Dieser Morgen verspricht schon besseres Wetter. Meine Sachen sind alle wieder trocken und ich mache mich auf den Weg in Richtung Koper/Slovenien.
Ab dem Ort Icici fahre ich auf unzähligen Serpentinen den Berg rauf zum Ucka-Pass.


'Selbstportrait'
"Selbstportrait"

Parallel zum Pass wurde inzwischen eine Autobahn mit einem Tunnel gebaut. An der Stelle, wo ich die Autobahn überqueren möchte, finde ich nicht weiter und frage einen Mann, der gerade Zweige von den Büschen am Straßenrand schneidet. Er kann kein Englisch und nur sehr gebrochenes Deutsch. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich nicht auf der Autobahn weiter und nicht durch den Tunnel möchte. Da ich in Norwegen einmal einen mehrere Kilometer langen Tunneldurchfahren durfte, möchte ich dies nicht unbedingt noch einmal machen.
Er besteht darauf, dass ich auf der "Autostrada" weiterfahren muss, was ich so deute, dass ich vor dem Tunnel rechts abbiegen muss. Ich verlasse mich gutgläubig auf die Auskunft und fahre auf der komfortablen, leicht ansteigenden Autobahn weiter. Genauer gesagt, eine ausgebaute zweispurige Straße mit Leitplanken un einem Fahrzeug pro Minute. Irgendwann, eine Abfahrt nach rechts habe ich immer noch nicht gesehen, kommt ein Schild mit der Aufschrift: "Autobahngebühr". Kurz danach folgen die Gebührenhäuschen und direkt danach der Tunnel. Ich kann es einfach nicht glauben!
Nach rechts gibt es nur einen Weg zu einem LKW-Parkplatz. Von da aus finde ich einen Feldweg, der den Wald hinauf führt. Dummerweise muss ich feststellen, dass der Weg immer schmaler wird, nachdem ich die verfallenen Baracken der Tunnelbauer passiert habe. Ich bleibe dickköpfig und stemme mein Rad letztendlich über Felsbrocken. Irgendein Tier ist hinter mir im Gebüsch. Gulp! Hier sollte es eigentlich eine Menge Bären geben...


Irrweg im Wald
Irrweg im Wald

Viel wichtiger ist aber, dass ich dann endlich die Pass-Straße über mir sehe. Ich schaffe es mit letzter Kraft, dass vollbepackte Rad über ein paar Felsbrocken auf die Straße zu heben. Zu meiner Verwunderung merke ich, dass meine ganze Unterwäsche so durchgeschwitzt ist, als wenn ich baden gegangen wäre. Da es hier oben merklich kühler wird, muss die erst einmal gewechselt werden.
Endlich oben angekommen, fängt es auch schon an zu hageln, was aber nach kurzer Zeit wieder aufhört. Von oben habe ich einen wunderbaren Blick in das Innland Istriens und sehe tief unten im Tal die Autobahn verlaufen.
Die Abfahrt ist nicht gerade einfach. Ohne Leitplanken und mit einer Menge Rollsplitt geht es 18% bergab.


Prozente
Prozente

Dabei komme ich mehrere Male ins rutschen, überstehe aber dennoch alle sganz gut. Unten angekommen, setze ich mein Rad hinter der Gebühren-Stelle wieder auf die Autobahn und fahre einige Kilometer darauf weiter. Da der Verkehr aber merklich zugenommen, hat entscheide ich mich bei der nächsten Abfahrt für die gebirgige Landstraße.
Einige Zeit später komme ich in Buzet an. Die Stadt liegt unweit der Grenze zu Slovenien. Auf einem Berg in der Mitte sieht man die Burg der für Trüffel berühmten Stadt. Von nun an geht es wieder merklich bergauf. Absolut ohne landschaftliche Merkmale, abgesehen von dem auf die Straße gesetzten Grenzübergängen, geht es weiter nach Slovenien.
Nachdem ich wieder eine weite Strecke bergab gefahren bin, treffe ich an einen historischen Punkt: Die Straßenkreuzung bei Rizana. Hier bin ich bereits vor fast zwei Jahren vorbeigekommen, als ich von Hamburg bis nach hier gefahren bin. Nun habe ich zusammengenommen die Ganze Strecke von Hamburg nach Mali Losinij mit dem Fahrrad befahren! :o)
Ich habe mich gestern lange mit zwei Campern unterhalten und sie gaben mir den Tipp, auf dem Campingplatz von Ankaran bei Koper Halt zu machen. Also nehme ich meine letzte Kraft zusammen und steuere eine nicht enden wollende Zeit lang auf den Campingplatz zu - Geschlossen!
Das ist wirklich schlecht. Die beiden nächsten Campingplätze bis zur Grenze nach Italien sind ebenfalls geschlossen. Langsam bin ich am verzweifeln. Ich fahre also heut noch über die Grenze nach Italien. Direkt hinter dem Grenzübergang ist ein Campingplatz, auf dem ich schon auf meiner letzten Tour hier war - auch geschlossen!
Die nächsten gibt es von hier aus gesehen erst hinter der Stadt Trieste. Es ist schon recht spät abends und ich erinnere mich, wie ich diese Stadt vor zwei Jahren verflucht habe. Sie ist das totale Chaos für Radfahrer und ich habe damals mehr als einen halben Tag gebraucht um aus der Stadt wieder herauszufinden. Letztendlich war ich so verzweifelt, dass ich, um meiner Wut Luft zu machen, Dellen in Leitplanken getreten habe.
Zum Glück ist es dieses Mal anders. Dank meines guten Gedächtnisses und dem Orientierungssinn erkenne ich viele Straßen wieder und kommt über einige Umwege weiter. In der Innenstadt frage ich jemanden auf den Weg zum nächsten Campingplatz. Er kann keine Fremdsprachen und so versuche ich es teils erfolgreich mit Spanisch. Auf einem Taschentuch schreibt er mir auf, wie ich zum Campingplatz komme.
Hinter dem nächsten, von Auspuffgasen vernebelten Tunnel, sehe ich ihn wieder vor mir stehen. Er hat mich mit dem Auto überholt und möchte mir noch einen neuen Tipp gehen. Er schreibt mir auf das Taschentuch "Ostello della gioventi" - offensichtlich die Jugendherberge. Die Campingplätze hatten sicher geschlossen und das wäre die einzig sichere Möglichkeit.
So habe ich letztendlich die Stadt durchquert und finde mich auf der Küstenstraße nach Norden wieder. Die Jugendherberge liegt in einer schönen Burg an der Küste. Doch an der Rezeption kann ich mich schon auf die nächste Überraschung gefasst machen. Ich frage so freundlich wie möglich nach einem freien Zimmer und bekomme nach einigem Zögern die Antwort: "I'm afrait not".
Der Grund wäre, dass die JH vollkommen besetzt ist. So ein Pech kann auch nur mir passieren! Ich frage ihn noch einige Zeit nach einer Möglichkeit aus, bekomme aber nur zu hören, dass ich zurück in die Stadt und mir dort ein Hotelzimmer nehmen müsse. Ohne zu wissen, was ich jetzt machen soll - ein Hotelzimmer kommt gar nicht in Frage! - mache ich mich wieder auf den Weg.
Beim Verlassen der JH spricht mich jemand mit langen Haaren spontan an, ob ich Englisch spreche. Wie es denn so ist, merken wir schnell, dass wir beide deutsch sprechen. Er stehe schon seit einigen Tagen mit seinem Wohnmobil vor der JH und macht hier Pause. Nachdem ich ihm meine Situation geschildert habe, bietet er mich gleich an, dass ich in seinem Wohnmobil übernachten könnte. Ich kann mein Glück gar nicht fassen und nehme das Angebot sofort dankend an. Das Wohnmobil ist ein alter Mercedes-Truck mit aufgebauter Wohneinheit, die von innen mit Holz Verkleidet ist. Wir verstehen uns auf Anhieb. Und nachdem wir mein Gepäck in das Wohnmobil gepackt haben, machen wir erst einmal Abendessen.
Er wohnt schon seit einigen Jahren in diesem Wohnmobil und war schon an den verschiedensten Orten in Europa. Wir unterhalten uns bis spät in die Nacht über die verschiedensten Dinge von der Bock-Saga der Finnen über die Schule bis zur Situation auf dem Balkan. Doch das alles aufzuzählen ist eine andere Geschichte.