Tag 31: Sarria - Arzúa

Am Morgen treffe ich mich mit den beiden vorm Hostal und es geht weiter. Das Wetter ist wie gestern. Es ist ziemlich bewölkt und Sonne gar nicht mehr zu sehen. André schwärmte gestern davon, dass wir doch heute schon Santiago erreichen könnten. Das wären an die 150 Kilometer. Doch Leonie ist da anderer Meinung und dem muss er sich ergeben. ;o) Die Landschaft wird zunehmend schwieriger zu befahren. Die Anstiege sind immer nur halbe Sachen. Nie geht es über lange Zeit bergauf. Immer nur stark auf und ab. Ein Kräfte zehrende Sache, wie ich bereits in Frankreich erfahren musste. Das Dorf Portomarin ist im Originalzustand kaum noch erhalten. Das Original liegt genauer gesagt im aufgestauten Fluss. Und da der Wasserpegel heute sehr niedrig liegt, können wir von der Brücke aus die im Schlamm liegenden Überreste des alten Dorfes sehen. Unheimlich...

Überschwemmte Altstadt von Portomarin
Überschwemmte Altstadt von Portomarin

Gegen Mittag fängt es an zu regnen, schlimmer und schlimmer. Wir fahren später nur noch auf der Hauptstraße und nach den zehrenden Anstiegen ist die Abfahrt mit dem in das Gesicht prasselnden Sprühregen nicht mehr zu genießen. Schnell habe ich einen leichten Schnupfen. Eigentlich mal was Neues. Das ist der erste Regentag auf meiner gesamten Fahrradreise. Jetzt wird mir erst bewusst, wie viel Glück ich gehabt habe. Andrés Philosophie ist: "Der meiste Regen fällt ja neben dich". Hmm, so positiv habe ich das noch nie gesehen.
In Melide suchen wir lange Zeit nach einem Hotel. Doch nirgends ist ein Zimmer für die beiden zu finden. Es scheint gerade Dorffest zu sein. In Arzúa finden die beiden dann schließlich ein Hotel. Ich finde mich klatschnass in der Herberge des Städchens wieder. Es ist erst 4 Uhr und trotzdem haben sie keinen Platz mehr für mich. Echt verwunderlich. Nachdem ich hartnäckig nachfrage, wird mir gesagt, dass es auch eine Turnhalle zum schlafen gäbe. Die wird aber erst um 9 Uhr abends geöffnet. Nicht gerade motiviert gehe ich zum Hotel zurück und setze mich, bis zur vereinbarten Zeit des Treffens mit Leonie und André, in die Bar und mache Tagebucheinträge.
Während dieser Zeit kommen auch zwei Fußpilger herein. Ich teile ihnen mit, wie die Lage an Übernachtungsmöglichkeiten in der Herberge ist und sie entschließen sich ebenfalls, bis 9 hier zu warten. Die Frau kann Französisch, Englisch und ein wenig Deutsch. Er kann Portugiesisch, Französisch, Englisch und Spanisch. So müssen wir uns erst auf eine Sprache einigen. Irgendwie unterhalten wir uns dann auf einem Mix aus Englisch und Spanisch. Sie kommen beide aus Genf und er ist das ganze Stück zu Fuß gelaufen. Ich frage ihn bewundernd, wie er dass denn geschafft hat. Viele Fußpilger hätten ihre Füße in dieser Zeit mehrfach wund treten können. Für ihn wäre das kein Problem. Danach will er noch zu seinen Verwandten nach Portugal GEHEN und genau so zurück nach Genf!
Nachdem ich mit Leonie und André einen guten Salat gegessen habe, mache ich mich mit den beiden aus Genf auf den Weg zum Poliodeportivo, der Turnhalle. Wir sehen bereits einige andere dort stehen. Um halb zehn wird es uns Wartenden langsam zu bunt. Der Wanderer aus Genf will zur Herberge gehen und nachfragen. Er fragt einen der Spanier, wie weit das dorthin wäre. Och, so 5 Minuten! Ich schlage mir fast die Hand vor den Kopf. Wenn er zu Fuß losgeht, ist er in einer Stunde nicht zurück! Bevor sich das spanische Planungstalent noch weiter auslebt, setze ich mich auf's Rad und übernehme die Aufgabe.
In der Herberge wird mir nur freundlich eine Nummer in die Hand gedrückt, wo WIR anzurufen hätten. Wie ich den anderen das Resultat meiner Nachfrage gebe, können sich einige in ihrer Wut über die Frau in der Herberge gar nicht mehr halten. Erst wurde gesagt, um 9 ist offen und jetzt stehen wir um nach 10 immer noch hier - mit einer Telefonnummer! So oft habe ich nie wieder den Ausruf "Hija de puta!" (Tochter einer Hure) gehört...

Schlafplatz in Arzúa
Schlafplatz in Arzúa

Nun, irgendwann kommt dann eine Frau von der Guardia Civil, die uns aufschließt und sich die Beschimpfungen der entnervten Pilger anhören muss. Tolles "Missverständnis"...


Heute gefahren: 88,22km
Gesamt: 2.970,28km

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