Tag 9: Peronne - Thiers-Sux-Thève

Vom Morgen an folge ich den ganzen Tag lang der Nationalstraße N17, die bis nach Paris führt. Die Landschaft wird immer hügeliger und die Anstiege stellen immer größere Anforderungen an mich. Immer noch sind viele Kriegsfriedhöfe über die ganze Landschaft verteilt zu finden. Auf der Nationalstraße komme ich zwar schneller voran, doch sind die daran gelegenen Dörfer deutlich hässlicher und bis zum Abend passiert rein gar nichts Bemerkenswertes.

Kanadischer Kriegsfriedhof
Kanadischer Kriegsfriedhof

Bei Senlis bekomme ich einmal arge Probleme, da die N17über einen Kilometer auf einer Autobahn verläuft. Nachdem durch den Wald kein Weg zu finden war, muss ich wohl oder übel über die Autobahn nehmen. Die Hitze ist wieder mal drückend. Im Einkaufszentrum tropft mir der Schweiß dermaßen vom Gesicht, dass ich aufpassen muss, nichts nass zu machen. Meine neue Landkarte sagt leider nichts über einen Campingplatz nördlich von Paris. Umso glücklicher bin ich, wie ich neben der Straße plötzlich eine Wiese voll mit Wohnwagen sehe. Am Eingang hält mich ein älterer Mann mit einem faltigen Gesicht an: "No camping". Da er nur Französisch spricht, ist ein weiteres Gespräch sinnlos. Bei genauerem Hinsehen kommt mir der Platz tatsächlich etwas seltsam vor. Überall sehe ich Wäsche hängen und die Leute scheinen hier richtig zu leben. Dann klingelt's in meinem Kopf: Ich bin offenbar auf eine Roma-Sinti-Siedlung gestoßen. Bis jetzt habe ich mir dieses Volk immer mit Pferdekarren durchs Land reisend vorgestellt und die Frauen alle mit großen Ohrringen und Kopftüchern. Doch auf der Wiese stehen durchweg Autos der Mittelklasse mit dem dazugehörigen Wohnwagen. Die Menschen unterscheiden sich, abgesehen von der dunkleren Hautfarbe, kaum von den anderen hier.
Ich fahre noch ein Stück weiter und frage auf einem Supermarkt-Parkplatz jemanden nach einem Campingplatz. Der Mann, den ich frage, kann leider wieder nur Französisch. Er macht mir aber verständlich, dass seine Frau in zwei Minuten da sei. Sie könne Englisch. Mit seiner Frau berät er einige Zeit darüber, wo denn der nächste Campingplatz ist. Sie kommen zu dem Entschluss, dass ich 3km zurück zu dem Dorf Thiers-Sux-Thève fahre müsse. Dort gäbe es einen Campingplatz.
Im Dorf angekommen sehe ich leider nichts davon. Ich frage an einer Art Dorfplatz ein paar Jugendliche danach. Nicht mal einer von ihnen kann Englisch. Ich versuche es weiter. Just in diesem Augenblick kommt ein Kleinbus mit ein paar Geschäftsleuten vorbei, die ebenfalls nach dem Weg fragen. Zwei Mädchen von der Gruppe fragen sie, ob jemand von ihnen Englisch könne. So hilft mir einer von den Geschäftsleuten, der kaum älter als ich sein mag, in exzellentem Englisch weiter. Einen Camping gäbe es hier nicht. Nach einigem Hin- und Her kommt von einem der Mädchen der Vorschlag, dass ich mein Zelt bei ihr im Garten aufschlagen könnte. Oje, auf was habe ich mich da nur eingelassen? Schnell wird der Vater vor die Gartentür geholt, der natürlich auch kein Englisch kann. Ein sympathischer Mann,der seine Tochter auf die Frage hin nicht mal ungläubig ansieht. Das Ganze wäre kein Problem, meint er. Ich bedanke mich herzlich bei dem Geschäftsmann für seine Hilfe und er rennt zurück zum Auto. Die anderen drängeln schon die lange Zeit zur Weiterfahrt.
Der Garten befindet sich hinter einer riesigen Mauer, doch braucht sich wirklich nicht dahinter zu verstecken. Der gut gepflegte Rasen scheint mir fast viel zu schade für mein Zelt. Hinterm Eingangstor sitzt auch ein großer Schäferhund, der sich freudig von mir streicheln lässt. Nur der kleine Kläffer von der Mutter mag mich überhaupt nicht. Trotz der Sprachbarriere kommt Kommunikation, besonders mit dem Vater, zustande. Ich erfahre, dass er am nahe gelegenen Flughafen Charles de Gaule als Mechaniker an der Concorde arbeitet und diese wohl ab November wieder fliegen wird. Zudem bekomme ich ein paar Tipps dazu, wie ich am besten mit dem Rad in die Innenstadt von Paris fahre. Und das Beste: Ich darf die Dusche im Haus benutzen. Wow! Ich bin einfach beeindruckt von diesen so gastfreundlichen Leuten!


Heute gefahren: 110,72km
Gesamt: 1.136,34km

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