Die Liegestühle in der Bahn waren nicht gerade eine Wohltat. Genau wie die Temperatur. Mit krummen Rücken wachen wir nach und nach morgens in der Bahn auf. Und schon kommt jemand vom DB-Personal vorbei. «Heißer Kakao und Kaffee...». So was nennt man wohl Marketingstrategie...
Um ca. 7 Uhr kommen wir in Augsburg an und steigen um in die nächste Bahn nach Landsberg um, wo wir um 7.35Uhr ankommen. Ein typisches kleines Bayern-Städtchen am Fluss Lech. Der Himmel ist blau und es scheint die Sonne. Außerdem halten die Autos an wenn man über den Zebrastreifen geht buchstabiere: Bayern!
Um 9 Uhr geht's mit dem Bus zum einige Kilometer außerhalb gelegenen Fliegerhorst. Wir haben den Bus für uns alleine und der Busfahrer erzählt Philipp noch einiges über das Flugzeug eine C-160 Transall mit dem wir fliegen werden.
Kurz nach unserer Ankunft stößt auch Ulrike zu uns. Sie kommt gerade aus dem Urlaub in Italien, wurde von ihrer Mutter vorbeigebracht und kann sich gleich wieder auf den Weg nach Süden machen. Jetzt sind wir komplett: Philipp, Peter, Ann-Kathrin, Wiebke, Ulrike, Jule, Hauke, Deniz, Julia, Anna und Saa.
Etwa eine halbe Stunde später werden wir von zwei Soldaten, die kaum älter sind als wir, in die Kaserne geführt. Es ist immer schön anzusehen, wenn man als freier Zivilist durch ein Lager und eine Kaserne läuft und den Wehrdienstleistendenden faul bei der Arbeit zusehen kann. :o)
Fotografieren ist leider strengstens verboten. Und natürlich weiß auch keiner wen man fragen muss, um die Erlaubnis zu bekommen. Gerade wo der Flughafen so eine gute Kulisse abgibt.
Das einchecken ist auch eine recht lustige Angelegenheit. Von Security Screen oder ähnlichem ist weit und breit nichts zu sehen. Wir könnten theoretisch einen Haufen Waffen und Drogen mit uns schmuggeln. Naja, theoretisch...
Gerade wo mehrere bedeutende Mitglieder der Deutschen Biathlon-Mannschaft anwesend sind. Fans werden Namen von Weltmeistern wie Franz Luck, Uschi Diesel und ähnliche bestimmt etwas sagen. Sie bereiten sich gerade für ihren Transall-Flug nach Sofia vor.
Die Daten der Passagierliste stimmen nicht einmal zur Hälfte. Ich bin einer der wenigen mit richtigem Namen aber falschem Geburtsdatum. Seltsam ist auch, dass viele von uns am gleichen Tag geboren wurden, oder dass Ann-Kathrin laut Liste mit Herr angesprochen werden muss...
Und jedes Mal die gleiche Frage: Hoams Waffen doabei? Wenn ned, links unterschreibe, wenn joa, rechts. Nicht zu vergessen wären dabei Angaben zu Typ und Ausrüstung der Waffe. Fotoapparate werden zum Glück nicht als Waffen angesehen. Immerhin ein Trost. Auf meine Anfrage hin, ob ich denn im Flugzeug fotografieren kann: Durch die Fenster nach draußen hindurch, joa. Aber ned in das Flugzeug hinein, gell? Doch wenns koaner sieht, denn sieats halt koaner...
Während der Wartezeit werden uns die tollsten Geschichten aufgetischt. Sogar von hochrangigen Soldtaten gibts Sprüche wie: Zehn von zwanzig kotzen immer und ähnliches. Die Lautstärke im Flugzeug ist unerträglich. Lauter als draußen. Julia, die zum erstenmal fliegt, werden 20 Kotztüten und Tabletten gegen Übelkeit in die Hände gedrückt. Das alles lässt eine ziemliche Vorfreude auf den Flug entstehen, doch die Stimmung bleibt recht locker.

Unser Flugzeug
Um halb elf kommt dann schließlich die Lautsprecherdurchsage. Alle Passagiere für den Flug nach Sarajevo, Landeplatz Tuzla, bitte in den auf dem Vorfeld bereitstehenden Bus einsteigen. Mit dem Bus geht es dann über das Vorfeld zum Flugzeug. Die ersten Fotos sind geschossen, und niemand hat sich beschwert. Dann hat halt niemand was gesehen...
Über die Ladeklappe steigen wir in die Transall ein. Nicht gerade gemütlich. Eher rustikal. Es gibt vier von vorne nach hinten verlaufende Sitzplatzreihen. Genauer gesagt: Auf Stahlbalken gespanntes Segeltuch. Seitlich zur Flugrichtung zu sitzen ist sicherlich etwas gewöhnungsbedürftig. Doch es gibt genug Platz, da das Flugzeug nicht voll ausgelastet ist. Unser Gepäck wurde fest auf der Ladeklappe festgezurrt. Nun ja, militärische Gemütlichkeit eben.

Im Flugzeug
Die Ohrstöpsel helfen zwar etwas gegen den aufdröhnenden Motorenlärm, doch untereinander verständigen können wir uns jetzt überhaupt nicht mehr.
Die drei Bullaugen an jeder Seite bieten nicht gerade DAS Panorama. Nach einiger Ruckelei scheinen wir dann endlich auf die Startbahn gerollt zu sein.
Dann drehen die Motoren noch einmal auf, das Flugzeug fängt an zu vibrieren und hebt schließlich ab. Von den richtigen Sitzplätzen aus kann man jetzt die unter einem vorbeiziehende Landschaft durch die Bullaugen sehen.
Auf 2000 Meter heißt uns der Pilot schließlich in seiner Maschine willkommen, erwähnt, dass wir gerade über dem Starnberger See sind und uns nun abschnallen können. Wir dürften ihn auch gerne mal im Cockpit besuchen kommen. Wenn nicht alle gleichzeitig kämen.
Aus dem Cockpit bietet sich schon ein viel weitläufigerer Blick über die Landschaft. Rechts sind bereits die Alpen zu sehen, und links zieht München an uns vorbei. Fotografieren ist hier natürlich wieder mal verboten.
Beim Flug über die Alpen bieten sich uns wunderbare Ausblicke auf abgelegene Bergseen, bekannte Urlaubsorte, Skigebiete und natürlich die schroffen Gipfel. Der Flugweg führt über Linz und Graz nach Slovenien.

Zell am See
Bei jedem Richtungswechsel des Flugzeuges muss man sich im stehen schnell irgendwo festhalten, da es sonst recht ungemütlich werden kann. Einige Soldaten fragen uns darüber aus, was wir hier machen, da sie sich überhaupt keinen Reim daraus machen können, warum wir hier sind. Es ist sehr verwunderlich wie locker sie alle sind, überhaupt nicht direkt militärisch. Wenn man sich auf dem Weg zur anderen Flugzeugseite bewegen will, wird es oft recht eng doch es gibt keine Pöbeleien.
Über Slovenien beginnt dann leider schon wieder der Sinkflug. Der Pilot ruft in seiner Durchsage zum Anschnallen auf und es geht wieder abwärts. Man könnte die Atmosphäre im Flugzeug mit der der Science-Fiction Serie Space 2063 vergleichen. Ein anderer Vergleich liegt mir kaum näher.

St. Johann in Tirol
Die Luft ist in Richtung Bosnien immer diesiger geworden. Wir durchstoßen zwei lockere Wolkenschichten und nähern uns Tuzla. Vor dem Anflug auf Tuzla werden noch einige Runden gedreht. Während der Schräglage bekommen wir durch die Bullaugen den ersten Blick auf die Bosnische Landschaft. Unvermittelt sind plötzlich Baumspitzen zu sehen. Es gibt einen leichten Ruck, das Flugzeug fängt an zu vibrieren und wir sind gelandet.

Anflug auf Tuzla
Nachdem wir auf dem Rollfeld stehen geblieben und die Motoren abgeschaltet sind, können wir uns wieder abschnallen. Die Ladeklappe öffnet sich. Blendendes Licht fällt in das Flugzeug und die Militärbasis ist zu sehen. Der erste Blick fällt auf einen grünüberwachsenen Bunker und provisorischen Tower. Über das Rollfeld kommen vier Soldaten in verschwitzten Unterhemden angelaufen. Wir steigen der Reihe nach aus dem Flugzeug aus und Schwall! Wie durch eine unsichtbare Wand läuft man aus dem gekühlten Flugzeug in schwüle 35°C hinein. Ein unglaublicher Temperaturunterschied.
Sofort kommt ein deutscher MP-Soldat (Military Police) auf mich zu.
Steck sofort den Fotoaperat wech bevor ihn die Amerikaner sehen!
Ich werfe einen flüchtigen Blick auf einen etwa 50 Meter entfernten Humvee-Jeep mit aufmontierter Maschinenpistole. Dahinter sitzt ein in Schutzweste und Helm eingekleideter grimmig dreinsehender US-Soldat.
Ich: Wo soll ich den denn hin tun bitte?
MP: Steck ihn dir unters T-Shirt oder sonst wohin. Hauptsache die Amis sehen ihn nicht!
Echt eine schlaue Idee! Wie soll ich einen so großen Apperat unters T-Shirt stecken? Zum Glück hat Deniz einen Rucksack dabei.
Auf der Landebahn setzt währenddessen eine russische Passagiermaschine auf und rollt auf das Rollfeld. Die Maschine dreht einmal um 180 Grad und stößt uns Wartenden dabei einen heißen nach Kerosin stinkenden Abgasstrahl ins Gesicht. Als wenns nicht schon warm genug wäre.
Wir werden zu unserem Bus geführt und fahren zum Passagierabfertigung. Dabei darf der Bus sich nicht mit mehr als 15km/h durch das Lager bewegen. So bekommt man einen ersten Eindruck vom Lager. Die Amis scheinen echt alles von zu Hause mitgebracht haben was nur möglich war. Häuser in Holzbauweise, Amerikanische Autos mit US-Army-Kennzeichen, Shops, ja sogar ein kleines Autohaus. Es herrscht geschäftiges Treiben. Überall sind Soldaten unterwegs und Jeeps fahren über die Straßen. Auf einem riesigen Schild steht in großen Lettern geschrieben: Welcome to Eagle Base. Kitschiger könnte es kaum sein, aber man glaubt fast alles schon einmal in Hollywood-Streifen gesehen zu haben.
Ein einstöckiges neugebautes Haus stellt das Passagierterminal dar. Hier müssen wir erst einmal auf die Abfertigung warten. Wir setzen uns erst einmal alle in die Sitzreihen zu warten. Von ihnen hat man einen direkten Blick auf die zwei Schalterfenster. Eine zierliche Frau und ein bulliger Soldat, beide schwarzhäutig. Während er beim Arbeiten kaugummikauend und grinsend coole Sprüche abgibt, fertigt sie mit ihrer guten Laune in quietschig-Englischer Stimme die heimreisenden Soldaten und Soldatinnen ab. Das Kasperletheater lässt grüßen...
Scheinbar wurden beide hier hin abkommandiert, da sie verletzt sind. Jeder der Büroangestellten trägt im Schnitt mindestens einen Gips.
Es ist schon etwas gewöhnungsbedürftig zu sehen wie auch viele Soldatinnen wie selbstverständlich kommen und gehen.
So kommt natürlich unter uns wartenden zwischen Bunnis und Zivilisten - ein neuer Gesprächsstoff auf, da ja auch Frauen ab nächstem Jahr in der Bundeswehr alle Aufgaben übernehmen dürfen. Die Grundstimmung dem gegenüber scheint recht offen zu sein, ist aber nicht frei von Zweifeln.
Nach einiger Zeit kommt dann wieder der deutsche MP an. Er stellt sich in den Raum und gibt Befehle.
Guten Tag meine Herren! Ich verlese jetzt hier ein paar Namen! Wer aufgerufen wird, bitte links von mir stellen!
Er geht die Liste nach und nach durch. Als zweites werden die aufgerufen, die sich rechts von ihm hinstellen sollen.
So! Wer jetzt links von mir steht kommt bitte gleich mit zum CR53! Diese Personen werden dann zur Führereinweisung nach Raljovac geflogen! Alle anderen sitzen bitte in einer viertel Stunde auf den Bus auf!
Wer auf den Namen Führereinweisung gekommen ist, ist mir bis jetzt schleierhaft...
Vor dem Bus geht die Prozedur in ähnlicher Weise noch einmal von vorne los.
Wir fangen an mit den Zivilisten! Der Verantwortliche für die Schüler Philipp Appel - bitte nach vorne treten!
Philipp: Jawohl!
Ich rufe jetzt weitere Namen auf! Wer genannt wird, sitzt bitte auf den Bus auf! Herr Hagenah!
Ann-Kathrin erwidert protestierend: FRAU Hagenah!
Einige weitere solche Scherzchen folgen bis wir endlich alle komplett auf dem Bus aufsitzen.
Wir fahren noch ein Stück durch das Lager bevor wir zum Ausgang kommen. Da gibt es den Grand Gift Shop, den Jewelery Shop und ähnliches.
Am Ausgang kommt ein Amerikanischer MP in den Bus. Zuvor folgt noch eine Durchsage:
Wir verlassen jetzt das Lager. Bitte alle ihre ID-Karten rausholen, die Zivilisten zeigen ihre Personalausweise vor!
Der MP ist vom Aussehen her ein kleiner Lateinamerikaner, vor dem es schwer fällt Respekt zu haben. Zumal er kaum älter zu sein scheint als die Mehrzahl von uns. Eingepackt in Helm und Schutzkleidung, zwanghaft cool wirkend, geht er durch den Gang. Dabei nickt er jedes Mal leicht mit dem Kopf wenn er einen Ausweis gesehen hat. Deniz hat seinen türkischen Pass noch nicht einmal aufgeklappt und der MP geht trotzdem vorbei. Er zeigt mit strengem Blick zum Busfahrer nach oben und geht die Treppe hoch in die obere Busetage.
Dann geht es weiter. Die von uns, die das erste Mal in Bosnien sind, bekommen einen ersten Eindruck vom Land, leider aber nur im Vorbeifahren.
Auf halber Strecke machen wir im Gebirge vor einer Gaststätte Halt. Der CR-53 Helikopter fliegt während der Raucherpause über uns hinweg. Glücklicherweise ist der Bus klimatisiert. Man spürt überhaupt nichts von der Hitze hinter den Fenstern.
Nach einigen Stunden Fahrt kommen wir schließlich im Feldlager Raljovac an.
Wir werden von Hannah und Cornelius in Empfang genommen.
Mit den beiden SHL-Autos fahren wir denn endlich in das SHL-Haus in Sarajevo.
Nun sind wir erst einmal geschafft von der langen
Reise. Es gibt (nicht vegetarisches) Abendessen und wir
verbringen noch einen gemütlichen Abend...
Sascha Normann