Am Morgen verabschiede ich mich von diesen netten Menschen und mache mich auf den Weg nach Paris. Es ist der Tag des Finales der Tour de France. Man sieht heute viele Rennradler, die wohl ebenfalls auf dem Weg zu diesem Event sind. Ich möchte mir es einfach nur mal ansehen, weil es etwas mit Fahrrädern zu tun hat, auch wenn ich mich nicht sonderlich dafür interessiere. Die N17 ist weiterhin gut mit dem Rad zu befahren, auch wenn sie teils zweispurig ist. Dies mag aber auch nur ein persönlicher Eindruck von mir sein. Es ist schließlich Sonntagsverkehr. Am Flughafen Charles de Gaule bestaune ich die vielen landenden Flugzeuge aus aller Welt, die über meinen Kopf hinwegdüsen. Am nächsten Flughafen Le Bourget sehe ich schon von weitem die beiden Adriane Weltraumraketen, die wohl noch von der letzten internationalen Luftfahrtmesse dort stehen. Sie sind wirklich beeindruckend groß. Schade eigentlich, dass ich keine Zeit zu einem Besuch des großen Französischen Luftfahrtmuseums habe.
Vom historischen Paris, das sich einem in zahlreichen Reiseführern präsentiert, sehe ich lange Zeit gar nichts - nicht einmal den Eiffelturm. Was aber viel beeindruckender ist, sind die außerhalb gelegenen Afrikanischen Märkte. Am Straßenrand stehen überall Stände, an denen die verschiedensten Dinge verkauft werden. Schwarz-Afrikanische Frauen in beeindruckenden Trachten laufen über die Straße. Die rechte Spur ist größtenteils durch Autos mit angeschalteter Warnblinklichtanlage zugeparkt, ohne auf die daneben stehenden Autos in der Parkspur Rücksicht zu nehmen. Die meisten Autofahrer legen übrigens beim Parken keine Parkbremse ein. So kann sich jeder beim Ausparken genügend Platz verschaffen, indem er die anderen Autos einfach vor- oder zurückschiebt.
In dieser Umgebung und der heutigen Hitze könnte ich fast denken, ich wäre in einer großen Stadt irgendwo auf dem Afrikanischen Kontinent - nicht aber Paris.
Hinter den afrikanischen Märkten beginnt nun langsam die Altstadt von Paris. Anhand der Stadtkarten, die an jeder Metro-Station stehen, komme ich ohne große Probleme bis zum Place de la Concorde bei den Champs-Elysées.
Die ganze Straße ist für die Tour de France abgesperrt und überall sind Polizisten. Ich habe Schwierigkeiten, mein Rad durch die Menge durchzuschieben. An manchen Engpunkten verstopfe ich mit meinem Fahrrad zeitweise alles.
Letztendlich finde ich einen schönen Platz auf der Mauer des Louvre-Gartens, wo ich mitten im Fahrkreis stehe. Doch bis zum Finale vergeht noch einige Zeit. Zeit? Stunden! Um 14 Uhr sitze ich da und warte, erstehe ein kaltes Fläschchen Wasser für 10 Franc, und warte weiter. Um 15 Uhr beginnt schließlich ein unendlicher Zug von Werbeautos, die immer im Kreis herum fahren. Auf den Wagen sitzen nett anzusehende junge Frauen, die lächeln, winken und den Zuschauern Werbegeschenke zuschmeißen. Karneval lässt grüßen...
Nach 16 Uhr wird die Menge schließlich unruhig. Der Lautsprecher-Kommentator übrigens auch. Es gibt ja schließlich keine Werbesprüche mehr zu klopfen. Erst Stille... dann kommen einige Fahrräder um die Ecke gezischt und verschwinden nach einigen Sekunden wieder aus dem Blickfeld. Ein großer Anhang an Team-Fahrzeugen rast hinterher.
Das Ganze sehe ich mir eine weitere Runde an. Dann wird es mir zu dumm, immer 5 Minuten zu warten um in wenigen Sekunden ein paar Blicke auf andere Radler zu ergattern. Ich mache mich also aus dem Staub.
Mein Louvre überquere ich die Seine und folge ihr bis zum Eiffelturm. Den Turm übersehe ich fast, fahre ein Stück zurück und stehe kurze Zeit später direkt unter ihm. Hmm... ist ja ganz nett hier. Besonders der steile Blick direkt nach oben in den Turm fasziniert mich. An jedem der vier Pfeiler sind Souvenirläden, an denen man kleine Nachbildungen des Turmes kaufen kann, sowie eine Kasse für den Eingang. Touristen sind momentan recht wenige hier. Die scheinen sich alle das Finale der Tour de France zu Gemüte zu führen. Durch den Palastgarten hinter dem Eiffelturm verlasse ich die Innenstadt. Es ist schon später Nachmittag und ich muss heute noch einen Campingplatz südlich von Paris erreichen.
Mithilfe eines deutschen Autofahrers und seiner Stadtkarte finde ich aus dem inneren Bereich der Stadt heraus. Über die N20 verlasse ich geradewegs die Stadt. Doch hinter Paris verwandelt sie sich plötzlich ohne Vorwarnung in eine stark befahrene Schnellstraße ohne Seitenstreifen. Die Autos brettern an mir vorbei wie auf einer Autobahn und hinzu kommen noch einige deftige Steigungen, bevor ich endlich eine gut gelegene Ausfahrt für einen anderen Weg finde.

Über die kleinen Seitenstraßen ist der Weg nach Etampes (Campingplatz) zwar länger, doch das ist es mir wert. Das Licht der tief liegenden Sonne taucht die Landschaft mit ihren vielen alten Herrenhäusern in ein unheimliches Licht. Eine Zeit lang meine ich in einem Müllsack einen erschreckenden Totenkopf sehen zu können. Bei weiterer Annäherung stellt er sich glücklicherweise nur als ein Stück Müll heraus. Ich fasse an meinen Helm, der noch total heiß von der Mittagssonne ist. Es muss heute einfach zuviel gewesen sein. Nach einem harten Anstieg geht es bis Etampes nur noch leicht bergab. Die Landstraße ist mit vielen Sprüchen, Namen und Zeichnungen bemalt. Leider in die falsche Richtung. Also wohl doch nicht für mich gedacht... Die Radler der Tour de France sind hier heute erst durchgerast. Die Leute sehen mich Reiseradler mit großen Augen an. Scheinen wohl alle noch im Fahrradfieber zu sein...
In Etampes frage ich mich bis zum Campingplatz durch und mir wird auch immer freundlich geholfen. Nur so etwas Unfreundliches wie den Platzwart dort habe ich lange nicht erlebt. Auf meine freundliche Anfrage ob er Englisch spricht, kann ich verstehen: "Du bist hier in Frankreich, also hast Du auch Französisch zu sprechen!" Unfreundlich teilt er mir mit, dass dieser Platz nur für "Enfants", also Kinder sei. Ist mir zwar schleierhaft, wie Kinder ein Wohnmobil fahren können - aber geht mich ja nichts an. Wenigstens sagt er mir, dass einige Kilometer weiter ein Campingplatz sein soll, den ich anzufahren hätte.
In der Nähe des Dörfchens Ormoy finde ich ihn dann auch. Vier Sterne und eine wunderbare Dusche, die ich mir nach diesem Tag redlich verdient habe...
| Heute gefahren: | 113,36km |
| Gesamt: | 1.249,70km |