Deutschland?
Wo ist das?

Ein Blick in den Spiegel verrät es. Wo kommen die ganzen Haare im Gesicht her? Die dunkle Haut? Der müde Blick?
Bin ich älter geworden?
Nein.
Ich habe mich verändert. Doch wohl weniger visuell als innerlich...


Wolkenkratzer und Slums: Caracas

Für kurze Zeit entweiche ich der grünen Hölle. Durch das idyllische Grün eines Stadtparks radle ich zur Busstation. Wo mir gestern noch ein Busfahrer nett angeboten hat, mein Rad heute mitzunehmen, steht heute sein Kollege mit abwehrendem Blick.
"żBicicleta? No tengo espacio!" - Fahrrad? Da habe ich kein Platz für!
Basta!
Alles Verhandeln lohnt nichts. Er bleibt stur. Ich einige mich mit einem Taxifahrer auf einen guten Preis und gebe ihm dann doch etwas mehr als verlangt. Ich werde die Bolivares sowieso nirgends auf der Welt mehr tauschen können; niemand will sie haben. Mein Rad wird mit Gepäckband in dem kleinen Kofferraum des Dodge befestigt. Vorbei an den afrikanischen Straßenverläufern nähern wir und der Küste und dem Flughafen. Der Taxifahrer ist sehr nett und fragt mich nach meinem Ziel.
"Nach Hause nach Alemania möchte ich" sage ich ihm.
"Alemania? Ein schööönes Land, nicht?" fragt er mich und fügt dann noch hinzu "Wo ist das eigentlich?"
"Ganz weit oben im Nordosten. Da wo es verdammt kalt werden kann" erkläre ich ihm.
Damit gibt er sich zufrieden. Dieses Land ist für ihn so unglaublich weit weg, dass er keinen weiteren Gedanken daran verschwenden will. Warum auch. Er muss sich hier um seine eigenen Probleme kümmern. Außerdem hat er sein Taxi und sein Leben. Das reicht doch.


Abschied

Im Flughafen befinde ich mich wieder inmitten von Restriktionen und Stress. Mühsam, und vor Schweiß triefend, verpacke ich mein Rad. Wieder bekomme ich keinen Fensterplatz in dem großen glänzenden Lufthansa-Jumbo. Irgendwie ist er ein Stück Heimat im fernen heißen Venezuela. Der Weg nach Deutschland ist schwieriger als Gedacht. Ich muss meine Filme erst vor dem X-Ray des Zoll und dann noch vor dem X-Ray der Lufthansa bewahren. Niemand traut dem anderen. Erst werde ich im Zoll kontrolliert, danach werde ich auf Metalle abgetastet und vor der Fluggastbrücke führen Lufthansa-Mitarbeiter an jedem Passagier eine Leibesvisitation durch.

Der Flug ist dunkel. Ich sehe einen deutschen Film und versuche mich mental auf meine Rückkehr vorzubereiten. Ich freue mich auf zu Hause. Andererseits verlasse ich Südamerika sehr ungerne.

Nach einer extrem kurzen Nacht geht die Sonne einige tausend Kilometer weiter nordwestlich wieder auf. Wir befinden uns über dem Golf von Biscaya und nur kurze Zeit später sitze ich in einer Wartehalle im Frankfurter Flughafen. In Bolivien habe ich eine solche Distanz nicht einmal in zwei Wochen zurücklegen können...

Die Menschen sind komisch. Besonders viele Frauen. Alle sprechen sie in einer so hochnäsigen aufdringlichen Stimme; eine Tonart, die in sie auch bei den Versuchen, Spanisch zu sprechen, sofort als Deutsche ausweist. Ich habe das Gefühl, in eine Gesellschaft voller unfreundlicher Menschen zurückgekehrt zu sein. Supjekive Wahrnehmung? Mein Sitznachbar im Flugzeug nach Hamburg ist wiederum ganz nett. Er kommt gerade aus Los Angeles, womit uns schon mal der Jetlag verbindet. Nach kurzem Flug überqueren wird bereits die Elbe. Dann die Marsch, Uetersen, mein zu Hause und viele andere Orte, die ich kenne. Es nieselt und es ist kalt.
Typischer Hamburger Nieselregen.


Home Sweet Home: Die Elbe im Nieselregen

Das Terminal des Hamburger Flughafens ist kühl und extrem sauber. Langsam gehe ich zum Gepäckband und bestehe dort noch eine letzte Geduldsprobe: Eine meiner Fahrradtaschen fehlt. Nach einer Weile kommt sie auf dem Gepäckband nachgeschoben und die Welt ist wieder in Ordnung. Hauptsache meine Fotos sind dabei.
Eigentlich wollte ich den restlichen Weg nach Hause mit dem Fahrrad fahren. Doch bei diesem Wetter? Ich habe seit 3 Monaten keinen solchen Regen mehr gesehen. Doch die Rettung steht gleich hinter den Zöllnern: Meine Mutter. Sichtlich bewegt nimmt sie mich in Empfang und wundert sich über die "vielen Haare" in meinem Gesicht. Die Reifen meines Fahrrades sind platt. Schlitternd ziehe ich es neben meiner Mutter durch den Regen. Sie drückt mir den Autoschlüssel in die Hand und fragt: "Willst Du fahren?"...

...FIN

Tag 83:
Caracas - ...
Tag 84:
... - Uetersen


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