges und wirft ein tolles Licht auf die Landschaft.
Ob er etwas von einem Radreise-Treffen unten am Edersee wüsste? Klar, davon hätte er doch in der Zeitung gelesen und gestern wären hier 'zig von diesen Reiseradlern vorbeigekommen. Ich kann mich also auf einen vollen Campingplatz einstellen.

Flugplatz Korbach
Flugplatz Korbach
Flugplatz Korbach

Endlich! Jetzt nur noch Abfahrt! Auf dem Weg zum Edersee folge ich wieder der B252, die hier stetig bergab führt. Während mir auf der mühelosen Abfahrt schon langweilig wird, merke ich, dass sich auf Fahrrad und Gepäck Wassertropfen bilden. Die Luft wird immer feuchter und unten am Edersee ist von der Sonne nicht mehr viel zu sehen. Doch ich habe es geschafft!
Die Einfahrt zum Campingplatz irritiert mich zuerst ein wenig. Ich fühle mich wie an einer Zollstation. "Zur Anmeldung bitte rechts einordnen!" steht auf einem Schild. Mit wackeligen Füßen gehe ich in die Rezeption. "Ich wollte mich zum..."
"...Bikefreaks-Treffen anmelden?" unterbricht mich der Platzwart.
Grinsend frage ich: "Woher wissen Sie das denn?"
"Nun, alles was hier in den letzten Tagen per Fahrrad reingekommen ist, wollte zum Bikefreaks-Treffen"

Ich erfahre von ihm auch, dass doch nur etwa 25 Leute da sind. Ok, in einer kleinen Gruppe ist es bestimmt auch angenehmer. Kaum stehe ich mit meinem Fahrrad zwischen den anderen Reiserädern und den verlassenen Zelten, kommt auch schon jemand aus dem Grillhaus auf mich zu. "Du bist Sascha, richtig?".
Die meisten Leute kennen mich hier bereits aus dem Bikefreaks-Forum. Echt unheimlich...

Doch das Treffen ist eine andere Geschichte...

Über das Treffen wird demnächst sicher einiges auf der Bikefreaks-Seite zu finden sein. Reiseberichte und Fotos von anderen gibt es hier:

"Tour de Hessen" von Martin Würfl
Edersee-Bilder von "Drummer"
Edersee-Bilder von Jens Seemann


Heute gefahren: 139,03km
Gesamt: ca. 450km
(bin während der Fahrt auf die falsche Taste gekommen...)


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