Am Morgen folge ich der Bundesstraße N355 bis nach Leeuwarden/Ljouwert. Der Name Ljouwert steht für die friesische Version dieser Stadt, da Friesisch eine eigene Sprache im Norden der Niederlande ist. So sind auch die meisten anderen Ortsschilder in dieser Gegend zweisprachig.
Hinter Leeuwarden folge ich immer den Radfernverkehrsschildern, bis ich schließlich in Harlingen das Meer erreiche. Über eine Hebebrücke gelange ich in die Altstadt, die aus typisch holländischen Häuschen besteht und nach einem kurzen Einkauf mache ich mich endlich auf die letzten Kilometer zum Afsluitdjik. Dem Deich, der Das IJsselmeer von der offenen See trennt. Hinter dem Dörfchen Zurich (nicht Zürich!) beginnt der Deich schließlich. Von nun an werde ich 30km zwischen dem Meer hindurch fahren. Der Radweg verläuft auf der Straße des IJsselmeeres, direkt neben der Autobahn.
Nach einigen Kilometern schiebe ich mein Rad auf den Deich und genieße während einer Kurzen Pause den Ausblick. Auf der einen Seite das IJsselmeer mit den Unmengen weißer Segel von kleinen Ausflugsbooten, auf der anderen Seite die raue Nordsee mit dem Watt und den Fischkuttern darauf. Die Länge des Deiches scheint unendlich. Der Deich verschwindet in der Ferne in flimmerigem Dunst. In der Mitte des Deiches gibt es eine Raststätte mit einem Aussichtsturm, wovor Informationstafeln über die Geschichte der Region und des Deiches stehen. Nach 25 Kilometern kommt langsam das Ende in Sicht. Im Dunst tauchen die erste Windräder und der Ort Den Oever auf. Der westliche Teil der Niederlande zeichnet sich an dieser Stelle durch leichtes Hügelland aus. Was mich aber deprimiert, ist, dass die Menschen hier alle unfreundlicher zu sein scheinen als in Friesland. Kein Radfahrer grüßt mich mehr, niemand lächelt. Teilweise haben die Leute einen Blick drauf, als wenn sie sich noch innerhalb der nächsten Nacht einen Strick um den Hals legen wollten. Vielleicht wird dieser Eindruck auch nur durch die Anwesenheit so vieler deutscher Touristen hervorgehoben. Ich bin von der Freundlichkeit der Friesländer einfach zu verwöhnt. Die Küstenlandschaft wird durch große Dünen und besonders viele Campingplätze geprägt. Im kleinen Badeort Camperduin frage ich nichts Böses ahnend am Campingplatz nach dem Preis für eine Nacht. 25 Gulden/DM! Mir kommen bald Tränen um mein Geld! Ich versuche mich irgendwie herauszureden, da die Frau an der Rezeption stark davon überzeugt ist, dass ich doch auch mit meiner Kontokarte bezahlen könnte. Ich bin doch nicht Krösus! Minuten später sitze ich wieder auf dem Rad und fahre den Deich entlang. Der Deich ist auf der Meerseite auf einigen Kilometern asphaltiert und lässt sich somit wunderbar befahren. Ich werde lieber woanders nach einem Campingplatz Ausschau halten. Nach einigen Minuten passiere ich einen Liegeradler, der sein gesamtes Inventar auf dem Asphalt verteilt hat. Seltsam, denke ich. Will der hier campen? Ein Gefühl sagt mir, dass ich zu ihm zurückfahren und ihn fragen soll.
Er ist Nordamerikaner aus dem Bundsstaat Washington. Ironischerweise sprechen wir zu beginn Spanisch, weil wir gerade darauf gekommen sind. Später wechseln wir zum Englischen über. Er hat seine ganzen Sachen hier ausgebreitet und möchte sie für ein Buch, das er über diese Reise schreiben will, fotografieren. Und im Licht der untergehenden Sonne sieht das wirklich gut aus. Ich frage ihn, ob er mir anhand seiner Karte ein paar Campingmöglichkeiten zeigen kann. Ich bin immer noch mit meiner Autobahnkarte unterwegs. Ich erzähle ihm von meiner Preisnachfrage am letzten Campingplatz. Ihm macht das natürlich gar nichts aus. Er ist etwa 20 Jahre älter als ich und scheint keine Geldprobleme zu haben. Auch wenn er in die Entgegengesetzte Richtung fährt, einigen wir uns darauf, unsere Zelte zusammen auf einem Campingplatz aufzuschlagen. Zu meinem Preisproblem sagt er nur:
"I will pay the difference"
"What do you mean with difference?"
"I will pay the price for your tend"
Das finde ich nett! Letztendlich finden wir doch einen anderen Campingplatz. Auf einem Bauernhof, wo wir nur je 10 DM bezahlen müssen. Dazu haben wir einen Kühlschrank und einen Fernseher zur Verfügung, den wir aber nicht benutzen. Jack hat noch einiges an Bier gekauft. Und so legen wir unser Essen zusammen und haben eine großartige Mahlzeit. Wir reden noch den ganzen Abend über alle möglichen Dinge, bis wir uns gegen 11 Uhr in unsere Zelte verkriechen.
| Heute gefahren: | 139,63km |
| Gesamt: | 509,20km |