Ausschlafen ist heute leider nicht drin. Eigentlich hatte ich mir gedacht, als die Besitzerin "Um 9 Uhr ist schluss" gesagt hat, dass sie damit die Nachtruhe meinte. Das Gegenteil ist der Fall. Ich sollte bereits um 9 Uhr aufbrechen. Trotzdem lasse ich mir Zeit, frühstücke in ruhe ranzige Schokolade auf altem Brötchen und packe meine Sachen. Nachdem ich 25,- DM ärmer bin, mache ich mich wieder auf den Weg.
Das Wetter ist heute nicht so rosig wie gestern. Es ist feucht, der Himmel ist mit Wolken bedeckt und es fängt immer wieder an zu nieseln. Daher gestaltet sich der Weg nach Süden nicht besonders spannend. Ich halte mich die ganze Zeit auf der Straße in Richtung Rijeka, einer Hafenstadt an der Adria. Es gibt es noch einige schroffe Anstiege und Abfahrten zu meistern und ohne spektakuläre Zwischenfälle bin ich in Kroatien. Die Kroatischen Zollbeamten sind nicht gerade die freundlichsten und schenken meinem Pass kaum Beachtung. Sie wollen offenbar in ihrer Unterhaltung nicht gestört werden.
In Kroatien werden die Straßen schnell etwas schlechter. Was mir sofort ins Auge fällt, sind Betonblöcke mit Stahlstangen dazwischen, anstatt Leitplanken. An vielen Stellen fehlen die Stangen gar und es geht neben der Straße steil ab. So muss ich mich bei dem nahe auffahrenden Verkehr hüten, dass ich nicht zwischen zwei dieser Blöcke gerate. Einen Radfahrer können die sicherlich nicht vor einem Freiflug bewahren.


Erster Blick auf die Adria (Opatija)
Erster Blick auf die Adria (Opatija)

Kurz vor Rijeka kann ich den ersten Blick auf die Adria werfen. Bei der schlechten Sicht heute sieht man leider nicht besonders weit. In Rijeka gehe ich noch schnell Geld tauschen und mache mich sofort wieder auf den Weg aus der Stadt heraus. Die Verkehrsverhältnisse in dieser Stadt sind wie in italienischen Städten. Kurz gesagt: Ein Sicherheitsrisiko für Leib und Leben eines Radfahrers. Unangekündigte Tunnels, Einbahnstraßen, Schnellstraßen...


Rijeka
Rijeka

Nach Rijeka muss ich einen Riesen-Schlenker um eine Meeresbucht herum fahren und muss dabei wohl oder übel die schlechte Luft der Raffinerien, Autos und Werften einatmen. Zudem ist ein sehr starker Wind aufgezogen.
Ich entschließe mich über die Brücke auf die Insel Krk zu fahren, um dem starken Verkehr zu entgehen. Am Gebührenhäuschen wird man als Radfahrer frei durchgelassen und kann über die riesige Hängebrücke fahren. Ich habe dabei so starken Rückenwind, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Die Brücke hinauf muss ich nicht in eine Pedale treten. Immer, wenn ein Auto oder LKW vorbeikommt, wird der Wind so verwirbelt und entwickelt derartige Kräfte, dass ich schon Angst habe, über das Geländer zu fliegen. Nach dieser heiklen Überquerung muss ich erst mal eine Pause einlegen. Dabei fällt mir ein Schild auf, dass mich in einer neuen Region willkommen heißt. Seltsamerweise wird ein -und dieselbe Region als einerseits als Region Kroatien, andererseits als Region Italiens ausgewiesen.


Wo denn jetzt?
Wo denn jetzt?

Das ist durchaus sehr verwirrend. Überhaupt gibt es viele solcher irrsinniger Dinge auf dem Balkan. So können zum Beispiel alle Bewohner Istriens (Kroatien) einen italienischen Pass bekommen. Es scheint so, als würde Italien immer noch Ansprüche auf seine verlorengegangenen Provinzen hegen. Nur ist mir zweifelhaft, warum die Kroatischen Politiker solche Ausschilderungen zulassen.

Anmerkung vom 21.6.2002: Dank eines aufmerksamen Lesers habe ich erfahren, dass diese Feststellung nicht so ganz zutrifft. Was auf dem Schild wirklich steht, ist folgendes:

Gemeinde
Omisalj
verbrüdert
mit Gemeinde
Taglia di Po
(Italien)


Ich hätte wohl vorher mal mein Kroatisch aufpolieren sollen, sorry...

Ich mache mich erst mal auf die Suche nach einem geöffneten Campingplatz. Nach nicht enden wollender Suche bin ich bereits ein großes Stückchen über die Insel gefahren. Alle Campingplätze, die ich passiert habe, hatten geschlossen. Auch wenn mir viele Leute helfen wollten, war meine Suche lange Zeit lang erfolglos.


Auf, ab... auf, ab... auf, ab...
Auf, ab... auf, ab... auf, ab...

Bis ich dann schließlich schon ganz im Süden der Insel im Ort Krk bin. Nach etlichen Abfahrten und anstiegen auf der welligen Oberfläche der Insel finde ich endlich einen geöffneten Campingplatz: Das Autocamp BOR. Hier bekomme bekomme ich einen schönen Platz unter blühenden Kirschbäumen. Endlich! Der Urlaub kann beginnen!