Ich bin nicht gerade begeistert. In der Nacht hatte ich den ersten Muskelkrampf in meinem Leben. Plötzlich bin ich mit einem wahnsinnigen Schmerz im linken Unterschenkel wach geworden. Die Muskulatur war eine unendlich erscheinende Zeit hart wie Holz. Unangenehm...
Die restliche Nacht habe ich Angst vor einem weiteren Krampf, überwinde mich aber morgens zum Aufstehen. Mit leichtem Humpeln klappt es. Ich bin total demotiviert, weil ich mit diesem Schenkel die Holländer wohl kaum noch einholen können werde.
Doch den Ausschlag gibt, dass einige noch einmal zur Fahrradwerkstatt müssen, weil sie gestern etwas vergessen haben. Und die macht erst in einer Stunde auf. Das hieße, dass es erst in zwei Stunden losginge. Ich fahre also doch vor. Den anderen sage ich, dass ich auf sie warten werde, wenn ich die Holländer nicht treffe. Sonst sehen wir uns in Hamburg wieder. Zur Vorsicht habe ich von Birgit Magnesium-Tabletten gegen die Muskelkämpfe bekommen, die ich gleich in meine Trinkflaschen stopfe.
Nun bin ich also wieder alleine...
Ich bin verwundert, wie sorglos ich wieder fahren kann. Das habe ich wohl einfach mal wieder gebraucht. Ich muss auf niemanden warten und kann meine Geschwindigkeit und Ernährungsgewohnheiten vollkommen selbst bestimmen. Doch irgendwie ist es auch langweiliger. Es ist komplett anders als mit einer so großen Gruppe. Nach einigen Kilometern erreiche ich den Aufstieg zum Cebreiro ohne Landkarte. Auf dem Weg passiere ich einen von der Polizei abgesicherten LKW, der in eine Felswand gerast ist und dessen Führerhaus nun vollkommen zertrümmert daliegt. Ich möchte gar nicht wissen, was passiert wäre, wenn ich dazwischen gewesen wäre. Nun, so hoch wird die Wahrscheinlichkeit dessen wohl kaum sein. Den Campingplatz habe ich schon längst passiert und von Leonie und André ist immer noch nichts zu sehen. Vielleicht sind sie auch hinter mir. In einem kleinen Dorf warte ich auf die Gruppe, die zuerst vorbeikommt. Die Holländer oder die Hamburger. Mit Leonie und André rechne ich schon gar nicht mehr, als ich plötzlich Leonie nach mir rufen höre. Ich freue mich sehr, die beiden doch gefunden zu haben und erkläre ihnen meine Situation. Sie wollen es mir gar nicht glauben, dass ich nur auf sie dort gewartet habe. Natürlich hätten sie nichts dagegen, dass ich mit ihnen weiterfahre.
Wir unterhalten uns recht viel, trotz des steilen Anstieges. Bis zum Cebreiro sind noch einige Anhöhen zu schaffen, die es wirklich in sich haben.
Oben machen wir in einem kleinen Bergdorf Rast und nach der für mich inzwischen ungewohnt kurzen Pause geht es weiter. Von hier oben haben wir einen großartigen Ausblick auf die umliegende, gründe Landschaft Galiziens. Knapp über uns ziehen die Wolken mit großer Geschwindigkeit hinweg.
Nach einer waghalsig schnellen Abfahrt sind wir recht schnell in Sarria. Während Leonie und André sich in einem Hostal einquartieren, suche ich die Pilgerherberge. Diese ist über die Treppenstufen gar nicht so einfach zu erreichen. Bei meinem Glück bekomme ich wieder mal keinen freien Platz. Mir wird aber gesagt, dass ich auch in der Turnhalle der Schule übernachten könne.
In der Turnhalle des "BUP" sind bereits einige andere Pilger, die ihre Isomatten auf dem Boden ausgerollt haben. Niemand scheint hier für irgendetwas verantwortlich zu sein. Ich lege meine Sachen in eine Ecke und nehme eine - eiskalte - Dusche. Später gehe ich mit Leonie und André was gutes Essen und wir unterhalten uns über den morgigen Tag. Gar nicht so einfach das alles...
| Heute gefahren: | 112,93km |
| Gesamt: | 2.882,06km |