Tag 3: Ostfriesland (Weener) - Bergumermeer

Am Morgen baue ich zeitgleich mit den Anglern mein Zelt ab und wir verabschieden uns. Abgesehen von ein paar Wölkchen präsentiert sich der Himmel von seiner guten Seite.
Über eine Eisenbahnbrücke überquere ich die Ems und gelange nach Weener, ein typisch ostfriesischen Städtchen. Hier in der Nähe steht auch der berühmte "Otto"-Leuchtturm aus dem Film...
Auf der Hauptstraße spricht mich ein anderer Radfahrer an. Wir reden erst mal über das übliche Wohin -und Woher. Ich möchte als nächstes Ziel über den Damm, der das niederländische IJsselmeer vom offenen Meer trennt, erreichen, weiß aber nicht, ob man dort mit dem Rad rüber kommt. Er schlägt mir vor seine Eltern zu fragen, da er sowieso gerade auf dem Weg zu ihnen wäre. Sie würden sich in den Niederlanden sehr gut auskennen und könnten mir diese Frage sicher beantworten. So frage ich einige Zeit später die Eltern. Erst einmal verstehen sie meine Frage gar nicht. Bis ihr Sohn meine Frage meine Frage in einem für mich total unverständlichen Dialekt wiederholt. Im Endeffekt können mir die Eltern leider doch nicht weiterhelfen.

Grenzbrücke nach Holland
Grenzbrücke nach Holland

Über die internationale Dollart-Route führt mich der freundliche Radfahrer noch bis zur Niederländischen Grenze. Er erzählt mir über die lokalen Probleme mit den Wildcampern, die überall ihren Müll hinterlassen. So was wirft immer einen schlechten Schatten auf die Camper, die hier nur friedlich eine Nacht übernachten wollen - leider.
Die Landschaft ist inzwischen vollkommen flach. An Windrädern vorbei gelangen wir zu einer kleinen Holzbrücke. "So, jetzt bist Du in Holland. Ich wünsche Dir noch eine gute Weiterreise. Ich muss jetzt zurück zum Mittagessen." Ups! Das also ist schon Holland. Nun... ziemlich flach...

'Ohne Worte'
"Ohne Worte"

Und: Die erste Straße, die ich sehe, hat an beiden Seiten Fahrstreifen für Radfahrer! Auf der niederländischen Seite der Brücke sind eine Menge Informationsschilder über alle möglichen Radfernwege angebracht. Ich merke gleich: Hier sind Radfahrer Könige! :o)
Im Verlauf des Tages bemerke ich viel mehr gute Eigenschaften des Verkehrssystems hier. Viele alte Landstraßen wurden parallel durch neue ersetzt um mehr Platz für die Radfahrer zu lassen. Radfahrer haben auf großen Straßen - wenn nötig - grundsätzlich eigene Spuren und Ampeln. Und das Beste: Man kann sich als Reiseradler an den Fernverkehrsschildern orientieren, ohne sofort auf eine Autobahn zu gelangen. Für Radfahrer gibt es eigene!
So erreiche ich Groningen mit nur wenigen Blicken auf die Karte. Die einzigen Wehmutstropfen sind die relative Eintönigkeit der Landschaft und der zeitweilige Gegenwind. Heute ist Sonntag, womit ich auch in einer großen Stadt wie Groningen kaum Möglichkeiten zum einkaufen habe. Da ich keine weiterführende Karte finde, versuche ich an der nächsten Stadtkarte mein Glück. Ich frage einige Passanten und bekomme letztendlich auch einen guten Tipp. Der Starkenborghkanal führt mit Radwegen auf beiden Seiten bis an das IJsselmeer. Im weiteren Tagesverlauf folge ich also diesem Kanal. Die Atmosphäre unter den Radlern hier ist unheimlich herzlich. Überall grüßt man sich durch Zunicken und ein freundliches "Hi!". Auf dem Kanal fahren viele Ferienboote, die meisten davon aus Deutschland. Alle paar Kilometer sieht man eine der vielen Hebebrücken, an denen jetzt zur Hauptsaison nicht selten gewartet werden muss. Zum Ende des Tages hin mache ich mir langsam Sorgen um eine weitere Übernachtungsmöglichkeit. Da die Landschaft so flach und ziemlich baumlos ist, könnte ich mein Zelt kaum unbemerkt aufschlagen. Also werde ich mir einen Campingplatz suchen müssen.

Typisch Holländisch?
Typisch Holländisch?

Ich frage zwei Anglerinnen nach dem nächsten Campingplatz. Sie kramen sofort einige Karten aus ihrem Auto und streiten schnell darüber, welchen Weg sie mir denn nun empfehlen sollen. Kurze Zeit später ist die eine von ihnen eingeschnappt, weil ich der anderen mehr glaube. Trotzdem geben sie mir noch eine grob aufgelöste Karte der Niederlande, auf der die größten Orte verzeichnet sind. Wie Niederländer eben sind - sorry, Friesen!
Nahe dem Bergumermeer finde ich schließlich einen kleinen Campingplatz. Für etwa 12 DM komme ich endlich wieder in den Genuss einer Dusche und warmen Wassers. Als Zeltnachbarn habe ich einen anderen Reiseradler. Der zeigt sich - abgesehen von einem kurzen Zunicken - nicht besonders kommunikativ und redet nur mit seinem Hündchen. Sollte man ja als normal erachten, wenn der dabei nicht auch noch stöhnen würde...


Heute gefahren: 116,38km
Gesamt: 369,57km

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