Tag 2: Mardorf am Steinhuder Meer - Höxter

Kurz nach acht ziehe ich die improvisierten "Taschentuch-Stöpsel" aus meinen Ohren. Es ist ekelhaft warm im Zelt - draußen muss die Sonne scheinen. Der ganze Körper fühlt sich noch ausgemergelt an. Mit verschlafenen Augen mache ich mich ans Frühstück und schließlich sitze ich wieder auf dem Sattel. Ein Grund zur Freude: Entgegen aller Befürchtungen schmerzt der Hintern nicht mehr.
War der Radweg gestern Abend noch für mich alleine da, so habe ich heute Morgen starke Probleme mit den vielen Fußgängern und Radfahrern, die mir den Weg versperren. Der Feiertag alleine reicht ja schon, aber dazu ist heute noch Vatertag. Unmengen von Männergruppen und Halbstarken tummeln sich auf dem Weg. Bierdosen in Massen, Bollerwagen mit dröhnenden Stereoanlagen, dreckige T-Shirts mit der Aufschrift "No Ma'am"... Zuerst denke ich, dass die nahegelegene Kasernenbelegschaft einen Ausflug macht. Doch der Strom dieser doch ach so lustigen Grüppchen will gar nicht abnehmen. Bis mir erst klar wird, dass heute eben dieser besonderer Tag ist. Nach Unmengen von gewagten Überholmanövern und Fast-Zusammenstößen mit Betrunkenen habe ich das Gebiet des Steinhuder Meers endlich verlassen.

Der Mittellandkanal
Der Mittellandkanal

Es ist ungewöhnlich warm und außer der Sonne ist am Himmel heute nichts zu sehen. Bei Bad Nenndorf hinterm Mittellandkanal beginnt dann der erste dauerhafte Anstieg. In Hülsede begegne ich drei Wanderern und frage sie nach dem Weg, woraufhin ich mich durch den Wald über die etwa 400 Meter hohen Weserberge quäle um dahinter den Weserradweg zu erreichen. Doch das muss erst einmal geschafft werden. Nach einigen starken Anstiegen bin ich endlich oben angelangt und fahre noch einige Kilometer auf gleicher einer kleinen Hochebene. Die Waldwege lassen sich hier wunderbar fahren und anhand der Wanderschilder finde ich gut vorwärts. Doch irgendwann komme ich an einem Schild vorbei, dass mich vor Sprengungen in einem Steinbruch warnt.

Da knabbert wer an meinen Schnürsenkeln...
Da knabbert wer an meinen Schnürsenkeln...

Erste Steigung
Erste Steigung

Frühlingslandschaften
Frühlingslandschaften

Gesprengt wird zum Glück nichts, doch das vor mir klaffende Loch des Steinbruchs bemerke ich erst spät und rase in voller Fast in den abgrenzenden Maschendrahtzaun. Puh! Warum habe ich immer so ein Glück in solchen Situationen? Ok, ich sollte mich lieber damit abfinden. Es stört ja nicht...
Doch eine Ausschilderung ist hier nicht mehr zu sehen. Wieder einmal setze ich mir in den Kopf: "Hier muss es einen Weg geben!" Ich umfahre den Steinbruch auf einem Waldweg, der schließlich im Schlamm mit 40cm tiefen Fahrspuren endet. Mitten im Wald und weiter geht es auch nicht. Mit solchen Aktionen habe ich einfach immer Pech! Dazu jagt mir ein Plötzlich aus dem Gebüsch springendes Reh einen wahnsinnigen Schreck ein. In riesigen Sprüngen macht es sich davon und ich habe schon Angst, dass es dabei den Hang hinabstürzt. Wer hat sich hier wohl mehr erschrocken?

Beinahe-Freiflug
Beinahe-Freiflug

Nachdem ich mein Fahrrad endlich wieder auf fahrbare Wege bekommen habe, entdecke ich Depp auch das Wanderschild, dass ich übersehen habe. Von nun an beginnt eine rasante Abfahrt auf dem holperigen Feldweg bis zur Hauptstraße nach Hessisch-Oldendorf. Auf der Hauptstraße bleibt mein Fahrradcomputer auf 50km/h beharren und senkt die angezeigte Geschwindigkeit erst nach langem Bremsen. Mit der Technischen Zuverlässigkeit dieses Gerätes scheint es wohl auch nicht so weit her zu sein.


Hameln
Hameln

Im Wesertal treffe ich endlich auf den beliebtesten Radweg Deutschlands: Dem Weserradweg. Es ist unglaublich wie viel hier heute los ist. An einigen Stellen gibt es gar leichten Stau und ich versuche mich irgendwie durch die Mengen zu schlängeln. Ich sehe die ersten Radler mit Gepäck und frage sie gleich, ob sie auf dem Weg zum Edersee sind. Edersee? Nichts von gehört. Schade. Irgendwie war ich der naiven Ansicht, dass so ziemlich jeder Reiseradler mit Gepäck in dieser Gegend auf dem Weg zum Edersee sein muss.
Vor Hameln zeigen sich erste Schwächerscheinungen und ich muss erst einmal eine kurze Pause einlegen, wobei eine halbe Tüte Brotchips und eine ganze Packung Joghurette verschlungen werden. Meine Trinkvorräte gehen zur Neige und es ist Feiertag. Zeit für die nächste Tankstelle. Erstaunlicherweise ist es heute den ganzen Tag heiß und auf meinen Armen zeigen sich erste Spuren von Sonnenbrand.
Ich folge nun immer der Ausschilderung des Weserradweges, der besonders ein Hameln einige unnötige Schlenker durch das Hafengebiet macht. Wie auf den Waldwegen, so sind auch hier die Spuren vom vielen Regen der vergangenen Tage nicht zu übersehen. Die Weser führt Hochwasser und an vielen Stellen ist der Radweg schlicht und einfach überschwemmt, so dass ich mir irgendwie einen anderen Weg suchen muss. Ich stehe nicht alleine da und so bin ich unfreiwilliger "Wegetester" für die hinter mir fahrenden Radfahrer, denen ich auf der Suche nach einer Umleitung immer wieder entgegenkomme.


Der Weserradweg
Der Weserradweg

Der Weg führt hin- und wieder durch das Gelände von Campingplätzen. Bei der Durchfahrt lässt sich das volle Mallorca-Programm auf dem Campingplatz beobachten. Männer mit verschwitzt-schwabbeligen Bierbäuchen auf bis zum Boden durchgesessenen Liegestühlen; die Linke Bierflasche in der Hand. Von Halbstarken, die nicht aus dem Weg gehen wollen werde ich angepöbelt. Nun, wer ist hier der Stärkere? Eine Frage, die man sich wirklich stellen sollte. Ich Radfahrer mit 25 Kilo Gepäck oder der Papa des Kleinen mit 120 Kilo auf den Rippen?
Nach solchen Stationen deutscher "Reinkultur" bin ich wieder froh im Grünen zu sein.
Der Rücken schmerzt schon merklich, wie ich mit trockener Kehle in Bodenwerder endlich die erste Tankstelle abseits des Radwegs entdecke. Gerettet!


Idyllisches Wesertal
Idyllisches Wesertal

Vom Deich lassen sich hin -und wieder seltsame Gesellen auf der Weser beobachten. Auf kleinen Flößen lassen sie sich die Weser hinabtreiben. Das obligatorische Bier darf da natürlich nicht fehlen. Vatertag.
Durch Holzminden und vorbei am Schloss Corvey erreiche ich endlich Höxter. Hier soll für heute Schluss sein. Bis zur Dämmerung ist es nicht mehr lange. Wenigstens kann ich mich heute früher als gestern auf einem Campingplatz einquartieren.
Es wundert mich, wie viele Radfahrer alleine hier auf dem Campingplatz sind. Am Weserufer haben sie ihre Zelte mit denen der Motorradfahrer aufgereiht. Beim Abendessen komme ich mit vier anderen Radfahrern in Gespräch. Keiner von ihnen weiß vom Edersee-Treffen. Seltsam...


'Skyline' von Höxter
"Skyline" von Höxter

Heute gefahren: 143,47km
Gesamt: 310,97km


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