Wieder dasselbe Spiel. Immer dasselbe. Am Morgen steige ich in der S-Bahnstation Hamburg-Harburg aus. Die Elbe und Hamburg habe ich durch -und überquert. Es kann wieder losgehen. Dies ist die erste Tour, auf der ich mir ein striktes Pensum gesetzt habe. In drei Tagen möchte ich am Edersee in Nordhessen sein. Nachdem ich nun fast immer alleine unterwegs war, kann ein bisschen Gesellschaft nicht schaden. Mein Ziel ist das erste Reiseradler-Treffen. Findet man für üblich andere Reiseradler "on tour" nur weit verstreut in der Welt, so werden sich hier viele auf einem Fleck finden. Schon von den bisherigen Reisen bin ich gewohnt, dass sich Reiseradler für üblich sofort untereinander verstehen und ein ausgedehnter Klönschnack die Folge ist.
Warum also sollte ich mir dann ein solches Event entgehen lassen? Meine letzte Abschlussarbeit habe ich gestern hinter mich gebracht und auf das bestehen der Fachhochschulreife kann ich jetzt nur noch hoffen. Jetzt brauche ich erst einmal ein wenig Entspannung. Die ganze Verkrampftheit vom lernen kann mit kräftigen Tritten in die Pedalen endlich mal wieder abgelassen werden. Man hat wieder richtig Zeit zum nachdenken.
Während ich hier, einige Kilometer südlich von Hamburg, durch die von der Morgenfeuchtigkeit nebeligen Wälder fahre, sitzen meine Klassenkameraden wohl gerade im Deutschunterricht. Meinen heutigen Weg kenne ich fast auswendig. Der Zufall will es, dass sich die diese Tagesetappe genau der meiner ersten großen Radreise nach Italien deckt. Ich kann kaum glauben, dass das "schon" drei Jahre her ist! Vieles erkenne ich wieder. Die Kiesgrube mit den ständig an mir vorbeifahrenden Lastwagen nahe Hamburg oder der unglaublich holperige, und heute matschige Waldweg bei Buchholz.
Es ist meine erste Tour Mai und ich bin erstaunt, wie sehr der Frühling zum Ausdruck kommt. Im laufe des Tages setzt sich die Sonne immer mehr durch und die Rapsfelder blühen in leuchtendem Gelb. Doch der viele Regen der vergangenen Tage zeigt Wirkung. Viele Waldwege die ich bisher nur als staubige Pisten kannte sind nun oftmals durch tiefen Schlamm zersetzt.
Vor Schneverdingen treffe ich auf den Segelflugplatz Höpen. Und wieder fische ich meine Digitalkamera aus dem Gepäck (Warum? Mehr darüber unter "Flugsimulation" auf dieser Seite). Klar hätte ich auch einfach zum Edersee fahren können, ohne irgendwelche Fotos für das Projekt VFR-Germany zu machen. Aber wie es denn so ist... kaum hört man dass der dumme Sasa mit dem Rad losfährt, kann er ja auch gleich noch die Digicam einpacken und ein paar Flugplätze fotografieren. Und ich bin natürlich dumm genug, die Flugplätze, die ich passiere in mein Tourenprogramm mit aufzunehmen. Ok, später wird es mich freuen. Doch für diese Tour, die zeitlich recht knapp bemessen ist, nur eine zusätzliche Belastung. Auf dem ganzen Flugplatz ist kein Mensch zu sehen. Ich fotografiere ausgiebig, vermesse die Landebahn anhand meines Fahrradcomputers und fertige eine kleine Skizze des Flugplatzes an. Es kann weitergehen.
In Fallingbostel wieder dasselbe Bild wie ich es schon kannte. Viele Menschen, die man trifft, sind Englische Soldaten oder deren Frauen. Auf den Straßen im und um den Ort sind einige Autos mit englischem Kennzeichen und englische Armeetransporter zu sehen. Östlich von Fallingbostel erstreckt sich ein riesiges Truppenübungsgebiet. Das Buch "Deutschland Umsonst" lässt grüßen...
In Hodenhagen treffe ich wieder auf einen Flugplatz - dazu noch auf einen der größten Deutschlands. Da gilt es wieder eine Menge zu fotografieren. Ich hole Informationen ein und laufe und fahre quer über den Flugplatz. Hinter den Hangars geht der Flugplatz in ein Wohnviertel über. Ein spielendes Kind sieht mich mit meinem bepackten Fahrrad ganz fasziniert an. Während ich auf dem Rollweg stehe und fotografiere, wirft der Pilot vor mir - ohne ein Zeichen zu geben - die Maschine seines Doppeldeckers an. Ich muss mich ins Gebüsch durchschlagen um nicht in den riesigen drehenden Propeller zu geraten. Doch trotzdem - eine schöne Maschine!

Hinter Hodenhagen - die ersten 100km sind längst geschafft - beginnt mein Nacken zu schmerzen. Bei leichtem Gegenwind fahre ich auf endlosen Straßen. Die Landschaft ist nicht gerade abwechslungsreich. Ich zehre von Brotchips und freue mich über die im letzten Supermarkt erstandene Tafel Schokolade. Auf meiner Uhr sehe ich, dass es bereits 7 Uhr abends ist und es bis nach Neustadt noch gute 40km sind. Morgen ist Feiertag und ich brauche noch dringend eine Landkarte für die nächste Etappe. Also fahre ich, fahre, fahre, fahre, fahre...
Der Gegenwind wird nicht weniger und die Strecke nicht spannender. Neustadt erreiche ich um kurz vor acht. Dort erschlägt mich der Anblick der Fußgängerzone. So belebt, besser könnte es in einem sibirischen Dorf nicht sein. Von offenen Läden ist gar nicht erst zu reden. Deprimierend. Ich frage einen Mann, ob denn hier noch was zu finden wäre. Er erwähnt mehrmals, dass ich hier auf'm Dorf wäre. Da ist alles verschlossen nach 6 Uhr. Nicht so wie in Hamburg und in den großen Städten. Ich komme mir schon vor wie der dumme Großstädter auf dem Lande. Doch er hilft mir gerne weiter. Lange wägen wir ab, welchen Campingplatz ich denn anfahren könnte. Ich entscheide mich für den Campingplatz südlich am Steinhuder Meer. Er hat davon noch nie etwas gehört, aber ich könne es ja versuchen. Auf meiner Karte eingezeichnet ist der Campingplatz.
Jetzt habe ich zehn Minuten nicht auf dem Rad gesessen und das Resultat meiner langen Anfahrt zeigt sich jetzt. Beim Berühren des Sattels schmerzt mein Hintern wie auf glühenden Kohlen. Wenn jetzt jemand meinen Blick fotografieren könnte...
Ich versuche trotzdem weiterzukommen. Mal auf der linken, dann auf der rechten Arschbacke. So ist der Schmerz wenigstens halbiert. In einer Tankstelle überprüfe ich die Richtigkeit meiner Karte im Vergleich mit einer anderen. Auch diese Karte bestätigt, dass da südlich des Sees ein Campingplatz ist. In Großenheidorn beginne ich zu suchen. Nichts. Ganz zu schweigen von einem Campingplatz. Nicht einmal ein Mensch ist zu sehen. Vor einer Kneipe kommt mir endlich ein alter Mann auf dem Fahrrad entgegen. Die Karte hochhaltend frage ich "'Tschuldigung, können sie mir helfen."
Er setzt einen Blick auf, als wenn ich der Teufel persönlich wäre, stammelt ängstlich "Ich, nein nee..." und fährt mit zitterndem Lenker weiter. Sehr hilfsbereiter Mensch. "Vielen Dank auch!" Arschloch! Sehe ich denn schon so heruntergekommen aus?
Als nächstes halte ich ein Auto an. Die beiden - Mutter und Tochter - helfen mir gerne und fachsimpeln lange über meiner Karte. Nein, von einem Campingplatz an dieser Stelle haben sie noch nie etwas gehört. Sie hätten zwar irgendwo schon mal ein paar Wohnwagen stehen sehen, sonst aber nichts. Mist auch! Sie teilen mir bedauernd mit, dass ich wohl doch zum Nordrand des Steinhuder Meeres muss. Da gäbe es genug Campingplätze. Und die kenne ich auch schon. Dabei habe ich mich heute so gefreut mal weitergekommen zu sein, als vor drei Jahren. Also muss ich dieses ganze Stück wieder zurück nach Norden.
Ich habe Glück, dass es hier einen sehr gut ausgebauten Fahrradweg nach Mardorf gibt. Durch Sumpfland und Wälder mache ich mich auf die 15km nach dorthin. Für meinen Hintern ist jeder Kieselstein eine Tortur. Ich komme mir bald vor wie ein wie ein Gerät, das unter Quietschen in die Pedalen tritt.
Es wird dunkel und der Sensor meines Nabendynamos schaltet das Licht ein. Es ist das erste Mal, dass ich mich über dieses kleine Gerät so sehr freuen kann.
Dann endlich! In der Dunkelheit erreiche ich Mardorf. Ich frage drei Herren nach einem Campingplatz. Sie empfehlen mir den etwa 100 Meter entfernten. Der andere am See wäre nicht so toll, weil ich da zwischen den Wohnwagen übernachten müsste. Am Zaun des Platzes frage ich einen Jungen wo der Eingang ist. Er zeigt mir irgendeine Richtung, ist aber selbst nicht sonderlich überzeugt davon. Nachdem ich das riesige Areal viermal auf voller Länge abgefahren habe, ist immer noch kein Eingang zu finden. Ich glaub's einfach nicht! Das scheint mehr eine Strafanstalt als ein Campingplatz zu sein. Wohl oder übel fahre ich wieder den Campingplatz von vor drei Jahren an. Wo ich jetzt schlafe, ist mir auch egal. Ich bekomme eine kleine Ecke zwischen hohen Hecken zugewiesen.
Jetzt zählt nur noch das Essen. Ich futtere alles in mich hinein, was ich nicht zum Frühstück brauchen werde. Mit vollem Magen verkrieche ich mich schließlich in den Schlafsack. Ich bin erst um halb 10 angekommen und jetzt ist es 11 Uhr. Um zwei Uhr in der Nacht bin ich immer noch wach.
Ich könnte ihnen an die Gurgel springen! Auf dem Platz neben mir redet ein Pärchen unentwegt. Auch mit Wasser befeuchtete Taschentuchfetzen als provisorische Ohrstöpsel helfen nicht.
Schon wegen meiner Blase kann ich es letztendlich nicht mehr aushalten. Auf dem Rückweg vom Klo tratschen die beiden immer noch. In Gedanken springe ich ihnen ins Zelt, sage ihnen meine Meinung und es wird ein richtig schöner Streit daraus. An die Kehle springen könnte ich den beiden!
Doch dann sage ich nur: "Ähem, 'Tschuldigung".
"Ah!" Ein erschrockener Schrei. Die Wand des großen Zeltes wackelt und ich sehe am sich auf der Zeltwand abzeichnenden Schatten, dass die Frau darin fast den Klapptisch umgeschmissen hätte.
"Entschuldigung, ich wollte nicht stören, aber sie wissen wie spät es ist?" sage ich schon weniger wütend.
Die Frau entschuldigt sich in aller Form und sie versprechen ab jetzt nicht mehr weiterzureden. Wie ich wieder im Zelt liege, haben sie ihr Gespräch auf Flüsterebene verlegt. Und wie das Morgengrauen beginnt, so steigen auch ihre Stimmen mit dem Zwitschern der Vögel wieder an...
| Heute gefahren: | 167,50km |
| Gesamt: | 167,50km |