Tag 29: Astorga - Ponferrada

Wieder einmal ein eisiger Morgen. Um uns aufzutauen, trinken wir in der ersten geöffneten Bar noch schnell etwas Heißes und treffen dabei auch die beiden Holländer wieder. Mit ihnen machen wir uns auf den Weg über die Montes de León. Etwa 700 Höhenmeter müssen heute Morgen in einem Anstieg geschafft werden. Klimatisch wird es hier wieder richtig kühl, von der Hitze der Meseta scheinen wir in diesen Fichtenwäldern eine Ewigkeit entfernt.

Auffahrt zum Gipfelkreuz
Auffahrt zum Gipfelkreuz

Während der Fahrt unterhalte ich mich lange Zeit mit Leonie und frage zum Ersten Mal, was die beiden überhaupt beruflich machen. Sie antwortet mir, dass sie Lehrer sind. Lehrer??? Ich will es ihr gar nicht glauben. So gut gelaunte Menschen, sie 24 und er 27 Jahre alt, können Lehrer sein? Das wäre das Letzte, was ich erwartet hätte. Doch ich kann mir vorstellen, dass sie sehr gute Lehrer sind. Sie unterrichten in der Grundschule von der 1.-6. Klasse und haben sich nun für ein Jahr Urlaub genommen, um die Welt mit dem Fahrrad zu erkunden. Was für ein schönes Leben!

Unterhosen, BHs, Wanderstöcke, T-Shirts...
Unterhosen, BHs, Wanderstöcke, T-Shirts...

An der Bergspitze angekommen sind Leo und ich wieder vorne. Die Auffahrt war verhältnismäßig flach und wir wundern uns, wo die anderen so lange bleiben. Später erfahren wir, dass ein Bremszug von Suscha's Fahrrad gerissen ist. Zu diesem Gerät möchte ich hiermit keine weiteren Worte verlieren.
Auf 1.500 Metern steht auf einem großen - man möchte meinen - Geröllhaufen ein Kreuz. Der Geröllhaufen bildet sich zu einem großen Teil aus Steinen die die Pilger im laufe der Jahre von zu Hause mitgebracht haben. Am Kreuz sind alle möglichen persönlichen Dinge angebunden. Man findet Marienbilder, T-Shirts, Unterhosen, BHs, einen zerspalteten Fahrradhelm und, und, und...
Die Liste ließe sich bis zu den unvorstellbarsten Dingen fortführen...

~Spirituelle Musik~
~Spirituelle Musik~

Nachdem Suscha's Fahrrad durch die Hilfe von Leonie und André repariert wurde, geht's endlich weiter. Kurz nach dem Gipfel rollen wir durch ein total verlassenes Dorf in dem nur noch die Grundmauern der Häuser stehen. Mittendrin ein total kurioses Bild: Unter einem Aussichtsturm liegt eine aus Holz und Stein gebaute Herberge mit Kreuzfahnen. Hier merke ich wirklich, dass ich sehr weit weg von zu Hause sein muss. Im Hintergrund läuft religiös-spirituelle Musik und überall laufen Gänse, Katzen und sonstige Tiere herum. So abgedreht diese Hippie-Herberge auch sein mag, hier gibt es das Beste Brot, dass ich seit langem gegessen habe. Und was für eine Aussicht! Die Gebirgswelt hier ist einfach wunderbar.

Wohin denn nu?
Wohin denn nu?

Verträumt...
Verträumt...
(Foto: Lobeck)

Bei der Weiterfahrt warnt uns ein Schild vor gefährlichen Kurven auf den nächsten Kilometern. Uns wurden schon einige Geschichten von Fahrradunfällen auf dieser Strecke erzählt. Und tatsächlich ist die Straße recht schwierig zu fahren. An einigen Stellen sieht man sie vor sich steil in den Abgrund gehen und sieht erst, wie steil, wenn man schon darauf herabrast. Ich möchte gar nicht daran denken, was passieren würde, wenn einer meiner Bremszüge reißt. Von daher fahre ich die meiste Zeit so langsam, dass ich bei dem Riss eines Zuges auch mit nur einer Bremse halten könnte.

Abfahrt ohne Ende
Abfahrt ohne Ende

In Molaniseca finden wir die Holländer wieder, die uns vorausgefahren sind. Sie wollen heute noch bis zum Campingplatz hinter Ponferrada. Während sie weiterfahren, hat sich Hugo schon längst wieder dafür eingesetzt, es sich im nächsten Restaurant gemütlich zu machen. Ich bin stinksauer auf ihn, weil man nach dieser gemütlichen Abfahrt so gut hätte weiterfahren können. Kurz nach der Weiterfahrt werden sich wieder die Ersten darüber beschweren, dass sie nicht mehr weiter können, weil die Mägen zu voll sind. Während die anderen im Fluss schwimmen gehen, bleibe ich still in der Ecke sitzen und schmolle vor mich hin. Ich habe mich inzwischen so gut und der Gruppe eingelebt und würde mich schlecht von ihnen trennen können. Andererseits halte ich es mit diesen so unterschiedlichen Menschen nicht mehr lange aus. Auch wenn Hugo ein super netter Mensch ist, komme ich mit seiner Vorstellung von Urlaub absolut nicht klar, was mich immer mehr aufregt. Das zeigt sich wieder in Ponferrada. Die Herberge sieht nett aus, er geht rein und meldet uns gleich alle an. Mir reicht's! Ich nehme nur einen Stempel und sage ihm, dass ich, wie ich schon vorher gesagt habe, bis zum Campingplatz weiter möchte. Ich habe mich entschieden, morgen mit dem Holländern weiterzufahren, da sie in Etwa die gleiche Geschwindigkeit wie ich haben und ich unheimlich gerne mit ihnen fahre. Somit wird es nicht mehr jeden Abend diese dämliche Diskussion darüber geben, ob wir noch bis zum Zielort weiterfahren, oder schon vorher aufhören - was mich schon die ganze Zeit genervt hat.
Doch andererseits - die Herberge ist wirklich ganz nett. Im Innenhof steht ein Springbrunnen, in den man seine Füße legen kann und die Leute sind auch super drauf. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Zweimal bin ich dabei mich zu verabschieden und stehe kurz davor in die Pedalen zu treten. Nein, mein Gefühl sagt mir letztendlich, dass dieser Abschied zu überstürzt ist und ich doch noch diese Nacht bleiben kann. Die Holländer werde ich morgen früh einholen und dann mit ihnen weiterfahren. Was für eine harte Entscheidung...


Heute gefahren: 60,46km
Gesamt: 2.769,13km

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