Am Morgen verabschiede ich mich von Jack und jeder geht wieder seinen Weg. Ich fahre wieder eine ganze Zeit den Deich entlang. Während der Fahrt kommt vom Meer her eine riesige Nebelbank angerollt, die die Sicht innerhalb weniger Minuten auf weniger als 100m reduziert.
Nun gelange ich in eine wunderschöne Dünenlandschaft, mit vielen Fichten, die im Nebel wirken, wie ein kleiner Regenwald. Kreuz und quer geht es durch die Dünen immer weiter nach Süden. Als ziemlich nervig erweisen sich die vielen anderen Freizeitradler, die sich nur schlecht überholen lassen. Ab Castricum stehen an jedem Zugang zu den Dünen Geldautomaten für die Durchfahrt. Wer auf so eine stumpfsinnige Idee gekommen ist, kann ich mir echt nicht erklären. Ich bin doch kein Geldscheißer!
Von nun an fahre ich bis nach Haarlem die stressigen Hauptstraßen, die hier in der Nähe von Amsterdam sehr stark befahren sind. Nach dem Radfernverkehrsschildern kann ich mich leider auch nicht immer voll orientieren. Einmal fahre ich so durch einen Kontrollposten in eine bewachte Industriezone. Zwischen riesigen Fabriken hindurch fahre ich die gut ausgebaute Straße einige Kilometer gen Süden. Wie ich schon einige Zeit lang fahre, hält plötzlich ein Wagen mit Blaulicht von der Industriebewachung neben mir. Die Fahrerin in Uniform weiß nicht so recht, was sie von mir halten soll. Ich dürfte hier gar nicht fahren. Nach kurzem Überlegen kommt sie zu dem Entschluss, dass ich den ganzen Weg zurück zum Kontrollposten fahren soll. Na toll! Alles wieder zurück? Sie fährt auf die andere Straßenseite und wartet so lange, bis ich mich auf den Rückweg mache. Da sie mir nicht zu trauen scheint, fährt sie mir auch noch eine Weile hinterher. Echt nervig! Bei der Durchfahrt des Kontrollpostens sehe ich sie abwartend neben den zwei Kontrolleuren stehen. Diese grinsen mir nur freundlich zu. Scheinen mich wohl vorhin übersehen zu haben, was scheinbar einigen Anschiss zur Folge hatte.
Ich bin froh, wie ich das Hafengebiet von IJmiuden und die Stadt Haarlem endlich hinter mir habe. Ab Zandvoort kann ich endlich wieder "kostenfrei" durch die Dünen fahren. Ich folge den wunderbar ausgebauten Radwegen bis nach Den Haag/Scheveningen. Teilweise bietet sich mir dabei sogar Meerblick. In Scheveningen mache ich ein Foto von dem Gefängnis, in dem Milosevic inhaftiert ist. Irgendwie seltsam zu wissen, dass ich vor dem Gefängnis eines der Hauptverantwortlichen für die Zerstörungen, die ich in Bosnien gesehen habe, stehe.
Als nächstes schlage ich mich bis zum Ort Delft durch. Da es dabei fast ausschließlich durch Stadtverkehr mit Baustellen geht, gestaltet sich das gar nicht so einfach. Ich frage mich bis zum Campingplatz Delfstehaut durch. Dort frage ich wieder mal nach dem Preis. Ganz selbstverständlich wird mir ein Preis von 35 DM/Gulden (!!!) pro Nacht genannt. Das ist zuviel! So was habe ich ja noch nicht mal in Norwegen erlebt! Ohne viele Worte verlasse ich den Platz wieder. Im nahe gelegenen Park habe ich einige Angler gesehen, die ihre Zelte am See aufgeschlagen haben. Ich frage jemanden, der überall Tätowierungen trägt, ob ich mein Zelt hier auch aufschlagen könne. Er teilt mir aber freundlich mit, dass dies nur für Angler erlaubt sei. Wenn ich es trotzdem tun würde, könnte ich mit einer hohen Geldstrafe rechnen. Na toll! Für den nächsten Holland-Aufenthalt sollte ich mir wohl 'ne Angel basteln! So fahre ich weiter in Richtung Rotterdam.
Währenddessen halte ich die ganze Zeit nach einem Platz für mein Zelt Ausschau. Wegen der wieder einmal dichten Besiedelung und den durchweg eingezäunten Wiesen werde ich das wohl vergessen können.
An einem Bauernhof möchte ich fragen, ob ich mein Zelt auf einem der Felder aufschlagen kann. Doch kaum bin ich auf dem Hof, kommen zwei knurrend bellende Rottweiler auf mich zugerast. Ich warte, bis sie sich beruhigt haben und mache mich langsam aus dem Staub. Vom Bauern nichts zu sehen. Hier ist es mir auch zu unwirtlich.
In einem Dorf sehe ich eine alte Frau im Garten arbeiten. Ich stoppe, fahre zurück, und frage sie nach einem Campingplatz. Leider kann sie weder Deutsch noch Englisch und versteht mich überhaupt nicht. Ich frage hartnäckig weiter, bis sie ihren Sohn aus dem Haus ruft: Ein etwa 35jähriger Mann mit Vollbart und Krücken, der wunderbar Englisch spricht. Auf meine Frage hin überlegt er eine Weile, kann mir aber leider auch keinen nahe gelegenen Campingplatz nennen. Dann diskutiert er eine Weile mit seiner Mutter und wendet sich wieder an mich. Wenn ich wolle, könne ich mein Zelt hier im Garten aufschlagen. Das nenne ich ein tolles Angebot und nehme es sofort an! Da er offensichtlich Probleme mit seinen Beinen hat, helfe ich im Laufe des Abends noch beim Tragen einiger Dinge in seine Werkstatt. Pferdesättel bauen... auch ein interessantes Hobby. Des Weiteren erfahre ich noch, dass der hiesige Bauer Camper auf seinen Feldern überhaupt nicht ausstehen kann. Da habe ich ja noch mal Glück gehabt!
| Heute gefahren: | 147,59km |
| Gesamt: | 656,79km |