Tag 26: Castrojeriz - Ledigos

Am heutigen Morgen kommen wir schnell vorwärts. Da der Camino hier sehr extrem sein soll, fahren wir die meisten Kilometer nur auf der Landstraße. Die am Morgen noch dicke Wolkenschicht verzieht sich im Tagesverlauf, doch die Temperaturen gehen aufgrund des recht starken Windes nicht weit in die Höhe. Die Landschaft ist sehr flach und die Straßen ziehen sich bis zum Horizont geradeaus. Da kaum Verkehr herrscht, kann ich meistens auf dem Mittelstreifen fahren. Das hat doch ein wenig was von Harley fahren... ;o)

Nur noch 497 Kilometer bis Santiago
Nur noch 497 Kilometer bis Santiago

Hinter Carrión de los Condes verlieren wir uns wieder und fahren die meiste Zeit in zwei Gruppen. Frank, Genaro und ich sind vorne - denken aber, dass wir hinter den anderen sind. So wird der Abstand immer größer. Hinter einer Kurve müssen wir plötzlich stoppen. Vor uns klafft ein riesiges Loch in der Straße.
Die Brücke ist zusammengestürzt und ein Pfeil weist uns den Weg über eine provisorische Metallbrücke. Es ist gar nicht so einfach die Räder am steilen Ufer herab -und herauf zu bekommen. Einige Zeit später geht die Straße in Schotterweg über. Der Weg führt bis zum Horizont und scheint bei leichtem Anstieg und starken Gegenwind kein Ende zu nehmen. Es geht immer geradeaus. Mit der Zeit geht uns das Wasser aus und an den wenigen Brunnen am Wegesrand steht: "No portable" (Nicht trinkbar).

Ups?!?
Ups?!?

Irgendwann spüre ich einen harten Schlag unter meinem Rad und die Rückbremse beginnt stark an der Felge zu schleifen. Mist! Auf diesem eigentlich recht gut ausgebauten Weg musste es mein Rad erwischen! Die Felge ist an einer Seite stark ausgeschlagen. Mit einem Stein versuchen wir, sie wieder ein wenig einzuschlagen, so dass die Bremse nicht mehr daran schleift.
Ohne Trinkwasser erreichen wir ein kleines Dorf und machen uns sofort auf zum Trinkwasserbrunnen. Was für eine Wohltat! Ich habe es heute tatsächlich gebracht, meine beiden Trinkfalschen zu verlieren! Erst habe ich eine heute Morgen beim Einpacken nicht gefunden und dann habe ich die andere in einer Bar vergessen.
Die Fußpilger, die durch diese Einöde laufen, können einem echt leid tun. Wir warten bei der Pilgerherberge auf die anderen. Platz werden wir hier heute wohl nicht mehr bekommen. Die Leute erzählen uns etwas davon, dass die Betten schon reserviert wären. Ist auch verständlich, da es auf den letzten 20 Kilometern keine Herberge gab. Der Garten der Pilgerherberge wird von einer Mauer mit Glassplittern darauf abgegrenzt und überhaupt hat die Herberge eher das Flair von einem Knast.
Nach der Ankunft der anderen entschließen wir uns weiterzufahren.
In Ledigos finden wir eine nette private Herberge, in der wir für etwa 1.000 Pts. Übernachten können. Was für ein Kompfort! Hier kann ich sogar in einem Bett schlafen! Mal sehen, ob das überhaupt noch möglich ist.
Wir müssen noch für das Abendessen einkaufen und suchen im Dorf nach dem Laden, von dem uns erzählt wurde. In einer Bar fragen wir danach und werden von der Frau hinter der Theke sofort in einen kleinen Raum geführt. Die Wände sind voll mit Regalen verschiedenster Waren, so dass kaum noch Platz für uns alle darin ist. Und wir bekommen alles, was wir für ein gutes Abendessen brauchen.
Nach dem Essen gehen wir in eine kleine Bar am Jugendzentrum. Vor der Bar sitzen einige alte Leute und drinnen nur Trinkgenossen. Jedes Mal, wenn wir etwas bestellen, findet sich jemand anderes, der hinter den Tresen geht und uns bedient. Wer hier die Verantwortung hat, ist uns schleierhaft. Frank ist ganz scharf auf das Fußballspiel heute Abend und giert schon die ganze Zeit auf den Fernseher, in der Hoffnung, dass sie ihn endlich anschalten. Kurz vor Beginn des Spieles frage ich die anderen, ob er mal angeschaltet werden kann. Die Trinkgenossen fragen sich untereinander, wer denn von ihnen das Ding bedienen könnte. Letztendlich sind sie der Meinung, dass man das Gerät gar nicht bedienen kann und sehen sich auch das Fußballspiel heute Abend nicht an. Was keinen von ihnen zu stören scheint. Typisch spanisch?


Heute gefahren: 72,25km
Gesamt: 2.572,25km

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